Coronakrise

Brief an die Deutschschweiz aus dem Tessin: «Wir flüchten auch nicht einfach zu Euch»

Nicht einladend wie üblich: Das Ufer am Luganersee ist wegen der Coronakrise abgesperrt.

Nicht einladend wie üblich: Das Ufer am Luganersee ist wegen der Coronakrise abgesperrt.

Myrtha Rüttimann wohnt in Minusio. Sie ärgert sich über die Touristen aus der Deutschschweiz, die nach wie vor ins Tessin reisen - als wäre alles normal. Vor Ostern appelliert sie in einem Brief an die Vernunft.

Ich bin eine der Einwohnerinnen und Einwohner, welche die letzten dreieinhalb Wochen der rigorosen Coronaabriegelung mit meiner fünfjährigen Tochter im Tessin erlebte. Es ist traurig und angsteinflössend, was wir hier in Minusio bei Locarno erleben. Und es ist ein Riesenunterschied zur Situation in der Deutschschweiz. Was wir hier feststellen: Es gibt wirklich Menschen, die so arrogant oder ignorant sind, dass sie trotz Zeitungen, Fernsehen und den Infos des Bundes noch immer nicht begriffen haben, dass im Tessin der absolute Ausnahmezustand herrscht.

Am letzten Wochenende gab es hier sehr viele Autos aus der Deutschschweiz. Dabei sind die «Zweitwohnsitzler» derzeit von niemandem im Tessin erwünscht. Auch wenn sie ihr Essen selber mitschleppen und versichern, dass sie in ihrem Haus, in ihrer Wohnung bleiben möchten. Der Rasen am Feriensitz muss nicht jetzt gemäht werden, auch die Tessiner lassen es im Moment sein. Die Besucher, viele mit Wanderrucksäcken bepackt, kommen ohne sichtbare Schutzmassnahmen in einer Zeit zu uns, in der wir mit Schutzmasken gerüstet lediglich noch zum wöchentlichen Einkauf rausgehen. Kindern und Menschen über 65 ist der Eintritt an den meisten Orten untersagt. Den paar alten Menschen auf der Strasse steht die Angst in den Augen.

Eltern nutzen ihren Kindern gegenüber die Worte «Pass auf!» in der Endlosschleife, da eines der grössten Horrorszenarien ein Arztbesuch im Spital La Carità in Locarno ist. In den Lebensmittelläden sind langes Anstehen und sichtlich mitgenommene Verkäuferinnen Alltag. Überall stehen Securitas, auch Militär und viel Polizei. Verständlicherweise liegen auch ihnen die Nerven langsam blank. Ich lese zwar oft, dass die Leute gebeten werden, aus Solidaritätsgründen zu Hause zu bleiben. Nirgends steht aber, was einen genau im Sonnenkanton erwartet. Es wirkt wohl stärker, wenn den potenziellen Besuchern klargemacht wird, dass sie sich den Spaziergang an der Promenade in Ascona abschminken können. Und dass für die verängstigten Tessiner die Gäste jetzt nicht willkommen sind. Schliesslich haben wir die letzten Wochen auch nicht einfach unsere Koffer gepackt, um in die Deutschschweiz zu flüchten. Die Einheimischen werden zunehmend wütend, fühlen sich nicht ernst genommen.

Vielleicht sollten auch die wilden Camper wissen, dass die Polizei überall präsent ist und eine Velotour in einem der Täler keine Option gegen Langeweile sein darf. Dies nur schon, weil es derzeit keine Krankenwagen gibt, die auf verletzte Freizeitsportler und Ausflügler warten. Es ist normal, dass man bei der Einfahrt ins Maggiatal aufgehalten und befragt wird. Es ist verständlich, dass sich die Ortsansässigen ohne Balkon auch noch ein Plätzchen für sich wünschen. Dass Parkplätze und alle Promenaden, sowie sonstigen Orte geschlossen sind. Und dass ein Einkauf im Tessin momentan fast schon so etwas wie in den Krieg ziehen bedeutet.

Letztes Wochenende waren die ersten zwei Tage, an denen Krankenautos und Helikopter nicht 24 Stunden zu hören waren. Dennoch haben die Einwohner hier Angst vor dem nächsten Schritt, der kompletten Ausgangssperre. Wären der Auslöser hierfür Deutschschweizer Feriengäste, so wäre diese Konsequenz für uns Einheimische unglaublich unfair. In Italien ist die Reise zu den Zweitwohnsitzen verboten. Gemessen an der Zahl der ausserkantonalen Nummernschilder ist deutlich zu erkennen: Das wäre bei uns im Tessin leider auch nötig.

Cordiali saluti e arrivederci a presto.

Myrtha Rüttimann ist Leiterin Abopass Zentralschweiz bei CH Media und arbeitet derzeit im Home Office. Sie lebt mit ihrer fünfjährigen Tochter im Tessin.

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