Pro von Christoph Bopp: «Fortschritte im Lernverhalten sind Erfolge für den Lehrer»

«Non vitae sed scholae discimus» – «nicht für das Leben, für die Schule lernen wir», höhnte einst der Römer Seneca. Mittlerweile muss man geradezu aufpassen, dass die Schule nicht allzu sehr fürs Leben lernen lässt. Die Länder machen es uns schon vor. Gürtel enger schnallen, Ärmel zurückrollen, krampfen – wer sich nicht bis zum Äussersten anstrengt, geht unter. Und was für die nationale Wirtschaftspolitik recht ist, ist für das Wirtschaftssubjekt, das individuelle, nichts mehr als billig. Und wer das nicht in der Schule lernt, dass bei Strafe des Untergangs «volle Pulle» gefordert wird – und zwar 24/7 –, der wird das nie mehr schaffen.

Wofür wir lernen und wozu das alles – der Kompass ist uns schon lange abhandengekommen. Dass bei den Bildungseinrichtungen mit Blick auf ein ominöses Effizienzideal (und was bitte soll eigentlich rauskommen, wenn alles optimal läuft) gespart wird, was die Politik hergibt, macht die Sache nicht besser.

Kann uns die Benimm-Note hier etwas helfen? Kommt – wie immer – drauf an. Wenn es im guten alten Sinn ein Belohnungsinstrument ist für unterwürfiges Comportement und duckmäuserisches Anpassertum, für gebuckelte Unauffälligkeit oder gar als Rache- und Drohinstrument für überforderte Schulmeister, dann ist Hopfen und Malz eh schon verloren.

Aber immerhin soll das Kriterium ja «Lernverhalten» lauten. Nicht einmal «Fleiss». Denn Fleiss ist, das wissen wir, zwar durchaus eine Tugend, aber er stellt sich durchaus auch bei Interesse ein und muss nicht von der Wiege bis zur Bahre exerziert werden.

Und «Lernverhalten» kann dem Schulpersonal durchaus als Reflexiv-Kategorie dienen. Der Lehrer soll das ja durchaus auch ein bisschen vergleichend handhaben. Habe ich es geschafft, meine Schützlinge in dieser Beziehung weiterzubringen? Dass gewisse soziale Kompetenzen nicht mehr einfach vorausgesetzt werden dürfen, sondern halt – wenn’s die Familien nicht immer schaffen – in der Schule trainiert werden müssen, man muss es akzeptieren. Kann der Pauker da mit seiner Notengebung Fortschritte konstatieren und bezeugen, darf er sich das immerhin auch als pädagogische Leistung und Lehrerfolg zuschreiben.

Kontra von Nadja Rohner: «Wollen wir lauter Streber ohne Ecken und Kanten?»

In Zürich soll nun also das Lernverhalten benotet werden und für den Übertritt ins Gymnasium zählen. Wem hilft das denn? Die guten, lernwilligen Schüler kommen sowieso ins Gymi. Die schlechten Faulen nicht. Profitieren die schwächeren, aber fleissigen Schüler, die es dank einer guten Lern-Note doch noch ins Gymi schaffen? Kaum. Dort werden sie erst recht Mühe haben.
Bleibt die Schülerkategorie «gut, aber faul». Vielleicht hilft es denen, noch besser zu werden, wenn man sie zum Fleiss zwingt. Vielleicht wird aus der 5 in Englisch eine 6. Aus einem guten Schüler ein hervorragender. Ein Streber ohne Ecken und Kanten. Wollen wir das?

Zwar ist es wichtig, dass Kinder früh genug lernen, wie sie sich zu verhalten haben. Aber das ist erstens Sache der Eltern. Und zweitens bin ich dagegen, dass Schüler mit diesem Quasi-Zwang zu gutem Lern- und Arbeitsverhalten in eine weitere Schablone gepresst werden sollen, auf dass sie möglichst mit dem Strom schwimmen und den Lehrern das Leben nicht schwer machen. Kinder, die im Unterricht faulenzen und auch mal stören und frech werden, sind nicht unbedingt schlechte Schüler. Wer die Leistungsanforderungen erfüllt und gute Noten schreibt, soll ab und an auch renitent sein dürfen.

Kommt hinzu, dass die Bewertung des Lern- und Arbeitsverhaltens eine höchst subjektive Angelegenheit ist. Was, wenn der Lehrer so langweilig unterrichtet, dass die Schüler null Bock haben? Wenn der Lehrer die Note als Druckmittel braucht, um schwierige Pubertierende zu disziplinieren? Oder wenn ein Kind nicht mitmacht, weil es schüchtern ist? Wenn das Kind stört, weil man es nicht genug fordert?

Es war schon zu meiner Schulzeit so: Nur die braven, angepassten Schüler erhielten eine 6 im «Fleiss». Allerdings gings für uns nicht um einen Übertritt in die Kanti, sondern um eine Lehrstelle. Auch da waren wir drauf angewiesen, gute «Fleiss»-Noten zu haben – und im «Betragen» um Himmels willen nichts anderes als ein «gut». Aber: Es war letztlich nicht eine Rundungsstelle nach dem Komma, die den Ausschlag gab, ob wir die Lehrstelle bekamen. Sondern Einsatz, echtes Interesse und Motivation, die wir für unseren Wunschberuf zeigten. Das kann nicht erzwungen oder kategorisiert werden.