Was ist nur mit der Ostschweiz los?, fragte mich ein Aargauer Kollege nach dem überraschend klaren Nein des St. Galler und Thurgauer Stimmvolks zur Idee einer Landesausstellung Expo 2027 am Bodensee. Gute Frage.

Die Chance, sich dem Rest des Landes und den österreichischen, liechtensteinischen und deutschen Nachbarn in bestem Licht zu präsentieren, ist vertan.

Einfach so, an einem unscheinbaren Sonntag Anfang Juni. Einer Restschweiz notabene, die die Ostschweiz oft nur vom Hörensagen kennt.

Oder von der Quöllfrisch-Flasche, wo auf der Etikette der idyllische Seealpsee im Alpstein zu sehen ist. Jeder fünfte Romand war noch nie in der Deutschschweiz. Die Zahl jener, die weder Seealpsee noch die St. Galler Kathedrale kennen, dürfte höher sein.

Keine Lust auf grosse Würfe

Doch die Ostschweizer, ein konservativer, aber gutmütiger Menschenschlag, liessen sich partout nicht dazu verführen, einmal etwas Grosses zu wagen, selbstbewusst aufzutreten, dick aufzutragen, unverschämt zu sein, den Freundeidgenossen nicht nur die bieder-bürgerliche, sondern die verspielt-verrückte Seite des netten Ostens zu zeigen.

Oder kulinarisch ausgedrückt: Die Bratwurst ausnahmsweise mit Senf zu essen. Gründe dafür gibt es viele: Finanzpolitische Abenteuer sind nicht unser Ding.

Grosse künstlerische Würfe sowieso nicht. In der Stadt St. Gallen scheiterte die dringend nötige Sanierung des wichtigsten Platzes der Stadt mehrmals in Abstimmungen. Zankapfel war die Anzahl oberirdischer Parkplätze. Wahrlich sehr profan.

Wir blockieren uns selber. Die Thurgauer, die St. Galler, die Innerrhoder, die Ausserrhoder, die Toggenburger und die Rheintaler.

Die Ostschweiz als homogenen Block gibt es nicht. Das schlägt sich auf politischem Parkett in mangelnder Geschlossenheit nieder.

Etwa bei den Bundesratswahlen 2010, als zahlreiche Ostschweizer dem Berner Johann Schneider-Ammann den Vorzug gegenüber der eloquenten St. Gallerin Karin Keller-Sutter gaben.

Hinzu kommen eine Portion Naivität – das Leben ist schön, auch wenn man nichts wagt. Und die typisch ostschweizerische Bockigkeit.

Man lässt sich nichts vorschreiben, schon gar nicht von der Politik. Lasst uns in Ruhe, wir kriegen das schon alleine hin.

Diese Bockigkeit mutiert mitunter zur Selbstgefälligkeit. Man meint, das Rampenlicht gar nicht nötig zu haben. Sich inszenieren, sich kraftvoll für ein gemeinsames Projekt einsetzen, das sollen bitteschön andere tun.

Ein Irrtum. Wer nicht wahrgenommen wird, findet irgendwann nicht mehr statt. Wer stillsteht, fällt zurück. Wer zu spät das Gleis wechselt, verpasst den Anschluss. Zum Beispiel im Metropolitan-Konzept der Eidgenossenschaft.

Die Ostschweiz ist dort faktisch zur Mikroregion Zürich-Ost degradiert worden. Das dürfte weitreichende Konsequenzen auf die Finanzströme haben, die sich von Bundesbern in die entlegensten Winkel des Landes ergiessen.

Die Schweiz gehört insgesamt zu den Globalisierungsgewinnern. Wir sind ein Hotspot des Neoliberalismus. Die Folge: Hohe Löhne, hoher Wohlstand, hohe Zuwanderung.

Doch selbst innerhalb dieses Hotspots gibt es Zonen, die nicht mehr mithalten können. Die Ostschweiz läuft Gefahr, «abghänkt» zu werden, hält gar die «NZZ» fest.

Zürich, Basel und Bern sind die Zentren der Deutschschweiz. Der Arc Lémanique ist der dynamische welsche Gegenpol, Tessin, Wallis und Graubünden die pittoresken Naherholungszonen mit Subventionsgarantie.

«Wenn das so weitergeht, endet die Ostschweiz einmal so wie die neuen Bundesländer in Deutschland.

Wie ein verwahrlostes Grenzgebiet, in dem Bürgermilizen die Macht übernehmen».

Der Satiriker Gabriel Vetter ist natürlich polemisch. Doch der Abstand zwischen dem prosperierenden Millionen-Zürich und einer mit sich selbst beschäftigten, heterogenen, zur Selbstzufriedenheit neigenden Randregion wird tatsächlich grösser, nicht kleiner.

Das einzige Meer der Schweiz

Das Gute ist: Es gibt neue Gelegenheiten, die kleinbürgerliche Existenz nicht als Lebenselixier zu verstehen.

Die Ostschweiz war immer Nährboden für Ausserordentliches. Kurt Furgler war ein Staatsmann, nicht nur Departementsvorsteher. Und Niklaus Meienberg einer der grössten Intellektuellen des Landes.

Es gibt Tage, da sieht man am Bodensee das andere Ufer nicht mehr. Fast wie am Meer. Und so viele Schweizer wissen das nicht! Wie schade.