Familie

Boom auch bei Papa-Papa-Kind-Familien

Auf Elton Johns Spuren: Auch Schweizer Männerpaare kommen dank Leihmutter zu ihrem Wunschkind.

Auf Elton Johns Spuren: Auch Schweizer Männerpaare kommen dank Leihmutter zu ihrem Wunschkind.

Gleichgeschlechtliche Eltern sollen nicht auf Kinderglück verzichten müssen: Immer mehr Lesben und Schwule erfüllen sich ihren Kinderwunsch - auch in der Schweiz.

Familienleben über alles: In Umfragen bei 16- bis 25-jährigen Schweizer Jugendlichen steigt der Anteil der Familienbegeisterten kontinuierlich – für sie ist ein gutes Familienleben wichtiger als der Beruf oder Spass im Leben.

Die Familie zählt zunehmend aber auch bei gleichgeschlechtlichen Paaren. Mit dem Thema vertraute Fachleute sind sich einig: Es gibt einen Boom bei den Regenbogenfamilien. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 6000 und 30 000 Kinder in Regenbogenfamilien aufwachsen. Bei der Volkszählung 2010 wurde erstmals nach Kindern unter 25 Jahren in Haushalten mit gleichgeschlechtlichen Personen gefragt. Die Erhebung weist nur 461 derartige Haushalte aus (bei über einer Million Einfamilienhaushalten mit Kindern). Doch die Hochrechnung ist gemäss Bundesamt für Statistik «mit grosser Vorsicht zu interpretieren».

Natürlich gab es «schon immer» Kinder, die in Haushalten mit zwei Müttern oder zwei Vätern aufwuchsen, doch meist stammten sie aus früheren heterosexuellen Beziehungen ihrer Eltern. Ein neueres Phänomen ist es, dass sich jüngere gleichgeschlechtliche Paare ihren Kinderwunsch erfüllen (siehe Text rechts). Manche sprechen von einem «Lesby-Boom» (eine Kreation aus «Lesbe» und «Baby», respektive den englischen Begriffen dafür) – denn nach wie vor sind es meist lesbische Frauen, die Familien initiieren, wie Soziologin Eveline Y. Nay von der Universität Basel in ihrem diesen Frühling publizierten Artikel «Que(e)r zum Recht?» schreibt.

Die Zürcher Anwältin Eylem Copur spricht von einer rasanten Entwicklung: «Heute ist es schon eine völlig normale Diskussion, wie man als gleichgeschlechtliches Paar ein Kind bekommen kann. Das Partnerschaftsgesetz hat den Familiengründungen enormen Schub gegeben.»

Eigentlich paradox, denn gleichgeschlechtliche Paare begegnen restriktiven gesetzlichen Regelungen: Eine eingetragene Partnerschaft soll in den Augen des Gesetzgebers keine Grundlage für eine Familiengründung darstellen, wie Soziologin Nay darlegt. So ist Paaren in eingetragener Partnerschaft etwa der Zugang zu fortpflanzungsmedizinischen Technologien untersagt, und sie können auch keine Kinder adoptieren.

Nur: Davon lassen sich gleichgeschlechtliche Paare mit Kinderwunsch nicht abhalten (siehe Artikel unten). Für Copur, die selbst in eingetragener Partnerschaft lebt, liegt die Erklärung auf der Hand: «Das Volks-Ja zum Partnerschaftsgesetz im Jahr 2005 zeigt, dass die schwul-lesbische Lebensweise akzeptiert ist. Nun wollen diese Paare auch an der verschiedengeschlechtlichen Gesellschaft partizipieren. Kurz: Sie wollen mitspielen.»

Zwei Väter für ein Baby

Dies gilt – als neuere Tendenz – auch für Männer: «Bei den Beratungen des Partnerschaftsgesetzes haben sich die Schwulen eher zurückgehalten», sagt Copur. «Nun aber ist bei den Männern ein Boom feststellbar.» Sie weiss von mehreren Männerpaaren, die sich ihren Kinderwunsch erfüllt haben – ohne Hilfe von Lesben. Obwohl diese Männer zumindest in der Schweiz als Pioniere gelten dürften, seien sie sich ihrer Sache sehr sicher, sagt Copur: «Ich staune über die Haltung dieser Männer: Sie erfüllen sich ihren Kinderwunsch mit einer grossen Selbstverständlichkeit.»

Die Männerpaare wählen dafür den Weg der Leihmutterschaft – ein Verfahren, das in der Schweiz verboten ist. Trotzdem ist es für Schweizer Männer ein Leichtes, via Agentur etwa in den USA, wo die Leihmutterschaft in einigen Staaten erlaubt ist, ein Kind zu bekommen. Die Leihmutter legt nach der Geburt sämtliche elterlichen Rechte ab. Darauf anerkennen die örtlichen Behörden den Partner des leiblichen Vaters als zweiten Elternteil und lassen ihn das Baby adoptieren.

Zurück in der Schweiz bringen die frischgebackenen Väter diese ausländische Urkunde aufs Amt, um die Elternschaft hier rechtlich anerkennen zu lassen. Derzeit sind diesbezüglich in mehreren Kantonen Verfahren am Laufen. Bei der Anerkennung der Urkunde sind zwei Punkte heikel: Einerseits handelt es sich um ein gleichgeschlechtliches Paar, dem nach heutiger Rechtslage in der Schweiz die Möglichkeit der Stiefkindadoption untersagt ist.

Andererseits geht es um die verbotene Leihmutterschaft. Positiv wirkt sich bei der Anerkennung aus, wenn einer der Väter Bürger des Urteilslandes ist oder dort Wohnsitz hat. Noch haben die Schweizer Behörden hingegen kein ausländisches Adoptionsurteil anerkannt, bei dem die gleichgeschlechtlichen Eltern keinen Bezug zum Land haben, in dem ihr Kind geboren worden ist.

Treffs in allen Landesteilen

Den Boom bei den Regenbogenfamilien bekommt auch Maria von Känel hautnah mit. Die Vizepräsidentin des 2010 gegründeten Dachverbands Regenbogenfamilien berichtet von mehr Anfragen, mehr Mitgliedern, mehr Treffs für Interessierte in Städten in allen Landesteilen. «Heute können junge Schwule, Lesben, Bisexuelle oder Transmenschen diesen Lebensentwurf unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung wählen», sagt von Känel.

Dies habe mit Aufklärungsarbeit und mit der grösseren Sichtbarkeit der Lebens- und Familienvielfalt zu tun. Für die zweifache Mutter steht fest: «Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transmenschen verspüren einen Kinderwunsch, wie Heterosexuelle auch.»

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