Stellen wir uns vor: Ein Land befindet sich am Abgrund. Am Himmel kreisen bedrohlich riesenhafte Flugmaschinen, in den Bombenschächten todbringende Fracht, jenseits des Kanals marschieren Legionen hochgerüsteter Soldaten auf, die verbündeten Staaten sind längst wie Dominosteine gefallen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die feindliche Flagge über dem Regierungsgebäude weht.

Zu dieser schicksalshaften Stunde räuspert sich der Landesvater vor dem Radiomikrofon, und hält eine Ansprache, welche die Nation aus der angstvollen Starre löst. Blut, Schweiss und Tränen verlangt er von der Bevölkerung. Im Gegenzug verspricht er ihnen: die Freiheit. Ein fairer Deal. 

Nein, es geht natürlich nicht um die Schweiz. Es geht um England im Jahr 1940 und die längst zum YouTube-Hit und zur Blaupause kreativarmer Motivationscoachs gewordene Widerstandsrede Winston Churchills.

Jonas Projer muss bei der Planung dieser «Arena» im Hintergrund eine Zweitweltkriegs-Doku in der Endlosschlaufe abgespielt haben. Anders ist der bizarre Einspieler nicht zu erklären, mit dem der SRF-Moderator gegen Ende der Sendung den politischen Zustand der Schweiz tongewaltig darzustellen versuchte. 

Schon der Einleitung mangelte es nicht an Pathos. Projer erläuterte das Konzept dieser «Arena» auf eine Art, dass man meinte, der Mann habe gerade das Rad neu erfunden. Ein Experiment war es, ein runder Tisch, eine kleine Abwechslung zur etwas steif gewordenen «Arena»-Form. Aber Projers Ankündigung erweckte den Eindruck, die SRF-Leute hätten mit blossen Händen den Leutschenbachtower auseinandergenommen und an den Steilhängen des Eigers neu errichtet. 

Der Unterschied zu einer herkömmlichen «Arena»-Ausgabe war dann in erster Linie ein logistischer: Die Gäste sassen. An einem Tisch. Einem runden Tisch. Das sollte in der Theorie für ein bisschen Nähe und Geselligkeit sorgen, und führte in der Praxis dazu, dass sich die Gäste nun halt höflich ein bisschen Sendezeit erellbögelten, anstatt monologisierend am Einzeltisch in die Kamera zu predigen.

Politischer Trümmerhaufen

Anlass für diese revolutionäre «Arena»-Ausgabe war die Zeitenwende, die man in diesem Land spürt oder auch nicht, je nach Feinfühligkeit des eigenen politischen Seismografen. Das Scheitern der USR III war die erste Erschütterung, die Ablehnung der Altersreform 2020 die zweite. Jetzt gilt es, in den Trümmerhaufen nach den Überresten der einst so stolzen Konkordanzdemokratie zu graben. 

Der Suchtrupp bestand aus: Viola Amherd, CVP-Nationalrätin und hoch gehandelte Kandidatin für die Nachfolge von Doris Leuthard. Hansjörg Walter, umgänglicher SVP-Brummbär, bekannt geworden als Ritter der traurigen Gestalt in verschiedenen Bundesratswahlen. SRF-Politologe a. D. Claude Longchamp, der erstmals ohne Fliege, dafür mit umso mehr lockeren Sprüchen im Köcher vor die Kamera trat. Katja Gentinetta, zwischen Politphilosophin und Populärpsychologin oszillierend, und schliesslich Lukas Bärfuss, der sich irgendwann im Herbst 2015 daran erinnert hatte, dass kein Naturgesetz Schriftstellern es untersagt, ihre Schreibstube zu verlassen und wütende politische Pamphlete ins Land zu tippen.

Das Ende der Konkordanz

Quo vadis, Konkordanzdemokratie? Und wann hat das alles eigentlich angefangen mit dem Ende des Konsenses? Claude Longchamp begab sich ganz zu Beginn dieser Sendung in die Rolle des Chronisten und erzählte die Geschichte, die man sich in diesem Land schon lange erzählt. «Seit 1995 reden wir von der Polarisierung der Politik.» Heisst konkret: die Ablehnung des EWR, der Aufstieg der SVP, das Auseinanderdriften der Polparteien, die Verrohung der Sprache, das Hochfahren der Zugbrücken, das Ende des guten alten Händedrucks übers eigene ideologische Lager hinaus.

Es war eine ziemlich grosse Kiste, die in dieser «Arena» verhandelt wurde. Auf der Anklagebank von Scharfrichter Projer sassen: die Politiker. Die Medien. Die Verbände. Die Wirtschaft. Sie alle erfuhren in den letzten 20, 30 Jahren aus den einen oder anderen Gründen einen tiefgreifenden Wandel und beeinflussten so das politische System der Schweiz. Und zwar negativ. 

Longchamp ortete die Bewegungsunfähigkeit des politischen Systems in der fehlenden Bereitschaft, Kompromisse zu schmieden, was sich in der Flut destruktiver Referenden niederschlage. Gentinetta machte es Mühe, dass sich Politiker im Bundeshaus wie Theaterschauspieler verhielten, worauf Longchamp schmunzelnd entgegnete, die Bundeshaus-Architektur sei nicht zufällig einem Theater nachempfunden. Amherd beklagte sich ganz uneigennützig darüber, dass die Polparteien mit ihrem Dauerwahlkampfgetöse auch die eigentlich seriös werkelnden Mitteparteien ganz konfus machten, während SVP-Nationalrat Walter rührig sachpolitische Miniaturfiguren hin und her schob, und schon bald einmal in der grossen Komplikation des USR-III-Räderwerks verloren ging. 

Das war eine grosse Kakophonie, und hätte Bärfuss nicht einen streitlustigen Tag erwischt, hätte sich diese Runde gemütlich und gescheit ins Wochenende geplaudert. Aber der Schriftsteller schoss einen Giftpfeil nach dem anderen in die Runde, und traf das eine oder andere Mal ins Schwarze. «Wenn ich euch zuhöre, dann tönt mir das alles nach einem Gejammere, die Medien sind schuld, die anderen sind schuld. Ihr seid noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen», wetterte der Berner Schriftsteller. Bärfuss beklagte die Delegitimierung der Politik, den Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Politiker und die Partikularisierung der Gesellschaft. Vor allem aber machte er auf einen Umstand aufmerksam, der mit der Digitalisierung rasant Fahrt aufgenommen hat: «Der Bürger», so Bärfuss, «führt viel mehr Diskurs, als die Politik überhaupt spiegeln kann.» Man könnte auch sagen: Während der Bürger längst mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts diskutiert, partizipiert er politisch noch immer im 19. Jahrhundert. 

Gerne hätte man im Anschluss ein bisschen mehr über die Herausforderungen des bärfussschen 21. Jahrhunderts erfahren, aber zu diesem Zeitpunkt war SVP-Walter aus seinem Dämmerzustand erwacht, weil er gerade von links und rechts gedeckelt worden war für die Obstruktionspolitik seiner Partei. Diese Schelte war ein bisschen unfair, schliesslich ist Walter beileibe kein Scharfmacher à la Köppel und Wobmann, aber in Ermangelung der fiesen Oberbosse knöpfte man sich den Unterhund vor. Und während Gentinetta Hansjörg Walter massregelte und dabei wohl an Christoph Blocher dachte, spielte sich in den Mundwinkeln des Thurgauers das Drama einer ganzen politischen Karriere im Zeitraffer ab. 

Dabei hatte Walter zuvor noch den gescheiten Satz gesagt: «Kompromisse finden, das kann man nicht in der Öffentlichkeit», und damit unfreiwillig ganz grundlegend den Erkenntnisgewinn jeder öffentlichen Debatte in Zweifel gezogen. Eine ähnliche Aussage kostete damals Hillary Clinton im US-Wahlkampf wahrscheinlich die eine oder andere Stimme. Walter kann's egal sein. Die Schweiz ist nicht die USA und Walters politische Karriere neigt sich ohnehin dem Ende zu. 

Was bleibt von dieser «Arena»? Die Gewissheit, dass auch nach zwei verpatzten Reformen noch keine Bomben auf Bern fallen werden, sondern höchstens ein paar Türen ins Schloss. Die Erkenntnis, dass es allemal ergiebiger ist, eine Roundtable-«Arena» zu verfolgen als eine Nationalratsdebatte. Und die Ernüchterung, dass auch am runden Tisch dreingeredet wird. 

Was fehlte dieser Arena? Sicherlich kein Blut, kein Schweiss und keine Tränen. Aber eine Flasche Wein. Mindestens.