Bologna
Bologna-Protest nun auch in Zürich

Am Internationalen Studententag kritisierten auch Zürcher Studierende die Missstände der Bologna-Reform.

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Uni Zürich

Uni Zürich

Aargauer Zeitung

Martin Reichlin

Protest wird wieder gross geschrieben bei den Studenten. Ob in Deutschland, England, Italien, Polen, Österreich, den USA oder der Schweiz - aus rund 70 Universitäten von San Francisco bis Basel wurden gestern Streiks und Besetzungen von Hörsälen gemeldet. An vielen weiteren Universitäten, wie etwa in Genf, Bern oder Zürich, wurden Sit-ins oder Versammlungen abgehalten.

Mehrere hundert Studenten haben am Abend in Zürich an einer offenen Plenumssitzung der Gruppe «Uni von unten» (UVU) teilgenommen. «Our Education Is Not For Sale » lautet der Slogan der Studierenden und ihr Unmut richtet sich gegen gekürzte Bildungsetats, höhere Studiengebühren - und die «Bologna-Reform», jenes Abkommen, mit dem 1999 23 europäische Bildungsminister die Schaffung eines «koordinierten europäischen Hochschulraums » besiegelten.

Kernpunkte des Programms sind die zweiteilige Uni-Ausbildung mit Bachelor- und Master-Stufe sowie ein einheitliches Punktesystem zur Anrechnung der Leistungen der Studenten (European Credit Transfer and Accumulation System, ECTS). Mehr Mobilität, höhere Qualität und die Förderung einer europäischen Dimension im Hochschulbereich, so lauten die Reformziele.

Doch die Reform habe inakzeptable Nebenwirkungen, klagen die Studenten - und mit ihnen einzelne Professoren. So habe die Mobilität der Studenten abgenommen, da erstens Strukturen, aber nicht Inhalte der Studiengänge international angeglichen wurden, und zweitens das Zeitfenster für einen Austausch zu klein sei. «Wenn die Zeit für einen Austausch reif wäre, muss man sich schon voll auf den Bachelor konzentrieren», erklärt ein UVU-Sprecher.

Die Folge: 88 Prozent der Studenten wechseln vom Bachelor- ins Masterstudium, aber nur 8,5 Prozent wechselt je an eine andere Uni. Zudem seien die Studiengänge so vollgepackt mit Klausuren, Hausarbeiten und Veranstaltungen, um die benötigten Punkte zu sammeln, dass vielen Studenten die Zeit für einen Nebenjob fehle. «Damit fehlt aber häufig das Geld für ein Auslandsemester », so der Student. Kurt Imhof, Zürcher Professor für Soziologie, sprach in der «NZZ am Sonntag» angesichts des dichten Lehrplans auch von «Bullemie-Lernen: reinfuttern, auskotzen, vergessen.» Schliesslich zweifelt der UVUSprecher an der Qualität des dreijährigen Bachelor-Studiums: «Das ist nicht genug Zeit, um sich vertieft mit der Materie auseinander zu setzen.

Weshalb man annehmen muss, das hier einfach Abgänger für die Wirtschaft ‹produziert› werden.» Dass die Hochschulen immer abhängiger von Drittmitteln aus der Wirtschaft seien, um im internationalen Uni-Wettkampf mithalten zu können, verstärke diesen Trend. Raymond Werlen,

Stellvertreter Generalsekretär der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten anerkennt, dass die Umsetzung der Bologna-Reform noch verbessert werden könne. Er sieht die grösste Herausforderung allerdings bei den Dozenten. «Der Mehraufwand, den die Reform mit sich bringt, ist beträchtlich. Hier haben wir Nachholbedarf, damit genug Kapazität für Forschung und Studentenbetreuung sichergestellt ist.»

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