Affäre Hildebrand
Blocher war sicher, dass er Hildebrand stürzen kann

Nach den Wirren der letzten Tage liefert Blocher jetzt die Bestätigung seiner Rolle in der Affäre Hildebrand doch noch nach, wenn auch indirekt, in Form eines Artikels in der heutigen «Weltwoche».

Lorenz Honegger und Sermîn Faki
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Hat einen deutschen Ururgrossvater: Christoph Blocher.

Hat einen deutschen Ururgrossvater: Christoph Blocher.

Noch am Sonntag spielte SVP-Chefstratege Christoph Blocher die Rolle des Unwissenden. Ihm sei nicht bekannt, dass er dem Bundesrat am 15. Dezember Kontoauszüge des Nationalbankpräsidenten vorgelegt habe, die auf Insiderhandel hindeuteten, sagte er nach seiner Neujahrsrede. Seither hat er kein Wort mehr zur Affäre um den ihm missliebigen Philipp Hildebrand von sich gegeben.

Seine Parteikollegen, so auch der Zürcher Nationalrat Hans Kaufmann, streuten aber fleissig falsche Gerüchte. «Möglicherweise handelt sich um eine Erfindung der Sonntagspresse», sagte Kaufmann zu Berichten, wonach Blocher Hildebrand angeschwärzt habe. Das Dementi Kaufmanns war wohl etwas ungeschickt. Denn er gehörte vermutlich selbst zum Kreis der Eingeweihten. Noch vor Publikwerden der Affäre Hildebrand hatte er am 23. Dezember eine Interpellation eingereicht, in der er wissen wollte, mit welchen Vorschriften die Nationalbank Insiderhandel vorbeuge.

Bestätigung per «Weltwoche»

Nach den Wirren der letzten Tage liefert Blocher jetzt die Bestätigung seiner Rolle in der Affäre Hildebrand doch noch nach, wenn auch indirekt, in Form eines Artikels in der heutigen «Weltwoche». Dem SVP-freundlich gesinnten Blatt liegen Kontoauszüge Hildebrands vor – und die kann es nur mit dem Einverständnis Blochers erhalten haben.

Die Belege hatte ihm ein Mitarbeiter der Bank Sarasin am 11. November unter Verletzung des Bankgeheimnisses ausgehändigt. Ein SVP-naher Anwalt übernahm laut einer Sarasin-Medienmitteilung die Funktion des Vermittlers. Unklar ist bis heute, weshalb Blocher danach gut einen Monat zuwartete, bevor er den Bundesrat kontaktierte.

Der heutige «Weltwoche»-Artikel beinhaltet neben ruppigen Vorwürfen an die Adresse von Hildebrand auch ein paar aufschlussreiche Passagen: So wird bei der Lektüre deutlich, dass Blocher nichts weniger als den Sturz des Nationalbankpräsidenten Philipp Hildebrand im Sinn hatte, als er am 15. Dezember mit kompromittierenden Bankbelegen bei Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey vorstellig wurde.

Er war sich seiner Sache sicher und glaubte, dass Hildebrand nun den Rückhalt des Bundesrates verlieren würde. Ihm schwebte ein «diskreter, gesundheitlich motivierter Rücktritt» des Nationalbankpräsidenten vor, wie die «Weltwoche» schreibt. So überzeugt war er von seinem Plan, dass er die Informationen weder der Presse noch den Strafverfolgungsbehörden gab, womit er Hildebrand weit mehr Schaden hätte zufügen können.

Doch Blocher irrte. Unabhängig voneinander befanden die Revisionsgesellschaft PricewaterhouseCoopers sowie das Direktorium der Eidgenössischen Finanzkontrolle, dass Hildebrand das Reglement über Eigengeschäfte nicht verletzt hatte. Der Putsch war misslungen.

Kampagne wiederbelebt

Mit der Veröffentlichung von Hildebrands Kontoauszügen in der «Weltwoche» zieht Blocher die Konsequenzen und haucht seiner öffentlichen Kampagne gegen die Nationalbank neues Leben ein. Begonnen hatte er sie vor ziemlich genau einem Jahr – in Zusammenarbeit mit der «Weltwoche»: «Wer stoppt Philipp Hildebrand?» fragte deren Chefredaktor Roger Köppel am 23. Dezember 2010 in seinem Editorial. Der Präsident der SNB habe «innert kürzester Zeit erhebliche Wohlstandsverluste produziert».

Die Antwort auf Köppels Frage folgte einen Monat später. An der Albisgütli-Tagung der SVP am 21. Januar letzten Jahres ritt Blocher eine scharfe Attacke gegen die Nationalbank und deren Präsidenten und forderte kurz danach den Rücktritt Hildebrands. Die Kampagne fand ihren Höhepunkt in Inseraten, in denen die SVP behauptete, die Nationalbank habe die Schweiz «auf den Weg der bankrotten Euro-Staaten» geführt. Und noch im Juli sagte Blocher in einem «Weltwoche»-Interview: «Philipp Hildebrand ist nicht mehr tragbar.»

Im August kehrte dann der Wind der öffentlichen Meinung so stark, dass Blocher und der «Weltwoche»-Chef einen Gang zurückschalteten. Köppel schrieb: «Selbst neuerliche Währungsverluste wären hinzunehmen, wenn sie denn zum gewünschten Ziel führten. Falsch wäre es, wenn Hildebrand durch Kritik an früheren Operationen in Lähmung verfiele. Wünschen wir der SNB-Spitze Weisheit und Kraft bei ihren nächsten Schritten.» Die guten Wünsche haben seit heute ihre Gültigkeit verloren.