Der Mensch hat das Wallis domestiziert. Und der Fussball. Kein Bergweiler ohne abenteuerlichen Zubringer, kein Dorf ohne Fussballplatz. So auch in Ulrichen im Goms, Sepp Blatters Heimatort.

Sepp-Blatter-Fussballplatz steht am Maschendraht, der den kleinen Rasen umschliesst. Wie die Feldgrösse entsprechen auch die Tore nicht den internationalen Fussballstandards.

Im langen Bergtal im Oberwallis, wo es an Platz für grosse Fussballfelder mangelt, spielen die Mannschaften in einer separaten Liga: der Gommer Meisterschaft. Jahr für Jahr kämpfen die acht Mann starken Teams um den Pokal.

Das Goms hat zwar seine eigene Liga, gespielt wird aber zu Fifa-Regeln. Ein Verdienst Sepp Blatters. Als die Gommer bis vor wenigen Jahren am alljährlichen Sepp-Blatter-Turnier immer noch mit Rückpässen spielten, die der Goalie aufnehmen durfte, sagte Blatter: «Das geht so nicht. Ihr sollt nach Fifa-Regeln spielen.»

FIFA-Präsidentenwahl: Was denken die alten Fussballkollegen über Sepp Blatter?

Was denken die alten Fussballkollegen über Sepp Blatter? Ein Besuch am Stammtisch – noch vor Wiederwahl und Rücktritt.

Ermittlungen? Na und?

In Ulrichen kickten schon Michel Platini und Franz Beckenbauer. Immer dabei auch der Fifa-Chef, dessen Urgrossvater aus Ulrichen stammte.

Blatter ist in Ulrichen heimatberechtigt, das seit der Fusion mit Obergesteln und Oberwald Obergoms heisst. Er war nicht nur Fahnenpate, seit 1998, als er zum Fifa-Präsidenten gewählt wurde, ist er sogar Ehrenburger.

Eine Ehre, die er sich heute nur mit einer zweiten Person teilen muss: Martin Werlen, dem ehemaligen Promi-Abt in Einsiedeln.

Die Fifa-Präsidentschaft gibt Blatter bald ab, Ehrenburger bleibt er. Denn: Komme was wolle – im Wallis ist er zu Gast bei Freunden.

Auf dem Rasen treffen wir den OK-Präsidenten des Sepp-Blatter-Fussballturniers Philipp Blatter. Die beiden Fussballfunktionäre sind über mehrere Generationen miteinander verwandt.

Ist verletzt: Die Tochter von Sepp Blatter kritisiert die öffentliche Haltung gegenüber ihrem Vater.

Ist verletzt: Die Tochter von Sepp Blatter kritisiert die öffentliche Haltung gegenüber ihrem Vater.

Später stösst der Gemeindepräsident dazu, Christian Imsand. «Einer von uns», sei der Sepp, sagen die beiden Ulricher. An der Durchführung des 18. Sepp-Blatter-Turniers ändere Sepps angekündeter Rücktritt nichts.

Die Walliser sind so fussballverrückt wie in Sepp Blatter vernarrt. Er ist Lokalmatador und mächtigster Walliser zugleich. Hier hat er ein Heimspiel. Auch jetzt, wo es die Amerikaner und die halbe Welt auf ihn abgesehen haben – im Wallis vertraut man ihm.

In den von US-Medien gemeldeten Ermittlungen des FBI gegen ihren Sepp erkennen sie das wenig schmackhafte Resultat einer Gerüchteküche. Was aber, wenn Blatter sich was zu Schulden hat kommen lassen?

«Es hat keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen», sagt Gemeindepräsident Imsand. Im Gegenteil: «Blatter hat so viel für den Fussball getan. Und auch fürs Wallis.»

OK-Präsident Philipp Blatter ergänzt: «Ein Schweizer an der Spitze der Fifa brachte der Schweiz viel Aufmerksamkeit. Das Land wird Sepp noch vermissen.»

Sepp Blatter klammerte sich 18 Jahre an der Macht fest. «Ich bin eine Walliser Berggeiss, die immer läuft und läuft und läuft, man kann mich nicht bremsen, ich gehe immer weiter», sagte er noch letzte Woche. Wie eine Gommer Ziege über Stock und Stein? In Ulrichen will ihn niemand in den Bergen herumkraxeln gesehen haben.

Walliser brauchen keine Berater

«Der hat wohl gar keine Bergschuhe mehr», sagt ein Stammgast im bekannten Bistro Napoleon in Visp, unserer nächsten Station. Es wird von Blatters Schwiegersohn geführt.

Die Bergschuhe hat Blatter längst mit feinem Leder eingetauscht. Denn Blatters Zuhause sind die Jets, die Luxushotels auf der ganzen Welt.

Welch ein Kontrast: In Visp in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, arbeitete Blatter als junger Bursche in einem Hotel in Saas-Fee, wo er Eisbrocken vom Gletscher holen musste. Und damit den Kühlbetrieb sicher stellte.

Heute zapft sein Schwiegersohn Dominik Andenmatten im «Napoleon» kühles Bier. «Nicht, dass du jetzt noch hochnäsig wirst!», ruft ein Stammgast ihm zu.

Er spricht damit das immense Medieninteresse um ihn und seine Frau Corinne an, Sepp Blatters Tochter. An der Bar steht sogar ein PR-Berater aus England, der sich an die Familie heften will.

Auch ihm blieb der Medienrummel nicht verborgen. «Wir brauchen keine Berater», sagt Andenmatten.

Und Sepp? Hätte er vielleicht etwas besser auf seine Familie hören und früher zurücktreten sollen? Andenmatten antwortet: «Vielleicht. Aber nicht aus juristischen, sondern medizinischen Gründen.»

In Visp ist sogar das Primarschulhaus nach Sepp Blatter benannt. Davor spielen Kinder Fussball. Was halten sie von Sepp Blatter? «Der ist super», findet das grösste Mädchen, das die Jungs mit ihren Tricks alt aussehen lässt.

«Schade, dass er abtritt. Aber könnt ihr uns beim Fussballspiel fotografieren, wo wir doch gerade dabei sind, zu gewinnen?»