Biografie
Alle nannten ihn «Energiepapst»: Jetzt ist eine Biografie über Michael Kohn erschienen

Michael Kohn war eine Instanz in der Stromindustrie – und verhasst bei Atomkraftgegnern. Nun liegt eine Biografie vor.

Karl Lüönd*
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Michael Kohn (1925-2018) posiert 2006 vor dem AKW Gösgen

Michael Kohn (1925-2018) posiert 2006 vor dem AKW Gösgen

Bild: Andreas Eggenberger

Er war der Chef-Lobbyist der Atomenergie und die Hassfigur für manche Umweltschützer. Aber anders als die meisten Strippenzieher wich er keiner öffentlichen Diskussion aus. Der gelernte Bauingenieur Michael Kohn (1925–2018) verstand es, das Wesentliche seines Fachs in die Öffentlichkeit und vor allem in die Politik zu tragen. Und er erlernte die wirtschaftliche Seite der Stromindustrie.

Jetzt ist die Biografie des Mannes erschienen, den alle den «Energiepapst» nannten. Das Buch lebt von den vielen, von Kohn noch autorisierten Selbstzeugnissen. Leider blieb ihm nicht mehr die Zeit, das gesamte Manuskript gegenzulesen. Die entscheidende Wende in Kohns Leben war, dass der Ingenieur zum Manager, später zum Unternehmensleiter von Motor-Columbus (1975–1985) wurde. Wesentlich dafür waren die drei Jahre, die er als Ingenieur beim Jordan-Wasserwerk in Israel verbrachte. Dort knüpfte er wertvolle Kontakte für die Schweizer Maschinenindustrie und lernte, sich in ungewohnten Situationen zurechtzufinden. Das Erste, was er am See Tiberias hörte, war der wohlmeinende Rat: «Tragen Sie hier nie ein weisses Hemd! Sie würden es den Scharfschützen zu einfach machen.»

Kohns führten ein Leben auf gepackten Koffern

Später, nach einer schnellen Karriere, versuchte Michael Kohn als Unternehmensleiter die Diversifikation von Motor- Columbus in neue, nicht elektrizitätsbezogene Arbeitsbereiche. Da zeigte sich, dass der Papst nicht unfehlbar war. Er scheiterte auch mit dem Kernkraftwerk Kaiseraugst und setzte sich dafür – mit Hilfe seines Freundes, dem SP-Bundesrat Willi Ritschard – mit dem «Plan B» in Gösgen durch. Dabei lernte er den Einfluss der Politik kennen. Der Aargauer Regierung war das Schicksal des Projekts im entlegenen Kaiseraugst ziemlich egal. Dagegen setzten sich die Solothurner mit aller Macht für Gösgen ein.

Am Ende seiner Laufbahn kehrte Kohn als kurzzeitiger Präsident des Israelitischen Gemeindebunds und als Vermittler zwischen den angriffigen jüdischen Organisationen aus den USA und dem Schweizer Staat zu seinen Wurzeln zurück. Zugleich bemühte er sich als gesuchter Berater, die grünen Klimaziele mit den wirtschaftlichen Zwängen in Einklang zu bringen. Michael Kohn gehörte zur zweiten Generation jüdischer Einwanderer aus Ostpolen. Sein Vater wurde nach La Chaux-de-Fonds geschickt, um den Uhrmacherberuf zu erlernen. Aber er fand keine Stelle und tat sich mit seinem jüngeren Bruder zusammen. Sie wurden «Schmattes-Jiden», Tuchjuden, die mit ihren Kleiderkollektionen die Jahrmärkte abklapperten. Nach einigen schwierigen Jahren hatten die beiden das Glück, an der Langstrasse in Zürich ein Geschäftshaus kaufen zu können.

Michael war das einzige Kind. Seine Mutter stammte aus Bessarabien. Als Halbwüchsiger half Michael gern im Laden aus. Einmal musste er zäh klebende Plakate vom Schaufenster abkratzen, auf denen unbekannte Fröntler den Spruch gedruckt hatten: «Kauft nicht beim Juden!» Kohn sagte später: «An der Langstrasse habe ich gelernt, mich mit den einfachen Leuten zu verständigen.» Die Kohns, nicht besonders religiös, sondern eher zionistisch eingestellt, wohnten weit weg von der Synagoge in Zürich-Unterstrass. Der Vater, bekümmert darüber, weil sein Sohn studieren wollte, leistete noch mit 50 Jahren Aktivdienst. Michael Kohn erinnerte sich: «Die Aussicht, bald an Leib und Leben bedroht zu sein, war für uns Alltagsrealität. Wir lebten jahrelang auf gepackten Koffern. Aber wir sprachen nie darüber.»

Er verstand Bauen als patriotische Pflicht

Einige Blocks von der elterlichen Wohnung entfernt, an der ETH, machte Michael in Rekordzeit sein Diplom. Die Professoren kümmerten sich um Praktikumsplätze. 1952 kam er zu Motor-Columbus, der Ingenieur- und Finanzierungsgesellschaft des BBC-Konzerns. Auf der Kraftwerksbaustelle Zervreila arbeitete Kohn im Stollen. Ihm und seiner ganzen Generation fiel es nicht im Traum ein, den Sinn ihrer Tätigkeit in Frage zu stellen. «Für uns war das Bauen eine patriotische Pflicht. Die Schweiz hatte viel nachzuholen.» Die Mentalität der ersten Manager-Generation nach dem Krieg!

1974 trat Michael Kohn als Präsident der Kommission für die Gesamtenergie-Konzeption hervor: 114 ganztägige Sitzungen in vier Jahren! Hoch angerechnet wurde ihm, dass er nicht einfach ein Patentrezept verkündete, sondern sorgfältig 13 Szenarien– von ultraliberal bis total verstaatlicht – zur Auswahl vorlegte. Kohns Kommissionsbericht war lange eine wichtige Grundlage der Schweizer Energiepolitik.

*Der Autor ist Journalist und Publizist. Sein Buch: Der Energiepapst. Wirken, Werk und Werte von Michael Kohn. Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik», 124 S., 29 Fr.