Kurt Imhof hat es versucht. Er war ein scharf denkender und pointiert formulierender Akademiker. Seine Texte (der letzte über die Krisen der Öffentlichkeit 2011 zum Beispiel) waren nicht leicht zu lesen, aber argumentativ auf der Höhe der Diskussion. Andererseits scheute der Professor der allgemeinen Soziologie die Öffentlichkeit nicht. Ging es um «etwas Gesellschaftliches» – und wann ginge es nicht darum? –, war Kurt Imhof meist gerne bereit für ein kurzes Statement. Das trug ihm bei den Journalisten den Ruf ein, ein «Hansdampf in allen Gassen» zu sein, der sich zu allem und jedem äussere. Das mag sein. Aber ich hatte jedenfalls nie den Eindruck, es mangle dem Geäusserten an Kompetenz oder Sachkenntnis. Auch ich stellte einige dumme Fragen. Und bekam meist eine oder mehrere Antworten, die weiter reichten als der Horizont der jeweiligen Frage. Man soll nicht die Akademiker für ihre Elfenbeintürme tadeln und es dann nicht schätzen, wenn wirklich einer, der oben nichts mehr zu beweisen braucht, aus ihnen heruntersteigt.

Sein öffentlichkeitswirksamstes Projekt war gleichzeitig sein umstrittenstes. Wenigstens in der Presse. Das Jahrbuch «Qualität der Medien» erregte bei jedem Erscheinen Widerspruch. Die Qualität sahen Imhof und sein Team nämlich gefährdet. Die Kritik war wissenschaftlich solid und methodisch gut abgesichert. Der Widerspruch rührte eher daher, dass «Qualität» sich bei Medien und ihren Produkten kaum «wert»-frei – und das heisst eben in diesem Zusammenhang immer ein bisschen zirkulär – definiert werden kann. Wenn Medien das machen, was man von ihnen fordert, ist die Qualität gut. Wenn sie das machen, was offenbar der grossen Mehrzahl ihrer Konsumenten und damit (via Reichweiten und Nutzerzahlen) auch der Werbung gefällt, leidet die Qualität.

Medien und Öffentlichkeit – das ist, seit es Demokratie gibt, unauflösbar verbunden. Was wir wissen, über die Welt, über die Schweiz, über uns, wissen wir aus den Massenmedien. Wir haben es nicht nur medial erworben, sondern es wird auch medial bestätigt und verstärkt. Wenn die Medien den Staatsbürger durch den Konsumenten ersetzen, gibt es ein Problem. Dieses Problem ist institutionell. Unterschwellig schwingt natürlich mit, dass uns dieser Wandel auch «dumm» macht, weil wir so viel Aufmerksamkeitspotenzial jeden Tag in «unpolitischem Medienkonsum» verschwenden.

Die Kritik an seiner Kritik gab Imhof allerdings zuletzt recht. Man sagte: «Imhof übertreibt. Die Leute wollen nicht immer nur über Politik lesen.» Und brachte dann Gegenbeispiele, die zeigen sollten, dass die neuen Medien, auch die sozialen, die Menschheit doch nicht verdummten. «Ich erhielt über Twitter so viele interessante Lesetipps wie nie zuvor.»

Der moderne Begriff der Öffentlichkeit» stammt aus der Aufklärung. «Aufklärung» ist eine Epoche. Was die Öffentlichkeit betrifft, ist Aufklärung aber ein Auftrag. Einer, der durchaus erfüllt werden kann, aber deswegen nicht aufhört zu bestehen. Kurt Imhof war einer, der an diesen Auftrag glaubte, der ihn durchaus hartnäckig und ziemlich unbeirrt verfolgte. Kurt Imhof ist nicht mehr da. Der Auftrag bleibt – uns.