Hans Ambühl
Bildungs-Revolutionär tritt ab: Der Erfinder von «Harmos» geht in Pension

Der Generalsekretär der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren Hans Ambühl hat die Harmonisierung der schweizerischen Bildungslandschaft vorangetrieben. Jetzt geht der Harmos-Erfinder in Pension.

Dennis Bühler
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Alex Spichale

Einige Müllsäcke und Kartonschachteln hat Hans Ambühl am Mittwochmorgen der vergangenen Woche noch zu füllen, bevor er sein Büro heute Montag seiner Nachfolgerin übergeben kann. In 18 Jahren als Generalsekretär der kantonalen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) sammle sich halt so manches Dokument an, sagt er mit Blick auf das Chaos.

In seinem umfangreichen Archiv gefunden hat Ambühl bei den Aufräumarbeiten unter anderem die Abschiedsrede seines Vorgängers Moritz Arnet, der wie er Luzerner ist und der EDK ebenfalls weit mehr als ein Jahrzehnt gedient hatte. «Arnet forderte 1999 bei seinem Rücktritt, das Verhältnis zwischen Bund und Kantonen im Bildungsbereich sei produktiv zu klären», sagt Ambühl.

Was seinem Vorgänger noch misslang, ist Ambühls «grösstes Verdienst», wie der damalige EDK-Präsident Hans Ulrich Stöckling sagt. «Er hat die Harmonisierung der Schweizer Bildungslandschaft vorwärtsgetrieben, ohne sie zu überstürzen.» Bis vor rund zehn Jahren habe die Oberstufe je nach Kanton irgendwann zwischen der 4. und 6. Klasse begonnen, erinnert sich der inzwischen 76-jährige ehemalige St. Galler FDP-Regierungsrat. «Dies ändern zu wollen, galt als revolutionär. Heute ist diese Eigenbrötlerei zum Glück überwunden.»

Im Mai 2006 nämlich sagten 86 Prozent der Stimmbürger und alle Stände Ja zur Revision der Bildungsartikel in der Bundesverfassung. Die entsprechende «Interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule» – besser bekannt als Harmos-Konkordat – trat drei Jahre später in Kraft. Auch wenn nach wie vor nicht alle Kantone mittun. Das Konkordat enthält Bestimmungen zur Dauer und zu den Zielen der Bildungsstufen, zum Sprachenunterricht sowie zu Blockzeiten und Tagesstrukturen.

Aufschnaufen vor Weihnachten

Die Sprachenfrage hat Ambühl bis zuletzt beschäftigt. Erst unmittelbar vor Weihnachten gab Bundesrat Alain Berset bekannt, auf eine Intervention bei den Kantonen zu verzichten, und nahm so etwas Dampf aus der seit Jahren tobenden Auseinandersetzung um Zeitpunkt und Reihenfolge des Fremdsprachenunterrichts in der Primarschule. «Ob ich gezittert habe?», fragt Ambühl zurück und schmunzelt. «Nein. Ich bin nicht so der ‹Zitteri›.»

Besonders genoss Ambühl während der vergangenen zwei Jahrzehnte den Austausch mit ausländischen Bildungsexperten. «Die Diskussionen, die wir hierzulande führen, sind oft zu helvetisch zentriert», kritisiert er. «Fast könnte man beispielsweise meinen, die Schweiz sei das einzige Land, das Kindern Fremdsprachen lehrt.» Die Vehemenz, mit welcher der frühe Sprachunterricht bekämpft wird, überrascht Ambühl. Mit Blick auf andere Länder könne man sich fragen, ob man ausgerechnet in der mehrsprachigen Schweizewig über diese Frage debattieren wolle. «Ich würde mir oft eine Entideologisierung der Debatte und mehr Vertrauen in Experten wünschen.»

Schädel in Verwesungszustand

Wichtiger als Ideologie war Ambühl Humor. «Oft lachten wir zusammen, verschmitzt wie Schulbuben», erinnert sich Christoph Eymann, der die EDK von 2013 bis Ende 2016 präsidierte. Gut erinnere er sich an eine Konferenz im Wallis im vergangenen Jahr, so der Basler Alt-Regierungsrat (LDP) und Nationalrat. «Bildungsdirektor Oskar Freysinger, der unser Gastgeber war, verkündete, sein Kanton müsse sparen und habe deshalb auf ein kulturelles Rahmenprogramm verzichtet – und stattdessen ihm aufgetragen, uns mit Liedern zu unterhalten. Ambühl und ich schauten uns, starr vor Schreck, an – und lachten dann lauthals los. Zum Glück hatte auch Freysinger seine Drohung nicht ernst gemeint.»

Als Präsident der Schweizerischen Maturitätskommission sowie der Auslandschweizerschulen bleibt Ambühl vorderhand mit der Bildungspolitik verbunden. «Ich rücke bloss noch etwas mehr in den Hintergrund», sagt der ausgebildete Jurist und dreifache Vater. «Das freut mich.» Von seinem Schreibtisch im Attikageschoss des Hauses der Kantone in Bern blickte Ambühl die letzten Jahre auf ein Ölgemälde des Innerschweizer Malers Charles Wyrsch, auf dem Schädel in unterschiedlichem Verwesungszustand zu sehen sind.

«Alles ist vergänglich», sagt Ambühl. Sorgen bereitet ihm das nicht. Zumal: Maler Wyrsch wird demnächst 97-jährig.

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