Augenschein

Biel ist die Stadt mit der höchsten Sozialhilfe-Quote der Schweiz

Eine der brennendsten Fragen gegenwärtig hat einen speziellen Brennpunkt – Biel, eine Stadt mit grossen Sozialhilfe-Problemen. In welche Richtung geht hier die Entwicklung? Fasst die Stadt Schwung oder «kippt» sie? Was wir hörten, ändert Klischees.

Wenn schon eine Maschine sich weigert, Vorurteile auszuspucken, dann sollte der Mensch bestimmt keine mehr hegen. Die Maschine (Google) fütterten wir mit zwei Four-Letter-Words: Das eine war Biel, das andere Siff. Letzteres genügt den Leuten, um über Biel Schmählieder zu leiern, Arien des Spotts und Degouts, bestenfalls einen faden Blues. Die Maschine liefert da andere Töne: zornige Oden, die Biel rühmen und feiern, die gerade im Siff und Russ den Goldstaub der Stadt erkennen.

Etwa die Stimme von Fabian Sommer (33): «Wir sind unsere Stadt, das ist für immer.» Das klingt fast nach Schwur. Ein bisschen Pathos schadet womöglich nicht bei so viel Coolness, die Sommer an den Tag legt. Sicher schadet Zuspruch nicht für Biel. Oder «Trotz», wie Sommer es nennt.

«Wir Alles-ausser-Biel-ist-Scheisse-Schreier sind einfach froh, rauszugehen und mit jemandem ins Gespräch zu kommen, der nicht die gleiche Hornbrille trägt wie wir.» Das schrieb Sommer in seiner regelmässigen Bieler-Kolumne für die «Berner-Zeitung». Sie endete dieses Jahr, driftet aber weiter im Internet. Biel forever – das markiert Sommer auch auf dem Arm, als Stadtwappen-Tattoo. «Ein Biel-Nazi bin ich deswegen nicht.»

Wir sitzen in zwei legendären Lokalen, in der «Rotonde» im Volkshaus und im «Odeon». Sie schicken Besucher auf futuristische Zeitreise im Schwung der Dreissigerjahre. Weil solche Ensembles sonst wo kaum mehr existieren, wurde der Guisan-Platz fürs bahnhofsnahe Ortsschnuppern zum Wahrzeichen Biels (Kurzflanierer aber verpassen viel).
Die Leute vom Service begrüssen Sommer, als wäre er einer von ihnen. In jeder Stadt der Medium-Klasse läuft das so (Biel hat 55 000 Einwohner, knapp ein Drittel sind Ausländer). Aber wäre ein Local Hero anderswo auch Kulturredaktor und Gründer einer hippen Bar? Vielleicht in Los Angeles, in Berlin, vielleicht nicht mal da – aber jederzeit in Biel.

Warum hat Biel den «Groove», wie ihn Sommer liebt? «Ich weiss es nicht», sagt er, «ich habe es deutlich im Gefühl. Das Leben hier wirkt unverstellter, offener als anderswo.» Dazu trügen die vielen Ausländer bei, aber nicht nur sie: «Es gibt junge, freche, kreative Leute, die gehen später wohl kaum mehr weg. Geil wird die Stadt erst, wenn man sie kennt.»

Es ist ein Gang von einer halben Stunde, um zu erleben, wie das Gefühl umschlägt. Ein Gang aus Biels mittelalterlicher Schatulle mit französischem Provinzflair zu den Wohnblöcken der Sechzigerjahre im Quartier Madretsch gegenüber, erstaunlich ungeniert «Getto» geheissen.

Der Weg führt über den Zentralplatz der Gründerzeit, wo es leicht seichelet um die Fontänen – oder ist es der Beton-Topfblumen süsslich-schwüler Duft? Ein Backpacker flötet sich die Luft aus den Lungen und kriegt dennoch kein Münz in den umgedrehten Hut. Jungvolk dreht Zigaretten, umwabert von den üblichen Schwaden. Ein Japaner fotografiert – die reisen offenbar immer individueller. Die vielgestaltige Szenerie erinnert von fern an Londons Soho, so wie viele Ecken Biels wie Mikrosplitter weit grösserer Städte wirken.

Dann aber ist Madretsch kaum mehr zu vergleichen. Es sei denn mit jenem Siedlungsbrei, Banlieue oder Agglo genannt, den es überall gibt, ohne dass man wüsste, wo genau man sich befindet. Man läuft keineswegs raus aus Biel oder verliesse gar das Land. Das Abenteuer führt in eine Schweiz, deren Realität sorgsam ausgeblendet wird in Kalendern, Heimatkunde, Reportagen. «SRF bi de Lüt» wird hier nie gastieren, jeder Idylliker schlagartig depressiv. Trotzdem bleibt’s eine starke Erfahrung. Urbaner Tourismus sozusagen.

Man trottet an Beizen vorbei, wo das Leben nicht mehr viel wert scheint, was eine eigentümliche Sehnsucht weckt, gerade hier «abzuhängen», buchstäblich. Es sind in der protzig aufgehübschten Schweiz seltene Oasen geworden für filzig-gelbliche Haarschöpfe, brütende Unklarheit, schwere Beine. Die Kraft reicht nicht mal mehr dazu, sich über Frauen im Tschador am Nebentisch aufzuregen, die sich im reinsten Seeländer-Dialekt unterhalten: «Trudy, bist das etwa du unterm Schleier?»

Hier gibt es Klassenzimmer, in denen mittlerweile fast hundert Prozent Ausländerkinder sitzen, weswegen junge Schweizer Familien fortziehen. Hier aber kommt uns auch ein Wort von Dieter Stamm in den Sinn, seit 22 Jahren ansässig in Biel, Autor von mehreren Krimis mit aufschlussreichem Lokalkolorit. Stamm sagte, mit Blick auf alle, die da kommen und gehen: «Jeder fühlt sich hier schnell als Bieler, weil es eben keine Bieler gibt. Jeder ist irgendwann zugezogen.»

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