Anne-Regula Keller

Das Schlösschen Vorder-Bleichenberg ist wohl der bekannteste der einstigen Steckhöfe auf Biberister Boden. Steckhöfe waren mit Weiden und Wald ausgestattete Bauerngüter, die zu keiner Dorfgemarkung gehörten. Der Name leitet sich ab von den Steckenzäunen um diese ausgesiedelten Höfe wohlhabender Städter vor den Toren einer Stadt. Das bestätigt der Solothurner Namenforscher Rolf Max Kully: «Bis Ende des 18. Jahrhunderts waren nur die Dörfer als Siedlungsraum und - während der Wachstumsperiode - die beiden beackerten der drei Zelgen umzäunt. Erst dann wurde der Flurzwang aufgehoben, der vorschrieb, in welcher Zelge dieses Jahr Sommer- und in welcher Winterweizen angebaut wurde.» Die dritte Zelge wurde als Brachland beweidet. Jeder Bauernhof hatte sein Agrarland innerhalb der drei Zelgen, dazu kam die Allmend, auf der jeder Dorfbewohner sein Vieh weiden lassen durfte.

Steckenzaun als Rechtsgrenze

«Die Steckhöfe unterlagen dem erwähnten Flurzwang, nicht», erklärt Kully. «Sie waren eigenständige Wirtschaftseinheiten, in denen das Stadtrecht galt. Mit Stecken grenzten die Patrizier ihren ganzen Grundbesitz ab.» Der Bezeichnung «Steckpark» für den grünen Freihaltegürtel zwischen Stadt und dem Dorf Biberist kann Kully wenig Gutes abgewinnen: «Das ist ein sprachlicher Greuel. Gemäss der Herkunft der Worte müsste der Park hochdeutsch ‹Steckenpark› beziehungsweise schweizerdeutsch ‹Stäckpark› (nach den alten Stäckhöfen) oder ‹Stäckepark› heissen.

Perlenkette von Schlösschen und Höfen

Auf dem Bleichenberg gab es mindestens einen weiteren Steckhof, der hintere Bleichenberg (heute St.-Elisabethen-Heim) und vielleicht war auch der Bromegghof einer. Steckhöfe hatte es laut Staatsarchivar Andreas Fankhauser in seinem Beitrag im Biberister Dorfbuch von 1993 weiter in der Enge, auf dem Schöngrün (Gibelinsches Sommerhaus), beim Freien Platz (Abzweigung Wassergasse beim Spital), auf dem Lerchenfeld, am Buchrain (Steinerhof), in der Kalberweid (Lackenhöfli), beim Dreibeinskreuz und auf dem Hohberg.

Auch der Spitalhof und der Suryhof (zwischen Wassergasse und Lunaweg) gehörten dazu. Besitzer dieser Steckhöfe waren Solothurner Patrizier wie etwa die von Sury, die Besenval oder die Wallier, die sich zum Teil im Sommer dort aufhielten. Dauerbewohner waren hingegen die Pächter und Dienstboten. Sie zahlten nirgendwo Hintersässengeld und fühlten sich loyal der Stadt zugehörig.

Biberist profitiert von Helvetik

Eine Folge der Helvetischen Republik (siehe Text links) war, dass das Distrikteinteilungsgesetz vom 15. Mai 1798 die Steckhöfe südlich der Aare vom Bleichenberg bis zum Hohberg (fast bei Lüsslingen) dem Distrikthauptort Biberist zuteilte. Denn die Machthaber der Helvetik wollten klare Zugehörigkeitsverhältnisse, die sich auch an den Gemeindegrenzen ablesen liessen. So kam Biberist zu seinem heutigen Grüngürtel.

Die Mediationsverfassung restaurierte 1803 im Kanton Solothurn zum Teil vorrevolutionäre Zustände. Der Distrikt Solothurn-Biberist wurde in die Oberämter Solothurn, Lebern, Bucheggberg und Kriegstetten (ganzes Wasseramt) aufgeteilt. Die neuen, klar definierten Gemeindegrenzen blieben aber. Auch jene von Biberist. Die von der Helvetik geschaffene Einwohnergemeinde verschwand, die Bürgergemeindeblieb bestehen wie vor 1798. Diese Restauration bedeutete bedeutete eine erneute massive Besserstellung der Ortsbürger, die zudem allein Anteil am Bürgernutzen hatten. Das änderte erst die Bundesverfassung von 1874.

Erbitterter Streit um Steckhöfe

Weil die Steckhofbesitzer in Solothurn am Bürgernutzen beteiligt waren und dort steuerpflichtig waren, machte die Stadt weiterhin Ansprüche auf diese Bauerngüter geltend. Als sie 1799 französische Soldaten in den Steckhöfen einquartierte, protestierte die Munizipalität Biberist vehement. Erst recht, als Solothurn vom helvetischen Parlament eine Ausweitung der Stadtgrenzen forderte. Die Querelen dauerten über die Mediation, die an den Distriktgrenzen festhielt, hinaus. Ein letzter Anlauf der Stadt scheiterte 1807, weil sich Biberist zusammen mit Ammannsegg und Lohn energisch für die aktuellen Grenzen wehrte. Seither wurde die Biberister Nordgrenze nie mehr verändert.

Die Steckhofbewohner - in der Regel noch immer loyal zu ihrem städtischen Gutsherrn - waren nun zwar Biberister, erhielten aber 1803 nicht automatisch dessen Gemeindebürgerrecht zugesprochen. Als Hintersassen wurden sie wie ortsfremde Kantonsbürger behandelt und waren bis 1848 völlig vom Wohlwollen der Biberister Dorfaristokratie abhängig.