Bezirkshauptort Affoltern – quo vadis?

Marty und Läubli

Marty und Läubli

Die Planungszone verlängern oder – wie vorgesehen – im Sommer aufheben, damit die Investoren am Autobahnschluss bauen können? Fragen wie diese beschäftigen in Affoltern derzeit. An sie «gekettet» sind weitere Themen wie Entwicklungen, zu denen die beiden Affoltemer Gemeindepräsidumskandidaten Hans Läubli und Robert Marty nachstehend Stellung nehmen.

«Anzeiger»: In Zürich und Zug hat man den Verkehr entflechtet. In Affoltern rollt der öffentliche Verkehr über die gleiche Route wie der Zubringerverkehr zur Autobahn. Ist die geplante Spange mit zweiter Autobahnquerung eine Lösung - auch wenn die «Umfahrung» durch Wohngebiet führt?
Robert Marty: Die Spange soll den Verkehr entflechten und ist eine Variante. Über andere Varianten kann man zwar diskutieren, allerdings fehlen dafür Einträge im regionalen wie im kantonalen Richtplan und das Pla- nungsverfahren müsste von vorne beginnen. Der Hinweis, die Spange führe durch Wohngebiet, ist übrigens zu präzisieren. Es sind einzelne Wohnobjekte betroffen, die in der Gewerbe- bzw. Industriezone erstellt wurden.
Hans Läubli: Die Spange allein ist keine Lösung. Es muss eine umfassendere Verkehrsplanung erfolgen. Dabei müssen auch die beiden Kreisel (Jumbo/Bahnhof) und die Untere Bahnhof-
strasse bis zum Sternenkreisel mit einbezogen werden. Erst dann kann beurteilt werden, ob die Spange sinnvoll ist.

Was, ausser dieser Spange, könnte man tun, um den vorausgesagten Verkehrskollaps zu verhindern?
Hans Läubli: Die Möglichkeiten zum Bau verkehrsintensiver Einrichtungen sind einzuschränken.
Robert Marty: Weniger Auto fahren! Nein seriös. Es gibt wohl langfristig nur die Alternativen Entflechtung oder Stau.

Betroffene wehren sich mit einer Initiative; sie befürchten zwischen 17 und 19 Uhr Rückstaus von gegen einem Kilometer. Sie verlangen eine Verlängerung der bis Mitte 2010 befristeten Planungszone um zwei Jahre - mehr Zeit, um die auch durch Hornbach und Albispark latenter werdenden Verkehrsprobleme rund um den Autobahnanschluss zu lösen. Ist die Verlängerung sinnvoll oder werden damit Investoren «mürbe» gemacht?
Robert Marty: Mit einer Verlängerung werden die Investoren ganz sicher mürbe gemacht. Sie erhalten keine Garantie, dass nach weiteren zwei Jahren eine Lösung für das grösste Arbeitsplatzgebiet im Knonauer Amt vorhanden ist.
Hans Läubli: Eine Verlängerung scheint mir im Moment unumgänglich, da ich mir kaum vorstellen kann, dass in nützlicher Frist eine umfassende und nachhaltige Lösung gefunden werden kann.

Wäre die teilweise Aufhebung der Planungszone sinnvoll? Dann könnte zum Beispiel die Hess Immobilien AG mit der Realisierung der OVA-Überbauung beginnen. Die liegt ja nicht so nahe am Autobahnanschluss wie Hornbach und Migros-Albispark.
Hans Läubli: Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass mit der Überbauung des OVA-Areals begonnen werden sollte, Hier sind ja keine verkehrsintensiven Einrichtungen geplant. Eine teilweise Aufhebung der Planungszone ist meines Wissens möglich, wenn keine Einsprachen gemacht werden. Potentielle Gegner eines solchen Vorgehens müssten also mit Gesprächen, und allseitig befriedigenden Lösungen vor allem bezüglich der Erschliessung des Parkhauses, überzeugt werden.
Robert Marty: Ohne Detailkenntnisse des Projektes «OVA-Überbauung» ist diese Frage nicht beantwortbar. Im Sinne von Treu und Glauben und einer schrittweisen Bauentwicklung tendiere ich zu einer solchen Lösung.

Zwischen Hedingen und Mettmenstetten sind seit der Autobahneröffnung die Staus verschwunden. Sind die geplanten flankierenden Massnahmen in Affoltern vor diesem Hintergrund noch sinnvoll? Verkehrsteilnehmende könnten so den subjektiven Eindruck gewinnen, es sei erschwerend, durchs Dorf zu fahren.
Robert Marty: «FLAMAS» wie in Dachlissen, Obfelden oder Birmensdorf sind total daneben. Dadurch wird Geld verschleudert. Einen Gewinn an Sicherheit oder Lärm- bzw. Emissionsreduktionen bringen diese Massnahmen auf jeden Fall nicht. Ob für Affoltern sinnvollere Massnahmen geplant sind, weiss ich nicht. Das Verkehrsaufkommen kann jedenfalls mit den bestehenden Strassen bestens bewältigt werden.
Hans Läubli: Der Verkehrsfluss konsolidiert sich nicht innerhalb von zwei Monaten. Um die Verkehrsentwicklung nach der Autobahn-Eröffnung beurteilen zu können, braucht es mehr Zeit. Die Ortsdurchfahrt auf der Zürichstrasse und der Unteren Bahnhofstrasse ist durch die Abnahme des Verkehrs nicht weniger gefährlich geworden. Das Gegenteil ist eher der Fall! Nachhaltige Entlastung vom Durchfahrtsverkehr mittels flankierender Massnahmen und der Schutz der Fussgänger, insbesondere der Schüler, die nach wie vor die Zürichstrasse überqueren müssen, sind dringend notwendig.

Soll Affoltern weiter wachsen? Schwanden wird dereinst überbaut. Es gibt auch Bestrebungen, das Hedigerfeld, wo die grösste Baulandreserve liegt, einzuzonen. Ist das sinnvoll?
Hans Läubli: Die bestehenden Bauzonen sind sinnvoll voll zu nutzen, statt weitere Gebiete einzuzonen. Es ist eher anzustreben, im Zentrum zu verdichten, statt am Rand weitere Siedlungen entstehen zu lassen.
Robert Marty: Wachstum per se ist für mich kein erstrebenswertes Ziel. Eine Ausweitung der bisherigen Bauzonen (dazu gehört auch die Reservezone) ist zur Zeit aus meiner Sicht nicht angezeigt. Sinnvoller scheint mir, darauf hinzuwirken, dass die heute vorhandenen Baulandreserven nach und nach überbaut werden.

Die Ansiedlung guter Steuerzahler könnte den Bezirkshauptort aus dem engen Finanzkorsett befreien. Ist der heutige finanzielle Spielraum zu eng?
Robert Marty: Eigentlich besteht finanziell gar kein Spielraum. Als Folge des Finanzausgleichs besteht eine hohe Abhängigkeit gegenüber dem Kanton.
Die Ansiedelung guter Steuerzahler muss selbstverständlich ein Ziel sein. Es braucht aber sehr viele solcher «Steuersubjekte» (insbesondere auch Unternehmen), die den Weg nach Affoltern finden, bis unsere Gemeinde auch ohne Finanzausgleich haushalten kann.
Hans Läubli: Der heutige finanzielle Spielraum ist zu eng. Als Ausgleichsgemeinde ist Affoltern durch den Kanton in seiner Finanzautonomie eingeschränkt. Es dürfte allerdings schwierig sein, kurzfristig die Gemeindefinanzen so zu sanieren, dass Affoltern auf den Steuerfussausgleich verzichten könnte.

Ist es denkbar, gute Steuerzahler mit Methoden, wie sie zum Beispiel Obwalden anwendet, nach Affoltern zu locken?
Hans Läubli: Hierzu hätte die Gemeinde, auch wenn sie wollte, keine Möglichkeit. Die Gemeindeversammlung kann im Rahmen der kantonalen Gesetzgebung den Steuerfuss für die Gemeinde festlegen, nicht aber Sondererlasse für Gutverdienende und Wohlhabende. Dies liegt in der Kompetenz des Kantons. Eine solche Finanzpolitik lehne ich allerdings klar ab.
Robert Marty: Denkbar ist alles. Affoltern ist aber nicht mit Obwalden zu vergleichen. Wir verfügen über viele Standortvorteile und haben solche Methoden nicht nötig.

Sind Sie bereit, mit gewissen Entgegenkommen florierende Unternehmen in Affoltern zu halten?
Robert Marty: Grundsätzlich sind alle Unternehmen gleich zu behandeln. Fair, partnerschaftlich, zuvorkommend. Aus diesem Grund tendiere ich auch für eine rasche Aufhebung der Planungszone. Wenn Unternehmen Bauland erwerben (wie die Hess Immobilien), müssen sie sich darauf verlassen können, innert nützlicher Frist eine Baubewilligung zu erhalten. Mit anderen Worten geht es weniger darum, wie Unternehmen in Affoltern gehalten, sondern viel mehr wie Unternehmen nach Affoltern geholt werden können.
Hans Läubli: Es liegt unbedingt im Interesse der Gemeinde, dass Unternehmen und Arbeitgeber in der Gemeinde bleiben beziehungsweise, sich hier ansiedeln. Hierzu gilt es im Rahmen der der bestehenden Gesetze und der gebotenen Fairness Flexibilität an den Tag zu legen und günstige Bedingungen zu schaffen.

In Affoltern wurde und wird gebaut. Geht die Entwicklung in die richtige Richtung? Es entstehen ja quasi zwei Zentren: Im Oberdorf erweitert die Migros, an der Oberen Bahnhofstrasse wird die Uster-Überbauung realisiert.
Hans Läubli: Die beiden Überbauungen liegen nahe zusammen. Es braucht eine umfassende Orts- und Verkehrsplanung über das gesamte Gemeindegebiet und Absprachen zwischen der Gemeinde und den Investoren, um eine sinnvolle Gestaltung im Interesse Aller realisieren zu können.
Robert Marty: Affoltern ist Bezirkshauptort und hat längst eine Zentrumsfunktion. Es ist daher logisch, dass gewisse Einkaufsangebote in Affoltern zur Verfügung stehen. Die Entwicklung im Zentrum (Uster) ist auf jeden Fall richtig - sie kommt aber sehr spät - weil die Bahnhofstrasse durch die lange Zeit leer stehenden Gebäude «ausgeblutet» ist. Ich hoffe die neue Überbauung und die Alterswohnungen bringen wieder etwas Leben zurück.

Was steht für Sie in der kommenden Legislaturperiode im Vordergrund?
Robert Marty: Als erstes muss sich der neue Gemeinderat als Team finden, um eine möglichst hohe Wirkung erzielen zu können. Anschliessend sollte sich der Gemeinderat stärker der Strategie und Entwicklung der Gemeinde als dem operativen Tagesgeschäft widmen. Das heisst der Gemeinderat setzt Ziele, die Verwaltung, die Polizei oder der Regiebetrieb setzen diese um. Für die Entwicklung der Gemeinde scheint mir wichtig, dass sowohl Dorf- wie Gemeindezentrum belebt werden, die öffentliche Sicherheit (zum Beispiel am Bahnhof) verbessert wird, neue Arbeitsplätze in Affoltern geschaffen werden. Dazu braucht es unter anderem Bauvorhaben in der Industriezone am Autobahnanschluss, die realisiert werden können.
Hans Läubli: Die Konsolidierung des Bestehenden statt eines unkontrollierten Wachstums. Eine nachhaltige, qualitative Verkehrs- und Ortsplanung. Die Gestaltung und Belebung des Zentrums unter Einbezug der Bevölkerung und des Gewerbes. Die Ansiedlung neuer Unternehmen mit Arbeitsplätzen. Eine sinnvolle und zeitgerechte Lösung für das Altersheim. Die Erhaltung des Natur- und Erholungsraums.

Für Irene Enderli war das Gemeindepräsidium sozusagen ein Fulltime-Job. Wie viel Zeit wollen oder können Sie investieren?
Hans Läubli: Die Gemeindeversammlung hat dem Gemeindepräsidium eine 50%-Stelle zugestanden. Davon gehe ich aus. Ich bin mir allerdings bewusst, dass zudem viel Engagement notwendig ist, welches sich nicht in Stellenprozenten beziffern lässt. Das Gemeindepräsidium ist jedoch ein Nebenamt und soll es meines Erachtens auch bleiben.
Robert Marty: 40% (wollen) - 50% (können). So bleiben 80 %, um den Beruf auszuüben. Sicher kommen mehr als 42 Stunden pro Woche zusammen. Aber da ich seit Jahren keine Zeit für den Arbeitsweg einrechnen muss und von Haushaltarbeiten befreit bin, sollte die Arbeit zu bewältigen sein.

Ist eine Reorganisation der Verwaltung nötig?
Robert Marty: Es wäre überheblich, vor der Wahl schon ein Urteil abzugeben. Sollte ich gewählt werden - können Sie mir diese Frage nach den obligaten ersten 100 Tagen noch einmal stellen.
Hans Läubli: Dies kann ich aus meinem heutigen Kenntnisstand nicht beurteilen. Verwaltungsstrukturen müssen aber regelmässig überprüft und den aktuellen Bedürfnissen angepasst werden. Viele Probleme lassen sich allerdings nicht mit Verwaltungsreorganisation lösen.
Das Wichtigste ist ein gutes und offenes Gesprächsklima sowie Transparenz, Vertrauen und Respekt zwischen der politischen Behörde und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Verwaltung.

Die Fragen stellten Werner Schneiter und Martin Platter. Die Interviews wurden schriftlich geführt.

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