Hans Fahrländer

Gemäss Vorgabe der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) gibt es für die Leistungstypen der Volksschul-Oberstufe (Sekundarstufe I) keine spezifischen Typen-Lehrkräfte mehr, sondern nur noch einheitliche Stufen-Lehrkräfte. An den pädagogischen Hochschulen (PH) gibt es demgemäss eine einheitliche Ausbildung zum Oberstufenlehrer, zwar mit differenzierten Modulen – aber mit einem einheitlichen Diplom, das zum Unterrichten an allen Oberstufenzügen berechtigt.

Es gibt noch lange eine Bez

Das Aargauervolk hat das Bildungskleeblatt mit der Oberstufenreform abgelehnt. Damit bleibt es wohl noch lange bei den drei Typen Bezirks-, Sekundar- und Realschule. Die PH Nordwestschweiz setzte sich daher bei der EDK dafür ein, dass die Ausbildungs-Differenzierungen wieder grösser werden. Dies aus der Überzeugung, dass eine Lehrperson für die progymnasiale Stufe über vertiefte Kenntnisse in den ausgewählten Fachbereichen verfügen muss. Es waren nicht zuletzt die Bezirksschulen, welche diese Differenzierung forderten. Denn sie orteten beim jüngsten Lehrernachwuchs zum Teil eklatante Mängel im Fachwissen. Ihr Verdacht: Das PH-Studium lege zu wenig Gewicht auf die Fachwissenschaften.

Peter Hägler aus Muri vertritt im Erziehungsrat, dem beratenden Gremium der Regierung in Bildungsfragen, die Bezirksschulen. Wir wollten von ihm wissen, ob er die Anliegen des progymnasialen Oberstufenzugs in der Ausbildung heute erfüllt sieht.

Peter Hägler, welches sind die Merkmale der verschiedenen Studiengänge zur Oberstufenlehrkraft?

Erziehungsrat Peter Hägler: Als Königsweg gilt nach Überzeugung der Exponenten der PH das integrierte Studium. Es wird als Masterstudium ausschliesslich an der Pädagogischen Hochschule absolviert. Wer sich – was die Regel ist – in drei Fächern ausbilden lässt, muss minimal neun Semester investieren, das sind viereinhalb Jahre. Als Alternative gibt es den konsekutiven Weg. Dabei absolviert man ein dreijähriges fachwissenschaftliches Studium an einer Universität, bis zum Bachelor. Danach folgt ein Studium an der PH, mit pädagogischer und fachdidaktischer Ausrichtung. Wählt man zwei Fächer, kann man das Ganze in zwei Jahren hinter sich bringen, macht total fünf Jahre. Wählt man aber, analog zum integrierten Weg, drei Fächer, muss man nochmals drei Semester anhängen. Damit dauert dieses Studium 13 Semester oder sechseinhalb Jahre.

Angehende Bezirkslehrpersonen sollten, um der Kritik mangelnder Fachausbildung zu begegnen, den konsekutiven Weg wählen?

Hägler: So wäre es eigentlich gedacht. Der konsekutive Weg entspricht in etwa der früheren Ausbildung zum Bezlehrer. Bloss, die Sache hat Haken. Stossend ist zunächst: Es gibt nach wie vor nur ein einziges Diplom. Beide Abschlüsse gelten als gleichwertig, unterscheiden sich für die Anstellungsbehörden grundsätzlich nicht. Dabei dauert das Studium in drei Fächern auf dem konsekutiven Weg zwei Jahre länger als auf dem integrierten. Das kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld, für die Betroffenen, aber auch für die Öffentlichkeit. Mehr Lohn gibt es aber nicht, wenn man konsekutiv studiert hat.

Ist es denn wichtig, dass man drei Fächer studiert und unterrichtet?

Hägler: Wer nur zwei klassische Fächer in Sprachen, Naturwissenschaften oder Geschichte abgeschlossen hat, ist stärker dem Risiko schwankender Pensen ausgesetzt. Eine notwendige Ausnahme bilden die Monofachlehrpersonen, zum Beispiel im bildnerischen Gestalten, im Werken, in der Musik oder im Sport. Solche Fachkräfte sind an der Bezirksschule unverzichtbar.

Ihr Fazit lautet demnach: Die «Gleichwertigkeit» zwischen den beiden Studiengängen ist eine Farce.

Hägler: Man wird den Verdacht nicht los, dass hier alles unternommen wurde, um neben dem Modell des Einheitsoberstufenlehrers (integriert) ein möglichst unattraktives Zweitmodell (konsekutiv) zu erfinden.

Wie sieht es bei den Neuanmeldungen an der Hochschule für die beiden Wege aus?

Hägler: Wie nach diesem Befund zu erwarten war. Die erste Ausschreibung im Sommer 2009 brachte gerade mal sieben Anmeldungen für den konsekutiven Weg. Im Frühjahr 2010 kamen dann immerhin gegen zwanzig dazu. Dagegen lagen die Anmeldungen für den integrierten Lehrgang beide Male über achtzig. Man könnte zynisch sagen: Der Markt spielt. Man könnte aber auch sagen: Die Fachwissenschaften leiden nach wie vor.

Was schlagen Sie vor?

Hägler: Der konsekutive Weg muss kürzer, kostengünstiger und attraktiver werden. Dann werden ihn auch mehr Studierende wählen. Damit könnte auch der stufengerecht qualifizierte Lehrernachwuchs an den Bezirksschulen sichergestellt werden.

Was heisst das konkret?

Hägler: Ein stabiler fachwissenschaftlicher Unterbau von drei Jahren an der Universität ist unabdingbar und soll so belassen werden. Hingegen könnte der pädagogische Überbau an der PH auf anderthalb Jahre gekürzt werden. Und das Zusatzstudium für das dritte Fach könnte man von drei auf zwei Semester verkürzen. Damit wäre das konsekutive Studium insgesamt ein Jahr kürzer und nicht mehr viel länger als das integrierte.

Wenn sich Ihr Vorschlag realisieren lässt – könnte man die Anstellungsbehörden dazu zwingen, für Bezirksschulen Absolventen des konsekutiven Studiums zu engagieren?

Hägler: Die Verantwortlichen im Bildungsdepartement und im Erziehungsrat müssten sich überlegen, ob nicht die abgeschaffte Berufsausübungs-Bewilligung wieder eingeführt werden müsste, ob für Bezirkslehrpersonen nicht ein universitäres fachwissenschaftliches Attest verlangt werden könnte. Dann müsste man aber den Mut aufbringen, Absolventen des konsekutiven Weges anders zu entlöhnen.