Mitholz
Bewohner von Mitholz entsetzt über die Evakuation: «Das gibt ein Geisterdorf, da müssen wir ganz ehrlich sein»

Alle Bewohner von Mitholz müssen ihre Häuser wegen Explosionsgefahr verlassen. Schon 1947 zerstörte eine Detonation im Munitionsdepot das Berner Oberländer Dorf.

Pascal Ritter
Drucken
Teilen

Regen nieselt auf die schneebedeckten Bäume links und rechts des schwarzen Tores in der Felswand. Eine Kamera registriert jeden, der sich der Anlage nähert. Unheimliche Stimmung vor dem Eingang des ehemaligen Munitionsdepots der Armee im Berner Oberländer Dorf Mitholz.

Früher hätten die Dorfbewohner den Reporter aus dem Unterland ausgelacht, der mit mulmigem Gefühl im Regen steht. Schliesslich sind sie mit der geheimnisvollen Anlage aufgewachsen, die noch während des Zweiten Weltkrieges oberhalb ihrer Häuser in den Fels gehauen wurde. Der Schrecken, den sie einst über das Dorf gebracht hatte, galt als gebannt. Inschriften an den Häusern zeugen vom Selbstverständnis ihrer Bewohner.

Was uns zerstört in einem Augenblick, gibt keine Zeit uns mehr zurück. Nicht rückwärts, vorwärts gilt‘s zu schauen, mit neuem Hoffen und Vertrauen.

(Quelle: Inschrift auf einem Haus in Mitholz)

Die Hoffnung ging manchem Mitholzer in dieser Woche verloren. Albert Künzi geht unterhalb des Felsens mit seinen Hunden Kelly und Branco spazieren. Mit ihnen kann er sich ablenken von der Hiobsbotschaft, die das Dorf diese Woche erreichte.

Albert Künzi, 62, spaziert mit seinen Hunden Kelly (links) und Branco am ehemaligen Munitionsdepot in Mitholz vorbei. Die Hiobsbotschaft ging ihm ans Herz.

Albert Künzi, 62, spaziert mit seinen Hunden Kelly (links) und Branco am ehemaligen Munitionsdepot in Mitholz vorbei. Die Hiobsbotschaft ging ihm ans Herz.

Pascal Ritter

Die rund 170 Bewohner müssen das Gebiet verlassen. Während dieser Zeit will der Bund die geschätzten 3500 Tonnen Bomben, Granaten und Munition ein für alle Mal unschädlich machen, die sich seit der Katastrophe von 1947 im Gebiet der Fluh befinden. Damals, kurz vor Weihnachten, wurde der Ort im idyllischen Kandertal zur Hölle.

Die Schweizer Armee hatte in einem Stollensystem im Fels der Mitholzer Fluh 7000 Tonnen Munition gelagert. In der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 1947 flog das Lager in die Luft. Es kam zu Szenen wie im Krieg. Bombensplitter zerstörten Häuser, fliehende Dorfbewohner wurden von Trümmern und Geschossen getroffen. Neun Menschen kamen ums Leben, darunter auch Kinder. Die Explosion soll so heftig gewesen sein, dass sie von Erdbebensensoren in Zürich wahrgenommen wurde.

Nach der Explosion in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 1947 lag das Dorf in Schutt und Asche. Neun Menschen starben. Hinter der Felswand Fluh und im Schuttkegel davor befinden sich noch explosive Munition und deren Rückstände. Am Dienstagabend erfuhren die Einwohner von Mitholz an einer Informationsveranstaltung, dass sie ihre Häuser voraussichtlich für zehn Jahre verlassen müssen.
3 Bilder
Nach der Explosion in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 1947 lag das Dorf in Schutt und Asche. Neun Menschen starben. Hinter der Felswand Fluh und im Schuttkegel davor befinden sich noch explosive Munition und deren Rückstände. Am Dienstagabend erfuhren die Einwohner von Mitholz an einer Informationsveranstaltung, dass sie ihre Häuser voraussichtlich für zehn Jahre verlassen müssen.
Nach der Explosion in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 1947 lag das Dorf in Schutt und Asche. Neun Menschen starben. Hinter der Felswand Fluh und im Schuttkegel davor befinden sich noch explosive Munition und deren Rückstände. Am Dienstagabend erfuhren die Einwohner von Mitholz an einer Informationsveranstaltung, dass sie ihre Häuser voraussichtlich für zehn Jahre verlassen müssen.

Nach der Explosion in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 1947 lag das Dorf in Schutt und Asche. Neun Menschen starben. Hinter der Felswand Fluh und im Schuttkegel davor befinden sich noch explosive Munition und deren Rückstände. Am Dienstagabend erfuhren die Einwohner von Mitholz an einer Informationsveranstaltung, dass sie ihre Häuser voraussichtlich für zehn Jahre verlassen müssen.

Bilder: Keystone (25.2.2020

Schnelle Rückkehr, Hoffnung und schöne neue Häuser

Mitholz ist aus der Katastrophe als stolzes Dorf hervorgegangen. Wohl auch aus schlechtem Gewissen, dass der Bund den Menschen, die von dem streng geheimen Munitionslager gar nichts gewusst hatten, den Tod gebracht hatte, unterstützten die Behörden Mitholz beim Wiederaufbau. In Zusammenarbeit mit dem Heimatschutz entstanden wunderschöne traditionelle Holzhäuser, die mit Inschriften verziert sind, die an das Unheil erinnern. Sie drücken die Hoffnung auf eine frohe Zukunft aus.

Ein Schrecken lief durchs ganze Land Als unser Dorf zerstört, verbrannt Nun ist die Freude eingekehrt Da uns ein Neues ist beschert.

In den 1980er-Jahren wurde auch das Stollensystem von der Armee-Apotheke wieder in Betrieb genommen. Es diente als Produktions- und Lagerstätte für Medikamente. Es gab auch eine Truppenunterkunft. Dass im Fels noch Überreste der Munition verschüttet lagen, war bekannt. Doch die Gefahr wurde unterschätzt.

Als die Armee die Anlage 2017 in ein Rechenzentrum umfunktionieren wollte, analysierte sie Gestein und Stollen erneut und stellte fest, dass die Lage gefährlicher war, als bisher angenommen. Es besteht auch über 70 Jahre nach der Katastrophe von damals Explosionsgefahr. Die Armee räumte das Gelände.

Das Haus, in dem Albert Künzi, der Mann mit den Hunden, und seine Frau Irene wohnen, befindet sich nun auf einer Gefahrenkarte in einem dunkelroten Kegel. Sollte es zum Schlimmsten kommen, besteht hier Todesgefahr. Angst hat Künzi trotzdem nicht. «Wir wussten immer, dass dort noch Munition liegt. Ich habe immer ruhig geschlafen.»

Seit er weiss, dass er sein Haus verlassen muss, hat er schlaflose Nächte. Von der Gefahr wussten die Mitholzer seit 2018, als der Bund die Bevölkerung informierte. Unklar war jedoch, was nötig ist, um die Gefahr zu bannen. Reichen Schutzbauten aus, um die Dorfbewohner zu schützen? Wie lange würde eine Evakuierung dauern, um den übrig gebliebenen Sprengstoff zu beseitigen?

Seit dieser Woche nun herrscht Gewissheit: Alle Mitholzer müssen ihre Häuser verlassen. Und das wahrscheinlich für 10 Jahre.

Albert Küenzi wohnt direkt unterhalb der Fluh, wo sich die explosive Munition noch immer befindet. Sein Haus steht in der Gefahrenzone. Im schlimmsten Fall herrscht hier Todesgefahr.

Albert Küenzi wohnt direkt unterhalb der Fluh, wo sich die explosive Munition noch immer befindet. Sein Haus steht in der Gefahrenzone. Im schlimmsten Fall herrscht hier Todesgefahr.

Pascal Ritter

Die Arbeiten sollen im Jahr 2031 beginnen. Das gibt den Mitholzern zwar etwas Luft, bis sie ihre Sachen packen können. Gleichzeitig heisst das aber auch, dass Mitholz frühestens im Jahr 2041 wieder bewohnt sein wird. Kaum jemand wird dann zurückkehren. Die heute 62 Jahre alten Eheleute Künzi werden dann 83 Jahre alt sein.

Die Bitterkeit der Monika Küenzi

Vom Wintergarten von Monika ­Küenzi sieht man bei schönem Wetter die Alpengipfel. An diesem Regentag sieht man nur bis zur Fluh. Die Felswand ist heller als die Umgebung. Die Explosion von 1947 hat Schichten freigelegt, die weniger verwittert sind als die Felswände, die rechts und links von Mitholz in die Höhe ragen.

Küenzi zog 1998 zurück ins Haus ihrer Eltern. Ihr Vater, Paul Zwahlen, hat als Kind die Katastrophe miterlebt. Er selbst erzählte bei einem früheren Besuch dieser Zeitung, wie er vor Bomben und Granaten flüchtete. Seit er von der Evakuierung weiss, mag er nicht mehr darüber sprechen.

Monika Küenzi sieht aus ihrem Wintergarten direkt auf die gefährliche Fluh. Sie kann sich trotzdem kaum vorstellen, einen schöneren Ort als ihr Haus mit Garten zu finden.

Monika Küenzi sieht aus ihrem Wintergarten direkt auf die gefährliche Fluh. Sie kann sich trotzdem kaum vorstellen, einen schöneren Ort als ihr Haus mit Garten zu finden.

Pascal Ritter

Seine Tochter erzählt von Bitterkeit. Früher sei sie gerne und viel umgezogen. Im Elternhaus wollte sie zur Ruhe kommen. Dereinst hätten vielleicht auch ihre drei Kinder das Haus übernehmen können. Doch nun sagt auch sie: «Wir werden nicht zurückkehren.»

Zwar ist noch unklar, wie die zehn Jahre Evakuationszeit aussehen werden. Ist das ganze Gebiet dann tabu? Oder darf man zur Instandhaltung des Hauses während gewisser Zeiten zurückkehren? Für Küenzi macht diese Ungewissheit das ganze nur noch schlimmer. «Manchmal wünsch’ ich mir, sie würden eine Staumauer bauen und den Ort fluten. Dann wäre es wenigstens klar, dass wir nicht mehr zurückkehren können.»

Sie hat sich vorgenommen, den Ort nach dem Wegzug zu meiden. Zu schmerzvoll wäre es, anzusehen, wie die alte Heimat zerfällt. Halt findet die reformierte Sigristin im Glauben. «Ich vertraue darauf, dass wieder irgendwo eine Tür aufgeht», sagt sie.

Neu erbaut nach dem Schreck, steh ich hier auf neuem Fleck. Komm herein und mache Rast, sei willkommen uns als Gast.

(Quelle: Vers am Restaurant Balmhorn in Mitholz)

Der Bund und der Kanton Bern haben versprochen, die Mitholzer grosszügig und unbürokratisch zu unterstützen. Sie sollten gleichwertige Liegenschaften bekommen. Die Bewohner hoffen und pochen nun auf dieses Versprechen.

Aktuelle Nachrichten