Bex

Bewahrer der guten Mine: Wo unser Salz noch tief im Berg abgebaut wird

Die Salzmine von Bex

Die Salzmine von Bex

Mineur Gabriel Carrasco erklärt seine Arbeit.

Deutschschweizer Touristen und Proteste im Baselbiet geben Bex, dem ältesten Salzabbauort der Schweiz, neuen Schub.

Die Salzmine von Bex wirkt wie aus der Zeit gefallen. Der unscheinbare Eingang zum Stollensystem befindet sich zwischen Martigny VS und Montreux VD an einer Seitenflanke des unteren Rhonetals. Wer die Mine mit dem Auto erreicht, muss auf der Zufahrt an Ampeln anhalten. Die Strasse ist zu schmal für zwei Spuren. Auf den Parkplätzen sieht man in diesen Tagen viele Deutschschweizer Nummernschilder. Die älteste Salzabbaustätte der Schweiz, zieht während der Corona-Pandemie besonders viele Besucher aus dem Inland an.

Die Stollen sind eng. Am Ende der Geleise befindet sich der Arbeitsplatz der Mineure.

Die Stollen sind eng. Am Ende der Geleise befindet sich der Arbeitsplatz der Mineure.

Mit einer kleinen Eisenbahn erreichen die Touristen durch einen schmalen, 1,5 Kilometer langen Stollen eine weitläufige Kaverne, in der sich ein Museum befindet. Die Besucher erfahren die Legende, dass ein Hirte in der Gegend schon im 15. Jahrhundert Salz entdeckte, weil seine Geissen eine Vorliebe für eine Bestimmte Quelle hatten. Später gruben sich Bergarbeiter zuerst mit Hammer und Pickel, dann mit Bohrer und Dynamit in den Berg. Sie schleppten salzhaltige Steinbrocken auf dem Rücken oder auf Karren aus dem Berg. Schliesslich zapften sie salzhaltige Wasseradern an und pumpten die Sole heraus.

Nostaligisches Museum aber noch immer produktiv

Wer dieses in den Stein gehauene Relikt besucht, kann sich kaum vorstellen, dass auch das Regeneriersalz des eigenen Geschirrspülers zum Teil aus dieser Mine kommt. Abgebaut wird es von Arbeitern wie Gabriel Carrasco. Er trägt eine blaue Jacke, Handschuhe und auf dem Kopf einen Helm mit Stirnlampe. Ein Sensor an seiner Brusttasche, warnt ihn, wenn Gas in der Grube austritt.

Gabriel Carrasco, 41, zeigt an der Maschine, wie in der Mine in Bex nach Salz gebohrt wird.

Gabriel Carrasco, 41, zeigt an der Maschine, wie in der Mine in Bex nach Salz gebohrt wird.

Er steuert die Grubenbahn nun tiefer in den Berg, weg von der Touristen, hin zu seinem Arbeitsplatz. Nach weiteren 1,5 Kilometern Fahrt im Dunkeln tut sich der Berg auf und gibt einen Raum in der Grösse einer Kapelle frei. Die komplett von Menschenhand gegrabene Kaverne wirkt freundlicher als natürliche Höhlen. Der Raum ist auffallend trocken, die Steinwände werfen das Licht der Neonröhren warm zurück.

Eine Art Ventile zapfen den Boden an. Über Schläuche fliesst Süsswasser in den Berg und Salzwasser wieder heraus. Das Wasser löst das Salz aus dem Gestein. Tag und Nacht gurgelt es über ein Röhrensystem aus der Grube und hinunter ins Dorf Bex, wo das Salz in Dampfkesseln und Zentrifugen kristallisiert. Der Abbau vollzieht sich beinahe geräuschlos und weitgehend automatisch. Kein Vergleich zu den Mühen der Bergarbeiter früherer Generationen, die weiter vorne im Museum gewürdigt werden.

Von der Andenstadt Mérida in den Stollen im Waadtland

Die Mine bot früher Hunderten Arbeitern ein Einkommen. Heute ist Gabriel Carrasco einer der letzten Mineure in Bex. Die Marketingabteilung der Minenbetreiber mag den Begriff «letzte Mineure» nicht. Es klingt zu sehr nach Endzeitstimmung. Dabei würden die Salzvorräte in Bex noch für 200 Jahre reichen!

Mineur Carasco legt Hand an.

Mineur Carasco legt Hand an.

Und trotzdem sind die Salzmineure Exoten. Eine spezifische Berufslehre gibt es hierzulande nicht. Sie lernen ihr Handwerk in Weiterbildungen oder schlicht in der Grube. Der 41-jährige Carrasco aber hat seine Ausbildung in der venezolanischen Andenstadt Mérida gemacht. Im Land, aus dem sein Vater stammt, ist der Bergbau ein grosses Geschäft. Das Salz wird dort allerdings aus dem Meer gewonnen.

Nach dem Bergbaustudium zog Carrasco ins Wallis, die Heimat seiner Mutter. Zuerst hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Sein Studium wird in der Schweiz nicht anerkannt. 2008 fand er Arbeit in der Saline. Endlich arbeiten auf dem Beruf, auch wenn er nicht seine gesamte Erfahrung einbringen kann. Muss ein neuer Stollen in den Berg gesprengt werden, kommt eine Spezialfirma zum Einsatz. Carrascos Arbeit besteht darin, ein grosses gelbes Ungetüm zu steuern. Die Bohrmaschine treibt einen etwa faustgrossen Bohrkopf in das Gestein. Als Resultat erhält man lange zylinderförmige Proben. Helle Stellen verraten den Mineuren, in welcher Tiefe sie Wasser freisetzen müssen, um an das Salz zu kommen.

Gabriel Carrasco ist fasziniert von der Geschichte seines Arbeitsplatzes:

Seine Augen glänzen unter der Schutzbrille.

Der Schweiss von damals floss nicht vergebens. Heute würde wohl niemand hier Salz abbauen, wenn es diese jahrhundertealten Stollen nicht gäbe. Immer noch ist die Saline von Bex im Vergleich mit anderen Abbauorten eine aufwendige Angelegenheit. Und der Vergleich ist seit dem Jahr 2014 wichtig. Bis dahin gehörte das Bergwerk dem Kanton Waadt und musste sich nicht mit anderen Betrieben messen. Denn der Westschweizer Kanton war eine Ausnahme. Es galt ein kantonales Salzmonopol. In der Waadt stand nur Salz aus Bex in den Ladengestellen. Und die Strassen wurden nur mit Salz aus der Mine eisfrei gehalten. Im Jahr 2014 schloss sich der Kanton dann dem interkantonalen Salzkonkordat an. Auf nationaler Ebene besteht das Monopol noch.

Gehört einst dem Kanton Waadt: Saline in Bex, wo die Sole zu Salz verarbeitet wird.

Gehört einst dem Kanton Waadt: Saline in Bex, wo die Sole zu Salz verarbeitet wird.

Die Mine von Bex gehört heute zur Schweizer Salinen AG, die auch in Riburg AG und Schweizerhalle BL produziert. An den Standorten im Jura ist das Salz mit Bohrungen von der Erdoberfläche erreichbar und damit billiger zu produzieren. Von den jährlich 600'000 Tonnen Salz, welche die Schweizer Salinen produzieren, kommen lediglich 30'000 aus dem Berg von Bex. Die Kosten pro Kilo sind im Waadtland, wo 40 Arbeiter beschäftigt sind, höher. Dass das Bergwerk trotzdem eine Perspektive hat, ist auch dem Marketing zu verdanken. Unter dem Namen «Sel des Alpes» wird 700 Gramm Bexer Salz bei Migros und Coop für 1.50 Franken verkauft. Es wird mit dem Gletscherwasser, ökologischer Produktion (eigenes Wasserkraftwerk!) und einem Geissenpeter beworben. Das Jura-Salz aus den anderen Standorten kostet 95 Rappen pro Kilo. Einige Waadtländer Kunden murrten, als der Aufpreis eingeführt wurde. Ihr eigenes Salz plötzlich «plus cher». Ein kleiner Trost: Das Auftausalz für die Strasse wurde billiger.

Mehr Sel des Alpes, weniger Strassensalz

Das Salz aus Bex wird als «Fleur des Alpes» aufs Steak gestreut oder als Creme auf die Haut gestrichen. Es landet aber auch als Streusalz auf der Strasse oder als Regeneriersalz im Geschirrspüler. Der Unterschied besteht in der Aufbereitung. Beim Speisesalz wird zudem aus präventivmedizinischen Gründen Fluor und Jod beigemischt.

Salz ist Salz, sagen die Chemiker. Natriumchlorid, Formel NaCl. Unternehmer und Konsumenten sehen das anders. Europäer fasziniert Himalayasalz, reiche Asiaten lieben Alpensalz. Bereits sind die ersten paar Lieferungen «Salt of the Swiss Alps» in Asien angekommen. Geht es nach dem Bexer Salinenleiter Jean-Louis Meylan konzentriert sich seine Saline künftig auf das Alpensalz. Die Anteil an der Gesamtproduktion konnte bereits auf 10 Prozent (2900 Tonnen) gesteigert werden. Meylan hofft, dass die Deutschweizer Touristen nach ihrem Besuch im Museum vermehrt zum Sel des Alpes greifen. Erste Erfolge gibt es: Der Chips-Hersteller Zweifel hat von Meersalz auf Alpensalz umgestellt. Die Konsumenten wollten das so, hiess es.

Proteste in Muttenz bringen Bex ins Spiel

Zusätzlichen Bedeutung bekommt Bex durch die neuen Probleme der Schweizer Salinen AG. Der Nachschub des Produktionsstandorts Schweizerhalle droht im Jahr 2025 auszugehen. Die bisher angezapften Vorkommen gehen zur Neige und geplante Bohrungen in Muttenz wurden eben von Landschaftsschützern verhindert. In Bex mehr Speisesalz zu verarbeiten, sei eine von vielen Optionen, die man prüfe, sagt Urs Hofmeier, CEO der Schweizer Salinen AG.

Minenarbeiter Carrasco am alten Grubentelefon.

Minenarbeiter Carrasco am alten Grubentelefon.

Minenarbeiter Carrasco stünde jedenfalls bereit. Die Schichten im Stollen machen ihm nichts aus. «Man gewöhnt sich daran, die Sonne nicht zu sehen», sagt er und steuert die Grubenbahn wieder nach draussen.

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