Die Menschheit teilt sich - in unterschiedlich starken Ausprägungen - auf in Morgenmuffel und Frühaufsteher. In der Fachsprache werden diese beiden Typen Eulen und Lerchen genannt. Während der Lerchentyp aufgrund seiner Biochronologie frühmorgens um 6 Uhr fit und munter ist, blüht der Eulentyp erst viel später auf und geht dafür kaum vor Mitternacht ins Bett.

Dieser genetisch bedingte Unterschied zeigt sich schon bei kleinen Kindern und gilt in der Wissenschaft als unumstritten. Ebenfalls bekannt und erwiesen ist die Tatsache, dass sich diese Chronotypen mit zunehmendem Alter verändern. Das heisst, man bleibt im Laufe des Lebens zwar grundsätzlich eine Lerche oder eine Eule, die Wachphasen verschieben sich jedoch zusehends Richtung früher.

Die innere Uhr von Teenagern und jungen Menschen ist in der Regel auf nachtaktiv und langes Ausschlafen gestellt, doch spätestens mit 30 Jahren erfährt sie einen Wendepunkt. Der Wunsch nach langem Ausschlafen nimmt zusehends ab, bis man im hohen Alter schliesslich noch vor dem ersten Hahnenschrei aus den Federn steigt - und an so genannter seniler Bettflucht leidet.

Zellen mit «Sklaven-Uhren»

Für die Tatsache, dass Senioren teilweise schon morgens um 4 nicht mehr schlafen können, wurden schon verschiedenste Theorien aufgestellt. Unter anderem wurde festgestellt, dass es mit der Trübung der Augenlinse zusammenhängt - weil dadurch weniger Tageslicht die innere Uhr ankurbeln kann.

Nun hat ein Forscherteam der Universitäten Zürich und Basel einen weiteren Erklärungsansatz für die senile Bettflucht gefunden, den sie im US-Fachmagazin «PNAS» veröffentlicht haben: Hormone, die im Blut alter Menschen zirkulieren, sollen für die veränderten tagesrhythmischen Prozesse verantwortlich sein.

Im Rahmen der Studie wurde 18 jungen (21-30 Jahre) und 18 älteren Versuchspersonen (60-88 Jahre) eine 2 Quadratmillimeter grosse Hautbiopsie aus der Pobacke entnommen. Das mag überraschen, doch in den allermeisten Zellen unseres Körpers kommen so genannte «Sklaven-Uhren» vor, die dem Körper den inneren Rhythmus angeben. Gesteuert werden diese Uhren-Gene von einer im Gehirn liegenden zentralen Uhr, dem Nucleus suprachiasmaticus.

Mit dem Licht, das durch die Augen einfällt, synchronisiert diese zentrale Uhr viele tagesrhythmische Prozesse wie beispielsweise Körpertemperatur, Blutdruck, Hormonausschüttung, Verdauung - und eben auch den Schlaf. Die Uhren-Gene in den Hautzellen wirken mit den von ihnen codierten Proteinen zusammen und bestimmen so die Periodenlänge der inneren Uhr. Diese betragen rund 24 Stunden, variieren jedoch leicht von Person zu Person.

Blutserum macht den Unterschied

Die menschlichen Hautzellen wurden in der Studie mit einem Gen der Feuerfliege so modifiziert, dass sie Licht abgeben. So konnte die Aktivität der Uhren-Gene in vitro sichtbar gemacht und über mehrere Tage beobachtet und erfasst werden. Die Forscher fanden heraus, dass die Periodenlängen in den Hautzellen von jungen und alten Spendern, im Gegensatz zu den gut dokumentierten altersabhängigen Unterschieden im Schlafverhalten, unverändert waren.

Interessanterweise änderte sich das Verhalten der Zellen jedoch, wenn diese mit humanem Serum (also Blut ohne Blutzellen) von älteren Menschen zusammengebracht wurden. Die Zellen reagierten mit einer Verkürzung ihrer Periodenlänge - was mit der In-vivo-Beobachtung, der senilen Bettflucht - übereinstimmt.

Diese Verkürzung trat jedoch nicht auf, wenn die Zellen mit dem Blutserum von jungen Menschen behandelt wurden. Studienleiterin Anne Eckert von den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel fasst das vereinfacht so zusammen: «Das Serum von alten Menschen produziert in der Zellkultur sozusagen ein Phänomen der senilen Bettflucht, egal, ob die Zelle jung oder alt ist. Bei der Verwendung von ‹jungem› Serum hingegen weicht das Verhalten nicht von demjenigen ab, das wir bei standardmässig verwendetem Kälberserum beobachten.» Die Neuro-Biologin folgert daraus, dass der Schlüssel zur senilen Bettflucht nicht in der Körperzelle selber, sondern im Blut der alten Menschen zu finden ist.

Alternative zu Schlafmitteln

Konkret vermutet das Forscherteam, dass es sich um ein Hormon handelt, das vom Blut transportiert wird. Um welches Hormon es sich genau handelt, ist laut Anne Eckert noch nicht bekannt.
Wenn die senile Bettflucht jedoch tatsächlich unter anderem hormonellen Ursprungs sein sollte, könnte das ganz neue Möglichkeiten der Therapie eröffnen.

«Anstatt den älteren Menschen chemische Schlafmittel zu verabreichen», so Anne Eckert, «könnte man künftig versuchen, physiologisch in die Hormonregulation einzugreifen, um das Schlafverhalten der Patienten zu normalisieren.»