Überbezahlte Beamte
Betreibungsbeamte verdienen fast so viel wie ein Regierungsrat

Als Selbständigerwerbende sacken sie Provisionen ein. In sachen Lohn können sie gross absahnen: Löhne bis zu 200 000 Franken sind keine Seltenheit.

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Abzocker-Debatte

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Aargauer Zeitung

Die «SonntagsZeitung» hat es an den Tag gebracht: Der Leiter des Betreibungsamts Emmen LU verdient fast so viel wie ein Luzerner Regierungsrat. Willy Lustenberger bestätigt, dass er über 200 000 Franken im Jahr erhält. Möglich macht dies das sogenannte Sportelsystem, nach dem Betreibungsbeamte in die eigene Tasche wirtschaften dürfen: Je mehr Zahlungsbefehle sie bearbeiten, desto höher sind ihre Gebühreneinnahmen. Manche Gemeinden vergolden die Einnahmen mit einer Pauschale je Zahlungsbefehl.

Lustenberger ist kein Einzelfall: In der Deutschschweiz kennen die Kantone Aargau, Graubünden, Luzern, Uri, Schwyz und Zug das System: Für Schlagzeilen gesorgt hatte ein Fall aus Regensdorf ZH. Der dortige Sportelbeamte erzielte mit seiner Frau über 515 000 Franken Lohn. Der Präsident des Zürcher Betreibungsbeamtenverbandes, Roland Isler, kennt das Beispiel. Für ihn lag der Fehler primär bei der Gemeindeverwaltung: «Diese ermöglichte das aussergewöhnliche Gehalt.» Zürich schaffte das Sportelsystem 2007 ab.

Ist das Sportelsystem unseriös?

Mit dem System lassen die Gemeinden zu, dass Betreibungsämter mit hohen Fallzahlen horrende Umsätze erzielen: «Pro Betreibung nimmt ein Betreibungsbeamter im Schnitt etwa 150 Franken Gebühren ein», sagt Isler. Emmen kam 2009 mit 10 076 Betreibungen auf einen Umsatz von 1,5 Millionen Franken. Das Geld zu verteilen, obliegt den Sportelbeamten. Sie müssen, je nach Abmachung mit der Gemeinde, Büromiete, Löhne und Sozialleistungen für die Mitarbeiter entrichten. Je kleiner der Personalbestand, desto höher der Gewinn. In Lustenbergers Amt verteilt sich die Arbeit auf 700 Stellenprozente. Damit kommen auf jeden Beamten 1440 Fälle. Für Insider ist klar, dass die Seriosität auf der Strecke bleibt: «Wer über 1000 Betreibungen bearbeitet, kann dies nicht mehr seriös tun», so Isler. Laut Stefan Broger, Präsident der Konferenz der Schweizer Betreibungs- und Konkursbeamten, ist das Sportelsystem nicht mehr zeitgemäss. «Einzig in sehr kleinen Betreibungskreisen mit weniger als 1000 Betreibungen.»

Für Ständerat Hannes Germann, Präsident des Schweizerischen Gemeindeverbands, kann ein guter Sportelbeamter den hohen Lohn wert sein. «Aber dem Bürger muss die Regelung mit ihm offengelegt werden.»

Ein Schwyzer Regierungsrat verdient «nur» 182 675 Franken

Der Emmener Gemeindepräsident Thomas Willi ist transparent. Er sagt, es gehe in Ordnung, dass Lustenberger über 200 000 Franken verdiene. Willi selber ist Gemeindepräsident im Nebenamt. Mit einem Vollzeitpensum erzielte er die gleiche Summe - im nicht gerade für wohlhabende Einwohner bekannten Emmen.

Während ein Luzerner Regierungsrat im ersten Amtsjahr 239 875 Franken Einkommen erreicht, muss sich sein Schwyzer Amtskollege mit 182 675.40 Franken begnügen. Das kann ein Sportelbeamter mit vielen Zahlungsbefehlen erreichen. Das Betreibungsamt Lachen/Altendorf verteilte 2009 über 3400 Stück, womit es mit einem Gemeindezuschlag von 25 Franken je Fall einen Umsatz von fast 600 000 Franken machen würde. Amtsleiter Hansruedi Stählin sagt: «Ich verdiene deutlich weniger als 170 000 Franken.» Fast eine Million Umsatz erzielt das Betreibungsamt Höfe in Schindellegi. Der Leiter Franz Stössel war während Tagen nicht zu erreichen.