Tieranwalt
Bestialischer Umgang mit Tieren

Das Recht der Tiere ist wegen der bevorstehenden Abstimmung über die Institutionalisierung von Tieranwälten in aller Munde. Lesen Sie einige Beispiele von Urteilen, welche Aargauer Gerichte in Fällen von Verstössen gegen das Tierschutzgesetz in den vergangenen Jahren fällten.

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Bestialischer Umgang mit Tiere n

Bestialischer Umgang mit Tiere n

Rosmarie Mehlin

Im November 2001 hatte eine damals 43-jährige Frau vor Bezirksgericht Baden gestanden. Ihr war vorgeworfen worden, 267 Tiere nicht nach der im Gesetz vorgeschriebenen Art und Weise gehalten zu haben. Die Sekretärin, eine stattliche, gepflegte Erscheinung, hatte ein 5-Zimmer-Haus in einer grösseren Gemeinde bewohnt. Als die Kantonstierärztin und Helfer, einem Hinweis folgend, im Januar 2001 dort Nachschau hielten, hatten sie unbeschreibliche Zustände angetroffen: Der Keller war übervoll mit Tieren, weitere fristeten ihr Dasein im Wohnzimmer, in Küche und Bad.

Unter anderem 59 Kaninchen, 40 Meerschweinchen, 2 Kakadus, 11 Papageien sowie rund 140 weitere Vögel, von Finken über Nachtigallen bis zu Gänsen. Die Tiere waren beschlagnahmt worden, gegen 50 hatten eingeschläfert werden müssen. Die Frau, die an Depressionen litt, war bereits drei Jahre zuvor von Amtes wegen kontrolliert und verwarnt worden. Vor Gericht hatte sie ausgesagt, aus Einsamkeit gehandelt zu haben und weil ihr immer wieder Leute Tiere, die sie nicht mehr wollten, gebracht hätten. Die Frau war zu 10 Tagen Gefängnis bedingt und 2000 Franken Busse verurteilt worden.

Kuh und Katze als Opfer

Im Dezember 2006 hatte der Einzelrichter in Muri einen 50-jährigen Landwirt vom Vorwurf der vorsätzlichen Tierquälerei freigesprochen. Staatsanwältin Christina Zumsteg zog das Urteil ans Obergericht weiter, das den Freispruch prompt aufhob und den Beschuldigten zu 15 Tagessätzen Geldstrafe à 60 Franken bedingt und 300 Franken Busse verurteilte. Der Landwirt hatte eine Kuh, die nach dem Kalbern an so genanntem Festliegen gelitten hatte, zwar mittels Gurten umgelagert, aber keinen Veterinär gerufen, obwohl es dem Tier zusehends immer schlechter gegangen war. Als der Bezirkstierarzt aufgrund einer Meldung aus der Bevölkerung Nachschau gehalten hatte, war das Tier so abgemagert und an Liegeschwielen leidend, dass er es umgehend hatte euthanasieren müssen.

Im November 2007 war in Zurzach eine 57-jährige Frau ebenfalls der vorsätzlichen Tierquälerei schuldig gesprochen und zu 60 Tagessätzen à 50 Franken bedingt sowie 1000 Franken Busse verurteilt worden. Die Frau war beschuldigt, in ihrem Garten Schalen mit Katzenfutter, durchmischt mit Schneckenkörnern, aufgestellt zu haben, wodurch eine Katze der Nachbarn zu Tode gekommen war. Die Beschuldigte hatte den Vorwurf vehement bestritten. Der Einzelrichter aber hatte die Aussagen der betroffenen Nachbarn als glaubwürdiger und zusammen mit den belastenden Indizien – die Katzenhalter hatten die Futterschalen fotografiert – als ausreichend für einen Schuldspruch erachtet.

Unbeschreibliches Leiden

Im Oktober 2006 hatte Staatsanwältin Zumsteg für Aufsehen gesorgt, als sie mit ihrem Neufundländer-Rüden Bosco in Zofingen vor dem Einzelrichter aufgetreten war. Sie hatte ihn als «Augenscheinobjekt» mitgebracht, war ein 29-Jähriger doch beschuldigt, genau einen solchen Hund aufs Gröbste vernachlässigt zu haben. Als das Veterinäramt – aufgrund eines Hinweises – beim Hundehalter daheim Nachschau gehalten hatte, war es zu spät gewesen: Der an einer hochgradigen eitrigen Ohrenentzündung, totaler Fellverfilzung mit nässendem Ekzem leidende achtjährige Hund hatte eingeschläfert werden müssen. Der Halter, ein gut beleumundeter Familienvater wollte nie festgestellt haben, dass es dem Tier – das sich ohne Hütte immer im Freien hatte aufhalten müssen – nicht gut ging. Der 29-Jährige war zu 1500 Franken Busse verurteilt worden. Dazu kamen 500 Franken Gerichtskosten.

Anfang 2007 hatte das Schicksal von Marco den Aargau bewegt: 38 Tage lang hatte der 4-jährige Hund mutterseelenallein in einer Wohnung, ohne Futter eingesperrt im Badezimmer, überlebt. Nachdem der 39-jährige Halter aus einem Haus aus- und ein paar Strassen weiter in eine Wohnung gezogen war, hatte er Marco zurückgelassen und «einfach vergessen» gehabt. Warum hatte er dem Gericht nicht sagen können. Das Bezirksgericht Baden hatte den 39-Jährigen im Dezember 2007 nicht, wie vom Staatsanwalt gefordert, zu einer bedingten Geldstrafe, sondern zu sechs Monaten Freiheitsstrafe bedingt verurteilt: «Wenn er in den kommenden zwei Jahren in irgendeiner Form straffällig wird, muss er die sechs Monate absitzen. Eine Geldstrafe hingegen könnte er, angesichts seiner prekären finanziellen Lage, niemals bezahlen», hatte Gerichtspräsident Guido Näf begründet. Für Marco hatte es glücklicherweise ein Happy End gegeben: Der bis aufs Skelett abgemagerte Malinois hatte von seiner Züchterin mit viel Geduld und Liebe wieder aufgepäppelt werden können und später einen guten neuen Platz gefunden.

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