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Beschattungs-Skandal bei der Credit Suisse: Wie sich am Paradeplatz ein filmreifer Thriller abspielte

© PHILIPP SCHMIDLI | Fotografie

Eine Verfolgungsjagd, ein tätowierter Beschatter und ein Banker in Todesangst: Ein Transfer von der CS zur UBS läuft aus dem Ruder.

In der Credit Suisse brüteten gestern hoch bezahlte Kommunikationsprofis über der Frage: Soll die Bank etwas sagen zum Beschattungskrimi, der mittlerweile auch in den internationalen Medien Wellen schlug? Und falls ja: Was genau?

In der Konzernleitung gab es die Meinung: Schweigen, den Sturm vorüberziehen lassen. Doch Urs Rohner, Verwaltungsratspräsident und früherer Chefjurist, warnte gemäss Insidern vor einem Reputationsverlust, wenn die Bank nicht in die Offensive gehe.

Noch am Vormittag hatte die Kommunikationsabteilung mitgeteilt, es sei keine Information «zum Fall» zu erwarten. Doch am Nachmittag schaltete die CS auf dem Intranet eine Mitteilung für die Mitarbeiter auf, unterzeichnet von Urs Rohner und Konzernchef Tidjane Thiam. Darin hiess es, Medien hätten «in einer sensationsgetriebenen Darstellung die Fakten und Vorgänge nicht akkurat beschrieben». Der Verwaltungsrat werde «detaillierte Abklärungen treffen, um den Vorgängen auf den Grund zu gehen und die genauen Fakten ans Licht zu bringen». Später versandte die CS ein ähnlich lautendes Communiqué.

Der Fall: Das ist eine schier unglaubliche Geschichte. Iqbal Khan, der gefeierte, erst 43-jährige frühere Credit-Suisse-Manager und neue Hoffnungsträger der UBS, hat bei der Zürcher Oberstaatsanwaltschaft eine Strafanzeige wegen Nötigung eingereicht. Khan und seine Ehefrau sind gemäss dem Finanzportal «Inside Paradeplatz» vergangene Woche beim Einkaufen in der Stadt Zürich von einem Auto verfolgt worden.

Als Khan im Zentrum der Stadt seinen Wagen stoppte, um seine Beschatter zur Rede zu stellen, soll es zu einem Handgemenge gekommen sein. Die Verfolger, darunter laut «SonntagsZeitung» ein «tätowierter Schlägertyp», hätten versucht, Khan das Handy zu entreissen. Denn dieser habe seine Verfolger nach dem Aussteigen fotografiert. Als Passanten auf den Streit aufmerksam wurden, ergriffen die Verfolger die Flucht.

Nach Informationen der CH-Media-Redaktion führten nicht Khans Fotos zur Verhaftung der drei Beschatter, sondern die Autonummer ihres Wagens. Bei diesem handelte es sich um ein Mietauto, dessen Mieter schnell ausgemacht waren. Wie ein Vertrauter von Khan, der mit diesem nach dem Vorfall telefonierte, gegenüber unserer Redaktion ausführt, hat Khan «grosse Angst» gehabt. Todesangst. «Er wirkte total aufgeregt und aufgewühlt. Ausgerechnet er, der sonst immer so cool ist. Er fürchtete um seine Familie.» Der 43-Jährige war mit dem Auto privat unterwegs. Er hatte seinen sechsjährigen Sohn ins Fussballtraining in Herrliberg ZH gebracht und war dann mit seiner Frau ins Zürcher Stadtzentrum gefahren.

Der Vorwurf: Khan habe CS-Kollegen anwerben wollen

Wer hat die Detektive auf Khan angesetzt? Laut der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» war es die Credit Suisse, bei der Kahn noch angestellt ist, bis er Anfang Oktober zur UBS wechselt. Die CS werfe ihrem früheren Konzernleitungsmitglied vor, einige Führungskräfte seines Noch-Arbeitgebers angesprochen zu haben mit dem Ziel, sie zur UBS zu locken. Man habe «klare Hinweise auf handfeste Abwerbeversuche». Man wollte Khan wohl beim Treffen mit CS-Kundenberatern ertappen. Solche Treffen könnten gegen die Austrittsvereinbarung verstossen, welche Khan mit CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner Ende Juni ausgehandelt hatte.

Was sagt die UBS? Wirbt ihr Hoffnungsträger beim alten Arbeitgeber Mitarbeiter oder Kunden an? Ein hochrangiger UBS-Mann sagte gestern in einem Hintergrundgespräch, man sei «gelassen»: «Das ist eine Sache der CS. Uns ist nicht bekannt, dass Herr Khan sich nicht angemessen verhalten hätte.» Der UBS-Mann argwöhnt, die CS tue alles, um den Wechsel zur UBS bis zuletzt zu vereiteln. Nicht äussern will sich zum Fall die Finanzmarktaufsicht Finma.

Vier entscheidende Fragen, welche die CS klären muss

Die Überwachungs- und Einschüchterungsmethoden, die manchen braven Schweizer Banker an die Mafia erinnert, werfen verschiedene Fragen auf:

  • 1.Ist Khans Beschattung tatsächlich von der CS angeordnet worden? Wer hat den Auftrag dafür erteilt? Waren das oberste Management und der Verwaltungsrat informiert?
  • 2.Falls die CS den Schnüffel-Auftrag gab: Warum wurde er so dilettantisch ausgeführt? Und warum hat man nicht Hacker engagiert, um Abwerbeversuche zu dokumentieren, sondern Türsteher-Typen?
  • 3.Warum hat CS-Präsident Rohner in eine für Khan sehr vorteilhafte Austrittsvereinbarung eingewilligt, die ihm möglich macht, dass er nur drei Monate nach seinem Ausscheiden bei der Konkurrenz starten kann? Hat Khan ein Druckmittel gegen seine früheren Chefs in der Hand, was seine Verhandlungsposition stärkte?
  • 4.Warum hat Khan bereits früher auf private Kosten Personenschutz beansprucht, diesen aber einige Tage vor dem Vorfall wieder abbestellt?

Je länger die Credit Suisse braucht, um Fakten zum Fall Khan auf den Tisch zu legen, umso mehr wirkt es wie eine Bestätigung der skandalösen Schilderung, die bislang aus Khans Umfeld in die Medien gelangten. Das wird niemanden mehr stören als Urs Rohner. Es heisst denn auch, er sei es, der auf rasche Aufklärung dränge.

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