Doch der 54-jährige Mann, der wegen der grössten HIV-Massenansteckung der Schweiz vor Gericht steht, hat viele Gesichter. Musiklehrer, charismatische Ausstrahlung, brutaler Ehemann- und laut psychiatrischem Gutachten ein Psychopath.

Auf die Welt kam der selbst ernannte Heiler am 6. Februar 1959 in der Nähe der italienischen Stadt Ascoli Piceno. Die Gegend ist für ihre Oliven bekannt. Dort wuchs der Bub in einem Bauernhof auf, als jüngstes von sechs Kindern.

Seine Familie, strenggläubige Katholiken, lebte in bescheidenen Verhältnissen. Sie war so arm, dass sein Vater das Geld in der Schweiz verdienen musste - als Saisonarbeiter.

Grossmutter war Bezugsperson

Die Mutter, allein gelassen mit M. und seinen Geschwistern, durchlebte deswegen eine schwere Zeit und hatte depressive Phasen. Eine enge Beziehung hatte der Junge zur Grossmutter. Sie war in dem ländlichen Gebiet als Kräuterkundige mit heilenden Fähigkeiten bekannt.

Mit ihr verbrachte M. viel Zeit und lernte einiges über Magie und Kräuter. Bis heute besitzt er Rezepte von seiner Nonna.

M. war zwölf Jahre alt, als der Vater die Familie zu sich in die Schweiz holte. Fortan lebte er in einer Berner Stadtwohnung. Mit dem Umzug von der italienischen Provinz in die Bundeshauptstadt tat sich M. schwer.

Er war in der Schule das «Tschinggeli», das kaum Deutsch sprach. Er startete eine Ausbildung an der Berufsschule für Italiener. Brach diese jedoch bald wieder ab und ging ans Konservatorium in Freiburg. Das Studium verdiente er sich vor allem mit Putzen und Musikunterricht.

Bereits 1986 eröffnete M.G seine eigene Musikschule. 1999 liess er sich einbürgern und wurde Schweizer. Parallel zur Musikschule begann er auch mit seiner Heilertätigkeit. Seinen Schülern erzählte er, dass er den siebten Sinn besitze und damit Krankheiten heilen könne.

Steine zur Heilung

Dazu benutzte er mit Vorliebe Steine. Seinen Klienten machte er weis, dass diese magische Kräfte besitzen.

Seit dem Jahr 2000 fing er mit seiner Wahnsinnstat an - dem Öffnen des «dritten» Auges durch die Energiebahnen der Chakren. Dies tat er mit Injektionen in den Rücken, die vermutlich HIV- und Hepatitis-C-Viren-verseuchtes Blut enthielten. 20 Personen soll er so infiziert haben - darunter mindestens drei enge Verwandte.

Dass seine «Patienten» alles mit sich machen liessen, erklärt seine Ex-Frau so: «M. G. hat ein sehr starkes Charisma, ist extrem überzeugend und hat eine grosse Gabe zur Manipulation. Das ging bis zur Hörigkeit.» Diesen Eigenschaften erlag auch seine Frau.

Sie brachte von ihm ein Kind zur Welt, als der Verdacht gegen ihren Mann bereits bekannt war. Erst als dieser sie 2010 mit dem Tod bedrohte, verliess sie ihn, klagte ihn ebenfalls an und liess sich scheiden.

Nach Italien zurück

Die Hoffnungen seiner Eltern auf ein besseres Leben in der Schweiz hat M.G. ebenfalls zerstört. Nachdem er Mitglieder seiner eigenen Verwandtschaft mit dem HI-Virus infizierte, sind diese alle wieder nach Italien zurückgekehrt.

Seit zwei Wochen steht M.G. wegen der HIV-Infizierungen vor Gericht. Am Donnerstag blieb er dem Prozess fern und verschanzte sich in seinem Haus. Am Freitag stürmte die Polizei das Haus, verhaftete den Pseudo-Heiler und lieferte ihn leicht verletzt ins Inselspital ein.

Damit landete der Aidsstecher dort, wo alles angefangen hat. Das Inselspital deckte im Jahr 2005 die grösste HIV-Massenansteckung der Schweiz auf. Eines seiner Opfer, das vom Spital betreut wurde, erstattete Anzeige gegen ihn.
* Name der Redaktion bekannt