Bern

Bern denkt laut über Teilung in zwei Halbkantone nach

So nah und doch so fern: Blick über die Dächer von Bern auf Eiger, Mönch und Jungfrau

So nah und doch so fern: Blick über die Dächer von Bern auf Eiger, Mönch und Jungfrau

Im Kanton Bern findet ein heftiger Verteilkampf zwischen städtischen und ländlichen Regionen statt. Berns Stadtpräsident Alex Tschäppät warnt vor «dramatischen Folgen» und appelliert an die Vernunft der Landbevölkerung.

Alle Studien der letzten Jahre kommen zum selben Schluss: Die Kluft zwischen Stadt und Land wird in der Schweiz laufend grösser. «Es ist der bedeutendste politische Konflikt und er wird noch zunehmen», sagt Politologe Claude Longchamp. Besonders heftig prallen die Differenzen im Kanton Bern aufeinander. Spätestens seit Bern zum grössten Nettoempfänger von Geldern aus dem eidgenössischen Finanzausgleich aufgestiegen ist (1,1 Milliarden Franken pro Jahr), interessiert das wirtschaftliche Schicksal des zweitgrössten Kantons im ganzen Land.

Doppelt so reich wie das Land

Dass Bern am Tropf der Nation hängt und von Zürcher Medien zu «Griechenland der Schweiz» erklärt wird, nagt am Selbstbewusstsein des einst mächtigsten Kantons. Besonders gross ist die Aufregung in Stadt und Agglomeration Bern. Das Bruttoinlandprodukt pro Kopf ist dort mit rund 80'000 Franken fast doppelt so hoch wie im Emmental, Oberland, Jura oder Seeland. Und es liegt auch deutlich über dem schweizerischen Durchschnitt.

Auch das Wirtschaftswachstum liegt über dem nationalen Mittel. «Würde der Kanton Bern nur aus dem Aaretal von Thun bis Region Bern und von Biel dem Jurafuss entlang bis zur Solothurner Grenze bestehen, wäre er im obersten Drittel der Kantons-Rankings angesiedelt», schrieb alt Nationalrat und Preisüberwacher Rudolf Strahm jüngst in der «Unternehmer-Zeitung.» Berns Bremsklotz in makroökonomischer und politischer Sicht seien die vielen strukturschwachen Regionen.

Die Entfremdung ist inzwischen so gross, dass in der Bundesstadt offen von einem Halbkanton Bern-Stadt geträumt wird. Selbst Stadtpräsident Alexander Tschäppät zeigt auf Anfrage der «Nordwestschweiz» Sympathien: «Mit einem Halbkanton könnten wir die Steuern massiv senken und dem Kanton Zug Konkurrenz machen.» Doch die Idee habe politisch keine Chance. Die Stadt sei bereit, mit den Randregionen solidarisch zu sein, sagt der SP-Politiker.

Angesichts der trüben finanziellen Aussichten des Kantons - erwartet wird für dieses Jahr ein Defizit von 450 Millionen Franken - findet ein harter Verteilkampf statt. «Das Risiko ist gross, dass der ländliche Teil des Kantons auf Kosten der Stadt und der Agglomeration spart. Das aber wäre dramatisch», sagt Tschäppät. Im ländlichen Bern müsse daher das Bewusstsein dafür wachsen, dass der Kanton keine Zukunft habe, wenn die Stadt Bern als Zentrum in ihrer Entwicklung gebremst werde.

«Teilung wäre ein grosser Fehler»

Im Kanton Bern haben die strukturschwachen Regionen im Grossen Rat die Mehrheit. Ohne Konzessionen bringen die Städte Biel, Thun und Bern keine eigenen Projekte durch. Das ist politisch eine ganz andere Situation als etwa in den Kantonen Zürich, Basel und Genf, wo die Städte überlegen sind. Berns Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher macht der Konflikt in seinem Kanton deshalb Sorgen: «Wir steuern zunehmend auf eine Blockade zu», sagt der SP-Politiker. Das Misstrauen zwischen rot-grüner Regierungsmehrheit und bürgerlich dominiertem Grossen Rat nehme zu. «Das ist nicht im Interesse des Kantons», sagt Rickenbacher.

SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal kann das Klagen der Städter derweil nicht nachvollziehen: «Es ist doch logisch, dass wir uns auf dem Land für den Erhalt von Arbeitsplätzen wehren.» Wandern junge, innovative Leute ab, dann «ist das der Tod der Randregionen.» Für den Bergbauern aus Gstaad ist aber klar: «Wir dürfen die Konfrontation nicht auf die Spitze treiben.» Stadt und Land seien aufeinander angewiesen. Eine Teilung in zwei Halbkantone wäre daher «ein grosser Fehler».

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