Grossanlässe

Berg der Untauglichen: Am Lauberhorn-Rennen schuften immer mehr Zivilschützer

Schaufeln, Fräsen, Piste präparieren: Typische Aufgaben für Zivilschützer am Lauberhorn.

Schaufeln, Fräsen, Piste präparieren: Typische Aufgaben für Zivilschützer am Lauberhorn.

Immer mehr Zivilschützer helfen an den Lauberhorn-Rennen. Veranstalter solcher Grossanlässe müssten einen Teil des Gewinns eigentlich an den Bund zurückzahlen. Haben sie aber noch nie.

Sie schaufeln Schnee von der Piste, transportieren Material, befestigen Auffangnetze. In ihren orange-grauen Uniformen fallen die Zivilschützer auf am Lauberhorn. «Früher war die Armee mit deutlich mehr Diensttagen beteiligt, heute stemmen die Zivilschützer genauso viel Auf- und Abbauarbeit am Lauberhorn», sagt Adrian Schürch, Kommandant der zuständigen Zivilschutzorganisation Jungfrau im Berner Oberland.

Schürch nennt eindrückliche Zahlen: Dieses Jahr leisten insgesamt 350 Zivilschützer während acht Wochen 2800 Diensttage. Die Zivilschützer seien dank einheitlicher Kleidung heute besser als solche erkennbar als früher, so Schürch. Sie sind zwar untauglich für den Armeedienst, für die Arbeit am Berg reicht es allemal.

Zivilschützer springen in die Bresche, wo sich die Armee immer mehr zurückzieht. Leisteten WK-Soldaten im Jahr 2015 noch mehr als 3500 Diensttage am Lauberhorn, sind es heuer
nur noch 3000. Grund ist die Verkleinerung der Armee, schreibt das Verteidigungsdepartement VBS. Wenn es so weitergeht, haben Zivilschützer schon bald die Oberhand am Lauberhorn.

Jedes Jahr aufs Neue ein Gesuch

Allein diese Woche stehen 165 Zivilschützer im Einsatz. «Im Grossen und Ganzen ähneln sich die Arbeiten der Zivilschützer und WK-Soldaten», sagt Zivilschutzkommandant Schürch. Der Einsatz sei dieses Jahr besonders intensiv: «Wegen der massiven Schneemengen, die es zu Wochenbeginn noch gab». Zivilschützer helfen mit beim Aufbau des Weltcup-Dorfs, sie sind für die Logistik bei den Bahnhöfen der Wengernalpbahn oder beim Heliport zuständig.

Am Berg schieben sie den Neuschnee aus der Rennpiste, die längst präpariert worden war. Sie befreien auch die Auffangnetze, den Raum dazwischen und die Sturzzonen vom Neuschnee oder sie «balknen» die Rennpiste. Mit einem sogenannten Sprühbalken spritzen sie Wasser in die Piste, bis dank Minustemperaturen die gewünschte Härte erreicht wird.

Damit private Organisatoren von Grossanlässen wie Skirennen oder anderen Sportveranstaltungen wie dem Schwingfest auf Armee und Zivilschutz zurückgreifen können, müssen sie eine Reihe von Voraussetzungen erfüllen. Bei den «Einsätzen des Zivilschutzes zugunsten der Gemeinschaft» kommt eine eigene Verordnung zum Zug.

Wer ein Gesuch stellt, muss nachweisen, die Aufgaben mit eigenen Mitteln nicht bewältigen zu können, dass der Einsatz private Unternehmen nicht «übermässig konkurrenziert» oder
dass dieser mit dem «Zweck und den Aufgaben des Zivilschutzes übereinstimmt» sowie der «Anwendung des erworbenen Wissens und Könnens dient».

Sparsumme in Millionenhöhe

Der Bund bewilligt Jahr für Jahr die Einsätze in Adelboden und am Lauberhorn. Doch entspricht die Wässerung der Pisten den Aufgaben und dem Zweck des Zivilschutzes?

Walter Müller, Präsident des Schweizerischen Zivilschutzverbands und St. Galler FDP-Nationalrat, sieht keinen Widerspruch zum Gesetz. «Am Lauberhorn müssen sich die Zivilschutzleistenden organisieren, sie müssen kommunizieren. Da gibt es sehr viele Berührungspunkte zu den Aufgabenbereichen des Zivilschutzes.»

Würde die Schweiz mit einer Krise konfrontiert, ist Müller überzeugt, dann könne sie froh sein um einen gut aufgestellten Zivilschutz, der seine Fertigkeiten üben konnte. Sei es auch bei Sportveranstaltungen.

Am Lauberhorn schaufeln und schwitzen nicht nur Soldaten und Zivilschützer, auch ein Heer von Freiwilligen meldet sich zum Frondienst. «Die Helfer teilen sich in ungefähr drei gleich grosse Teile», sagt Zivilschutzkommandant Adrian Schürch, «ein Drittel sind Soldaten, ein Drittel Zivilschützer, ein Drittel Freiwillige.»

Müsste das Lauberhorn-Renn-OK an ihrer Stelle marktübliche Löhne bezahlen, stiegen die Kosten um bis zu 3 Millionen Franken. «Geld, das privat aufgewendet werden müsste. Ohne Zivilschutz oder Militär könnte das Rennen nicht gestemmt werden», sagt Schürch. Bei einem Budget von 8 Millionen Franken am Lauberhorn dieses Jahr macht der Zuschuss via Einsätze durch Zivilschutz und Armee gut einen Viertel aus.

In der Verordnung steht, dass ein Teil eines «namhaften Gewinns» in den Ausgleichsfonds der Erwerbsersatzordnung fliessen muss. Müsste. Denn laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz ist das noch gar nie passiert. Gegenüber dieser Zeitung nimmt der Lauberhorn-Präsident Urs Näpflin Stellung: «Der Gewinn war noch gar nie namhaft. Wenn wir Überschüsse haben, dann fliesst das Geld in die Reserven zum Abfedern von Verlusten oder wir reinvestieren es, zum Beispiel in die Sicherheit.»

Letztes Jahr machte das Lauberhorn-Rennen einen Gewinn von 100 000 Franken. Schlechtes Wetter führte im Jahr zuvor zu einem Verlust von mehreren 100 000 Franken.

Meistgesehen

Artboard 1