Aids-Kampagne
«Bereue nichts» - Bund sucht Laien, die sich vor der Kamera ausziehen

Dank moderner Medizin hat Aids an Schrecken verloren – umso aufwendiger müssen Präventionskampagnen daherkommen. Der Bund ruft jetzt Laien Laien auf, die vor der Kamera nackt posieren - oder sogar Sex haben.

Antonio Fumagalli
Merken
Drucken
Teilen
Das Bundesamt für Gesundheit hat für die Kampagne «Bereue nichts» Paare in voller Aktion fotografiert
9 Bilder
Aids-Kampagne des Bundesamts für Gesundheit
Im Zentrum der Kampagne steht das LOVE LIFE-Manifest mit seinen drei Aussagen «Ich liebe mein Leben, das bin ich mir schuldig»...
...«ich liebe meinen Körper, deshalb schütze ich ihn»...
«Das Leben ist kurz. Gönn dir eine Affäre» ist einer der Slogans, mit denen ashleymadison.com wirbt.
und «ich bereue nichts, dafür sorge ich».
«Setze ein Zeichen», fordert die Kampagne

Das Bundesamt für Gesundheit hat für die Kampagne «Bereue nichts» Paare in voller Aktion fotografiert

zvg/BAG

575 Personen wurden im vergangenen Jahr positiv auf HIV getestet. Das sind zwar rund sechsmal weniger als zu Beginn der Erhebungen Mitte der Achtzigerjahre, die Zahl liegt aber dennoch weit über dem Wert, den man sich beim Bund als Ziel gesetzt hat: Bis 2017 soll die Anzahl der HIV-Diagnosen auf jährlich maximal 350 sinken. «Wir müssen also nochmals Gas geben», sagte Pascal Strupler, Direktor des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), an einer Medienkonferenz.

Die Kampagne, mit der das ambitionierte Ziel angepeilt wird, hat es in sich: Unter dem Titel «Love life - bereue nichts» suchen BAG, Sexuelle Gesundheit Schweiz und Aids-Hilfe Schweiz nach rund 20 Paaren und Einzelpersonen, die bereit sind, sich unentgeltlich vor den Linsen einer renommierten Fotografin auszuziehen.

Bedingung ist, dass die Laien erwachsen sind, sich in ihrem Körper wohlfühlen und sich zum «Manifest» mit dem Slogan «Ich liebe mein Leben - Ich liebe meinen Körper - Ich bereue nichts» bekennen. Was sie dann vor der Kamera anstellen, ist ihnen überlassen - es darf also auch echter Sex sein. «Die Personen geniessen jegliche Freiheiten. Klar ist, dass keine schmuddeligen Bilder angefertigt werden», sagt Regula Fecker von der zuständigen Kommunikationsagentur. Bereits im Verlauf des Sommers werden die Laien-Darsteller dann die Plakatwände zieren.

Cooler sein als Leute, die sich nicht schützen

Der Hintergrund der ungewöhnlichen Kampagne ist eigentlich erfreulich: Weil HIV-Infizierte dank effizienter Medikamente mittlerweile eine annähernd gleich hohe Lebenserwartung haben wie gesunde Personen, hat die Krankheit ihren Schrecken weitgehend verloren. So antworteten in einer vom Bund finanzierten Umfrage gerade mal noch 11 Prozent der Befragten, dass sie sich «sehr» oder «etwas» durch HIV bedroht fühlten - fast 90 Prozent hingegen «gar nicht» oder «eher weniger». «Vor 20 Jahren wären die Anteile wohl gerade etwa vertauscht gewesen», sagt Roger Staub von der BAG-Abteilung Übertragbare Krankheiten.

Um die Bevölkerung für die weiterhin tückische Krankheit zu sensibilisieren, müssen auch in kommunikativer Hinsicht neue Wege beschritten werden. Beim BAG orientiert man sich bei der Offensive, die laut Eigenwerbung «dem Zeitgeist entspricht», an internationalen Studien. Sie zeigen, dass Prävention dann am wirksamsten ist, wenn sich Zielgruppen aktiv an der Umsetzung beteiligen - und damit dafür sorgen, dass in den Köpfen ein Umdenken stattfindet. «Personen, die sich sicherheitskonform verhalten, müssen cooler sein als diejenigen, die es nicht tun», sagt Kommunikationsexpertin Fecker.