Am Montag bekannten sich in Bern zwei albanische Muslimverbände zum schweizerischen Rechtsstaat. Die beiden einflussreichen Imame Mustafa Memeti und Nehat Ismaili unterzeichneten eine entsprechende Charta zu Religionsfreiheit, Frauenrechten und anderen Schweizer Werten.

Mit ihrem Vorstoss wollen die albanischstämmigen Muslime signalisieren, dass sie das Schweizer System voll und ganz akzeptieren. Denn nach jedem islamistisch motivierten Anschlag und nach Skandalen wie der Verweigerung von Handschlägen muslimischer Schüler gegenüber Lehrerinnen sehen Muslime sich dem Generalverdacht ausgesetzt, den Rechtsstaat und Schweizer Werte zu missachten.

Vertreter von Muslimverbänden unterzeichnen die Rechtstaats-Charta:

Die Offensive der beiden albanischen Muslimverbände wird von vielen Kreisen als Zeichen des guten Willens aufgenommen, doch stösst das Vorgehen auch auf Irritation. Zum Beispiel bei Saïda Keller-Messahli, die den Islamverbänden kritisch gegenübersteht.

Sie bezeichnete die Charta gegenüber der «Nordwestschweiz» als reine PR-Aktion und kritisierte, dass ausländische Regierungen hinter der Initiative steckten.

Und die Zürcher Islamwissenschafterin und praktizierende Muslima Rifa’at Lenzin fragte in einem Bericht des katholischen Medienzentrums kath.ch rhetorisch, ob sich die beiden albanischen Verbände mit ihrem Vorpreschen etwa als die besseren Muslime darstellen und sich von den übrigen abgrenzen wollten.

Wenn überhaupt, forderte Lenzin, solle sich ein nationaler Dachverband zum Rechtsstaat bekennen, der eine Mehrheit der praktizierenden Schweizer Muslime vertritt. Etwa die Föderation Islamischer Dachverbände Schweiz (Fids).

Nun zeigen Recherchen der «Nordwestschweiz»: Die Fids hat bereits vor Monaten ein eigenes Bekenntnis zum Rechtsstaat ausgearbeitet. Nur hat die Organisation ihre eigene Muslim-Charta noch nicht publiziert. Wie aus dem Innern der Fids zu vernehmen ist, sucht der Verband seit zwei Monaten bei Vertretern der Bundesbehörden nach Unterstützung.

Eine Antwort des Bunds steht noch aus. Die Fids Der eigenen Charta will die Fids das Gütesiegel der Schweizer Behörden aufdrücken.

Albaner-Charta zu wenig abgestützt

Die Fids vertritt insgesamt zwölf Islam-Dachorganisationen in der ganzen Schweiz und mit ihnen über 170 Moscheevereine und Gebetszentren. Offiziell wollen die Fids-Funktionäre nichts sagen, um nicht den Anschein zu erwecken, ungeduldig zu sein und bei den involvierten Bundesbehörden Druck ausüben zu wollen. Offiziell lässt sich die Fids nur so zitieren: «Es wäre ein wichtiges Anliegen für uns, dass auch Vertreter der Behörden und der Kantone dieses Engagement unterstützen würden.»

Auch zum Inhalt ihres Bekenntnisses zum Rechtsstaat schweigt die Fids. Dem Vernehmen nach orientiert er sich an bereits vorhandenen Papieren. Neben den beiden albanischen Muslimverbänden haben sich früher bereits andere Schweizer Muslimverbände offiziell zum Rechtsstaat bekannt. So die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich, der Verband Aargauer Muslime sowie die Union der Waadtländer Muslime.

Umfrage

Bekennen sich die Muslime hierzulande genügend zum Schweizer Rechtsstaat?
45.3%

Ja

54.7%

Nein

Ihr Bekenntnis zum Rechtsstaat will die Fids sobald wie möglich abliefern. Die Muslimfunktionäre möchten dabei neben Vertretern der Landeskirchen und anderer Glaubensgemeinschaften einen möglichst hochrangigen Vertreter des Bunds dabei haben.

Dies im Unterschied zu den albanischen Muslimverbänden, die ihre eigene Charta diese Woche unter den Augen der Botschafter aus den Heimatländern der Albaner – Kosovo, Mazedonien und Albanien – unterzeichneten. Schweizer Behörden waren nur am Rande vertreten.

So nahmen mit André Duvillard, Delegierter beim Sicherheitsverbund Schweiz, und Simone Prodolliet von der Eidgenössischen Migrationskommission zwei eher unbekannte Behördenvertreter teil.

Wegen Meinungsverschiedenheiten ist der eine albanische Verband um den Berner Imam Mustafa Memeti nicht mehr Mitglied bei der Fids. Memeti äusserte gegenüber dieser Zeitung jedoch bereits früher den Wunsch, auch die Fids würde sich offiziell zum Rechtsstaat bekennen.

«Muslime sorgen endlich für Vertrauen»: Den Kommentar von «Nordwestschweiz»-Reporter Daniel Fuchs lesen Sie hier.