Freie Sicht aufs Mittelmeer, forderte die Jugend in den 1980er-Jahren. Das ist lange her. Die Rebellen sind längst angepasst und die Berge stehen noch, der Slogan von damals aber ist gerade dabei, Realität zu werden. Eine neue Liberalisierungswelle geht durch die Schweizer Städte. Man nennt sie «Mediterranisierung». Nach dem Vorbild Italien werden Gastgewerbe-Regeln gelockert, und es wird in mancher Stadt möglich, auch nach Mitternacht ein Glas Wein oder ein Bier zu trinken.

Hintergrund der neuen Lockerheit ist die Wandlung der Stadt von der Betonwüste zum Lebensraum. Die Städte sind im doppelten Sinne zu Hotspots geworden. Sie gelten als Wärmeinseln mit deutlich mehr Hitzetagen als auf dem Land. Wände und Strassen wirken wie Reflektoren und Hitzespeicher und treiben die Temperaturen in dicht bevölkerten und tief gelegenen Städten immer öfter über 30 Grad. Die Städte des Mittellands verzeichnen Temperaturen wie sonst nur im Tessin. Gleichzeitig sind die Städte als Lebensraum wieder attraktiver geworden. Nachdem in den 7oern und 80ern die Leute aufs Land flüchteten, wachsen Städte nun wieder.

«Mediterrane Nächte» im Emmental

Steigende Temperaturen und Bevölkerungswachstum führen dazu, dass die Strassen und Plätze mehr und länger genutzt werden. Draussensein, Essen und Trinken, am Wochenende bis in die Nacht hinein, gehören jetzt zum Stadtleben. Allerdings kollidiert diese Entwicklung vielerorts mit den Regeln des Gastgewerbes.

Nehmen wir die angebliche Partystadt Zürich. Dort müssen um Mitternacht alle Restaurantterrassen geräumt werden. Zwei Jungpolitiker wollen das nun ändern. Andri Silberschmidt, Präsident der Jungfreisinnigen, und Nicole Giger, sozialdemokratische Gemeinderätin, reichten im Stadtparlament ein Postulat ein mit dem Anliegen, dass Terrassen- und Boulevardflächen im Sommer zwei Stunden länger bedient werden können. Das Anliegen fand breite Unterstützung und wurde für dringlich erklärt. Das Vorbild für Zürich ist ausgerechnet das zehnmal kleinere Städtchen Thun. 2016 führte Thun «mediterrane Wochen» ein. Während eines bestimmten Zeitraums im Sommer, dürfen die Bars am Wochenende nun ihre Tische draussen bis um halb zwei bedienen. Die Erfahrungen seien «durchweg positiv», sagt der Thuner Polizeiinspektor Peter Schütz. Es gebe nicht mehr Lärmreklamationen.

Thun ist nicht alleine. Die Region Bern ist den anderen Städten voraus. Nach einer Testphase bekam auch Bern Mittelmeerflair. In Teilen der Altstadt und auf der Schützenmatte dürfen Restaurants im Sommer bis zwei Uhr morgens draussen bedienen.

Zuletzt rückte das Emmental näher ans Mittelmeer. Seit dem 5. Juli und noch bis zum 10. August dürfen die Restaurants am Freitag und Samstag in der Burgdorfer Schmiedengasse eine Stunde länger bis 1.30 Uhr wirten. Die Regelung gilt auch für die Tische und Stühle auf der Gasse.

So lange dürfen Beizen in Schweizer Städten samstags ihre Terrasse bedienen

Anwohner befürchten mehr Lärm aus den Bars

Vom Mittelmeer muss man Antonio Rovetto nichts erzählen. Der 69-Jährige stammt aus Mineo, einer kleinen Stadt in Sizilien. Seit rund 15 Jahren betreibt er an der Schmiedengasse in Burgdorf die Bar Don Antonio. «Ein kleines Stück Italien mitten in der Altstadt von Burgdorf, ... Salat & Pizza wie im Urlaub », schreibt eine begeisterte Kundin auf der Facebook-Seite der Bar. Antonio profitiert nun von der Liberalisierungswelle des Gastgewerbes. Frage an Antonio Rovetto: Fühlt es sich nun in Burgdorf an wie in Italien? «Ein kleines bisschen vielleicht», sagt er und fügt an: «Die Läden schliessen hier samstags um 17.00 Uhr. In Italien kann man im Sommer bis morgens um 4.00 Uhr auf der Strasse ein Bier trinken.» Seinen Gästen gefielen die längeren Öffnungszeiten. Sie wollten am liebsten noch länger bleiben. Rovetto hofft nun, dass es auch nächstes Jahr wieder verlängerte Öffnungszeiten gibt.

Thun und Burgdorf sind nur zwei Beispiele für die Liberalisierungswelle. Winterthur erlaubt seit vorletztem Sommer den Restaurants, an 18 Tagen auch nach Mitternacht auf Terrassen Gäste zu bedienen. Und Chur, die Stadt mit dem strengsten Polizeigesetz, denkt darüber nach, das nächtliche Alkoholverbot auf der Strasse (0.30 bis 7.00 Uhr) wieder aufzuheben.

Nimmt man die maximale Sommeröffnungszeit am Wochenende als Indikator für die Mediterranisierung, haben die Städte im Kanton Bern schnell aufgeholt. Am liberalsten sind aber nach wie vor Genf und Basel, wo Betriebe je nach Standort bis um 2.00 Uhr draussen bedienen können. Das Gleiche gilt für die Stadt Aarau. Allerdings zeigt ein Augenschein, dass die Möglichkeit der nächtlichen Terrasse nur selten genutzt wird.

Am stricktesten sind Baden und Zürich. An der Limmat müssen im Aargau und in Zürich die Strassencafés um Mitternacht dichtmachen. In Zürich zeigen sich auch die Probleme, die mit der Mediterranisierung einhergehen. Kaum fanden die mediterranen Nächte im Stadtparlament eine Mehrheit, regte sich Widerstand.

Der Quartierverein des zentralen Kreis 1 befürchtet, dass die Nachtruhe noch schwieriger durchzusetzen sei als sonst schon. Er fordert darum Fusspatrouillen der Polizei, die die Nachtruhe durchsetzen und gegen Littering und Sachbeschädigungen vorgehen.

Tatsächlich bringen die lauen Nächte nicht nur mehr Bella Vita in die Schweizer Städte, sondern auch hör- und sichtbar mehr Menschen. Besonders wenn es richtig warm ist wie im heissen Juni. 857-mal wurde die Stadtpolizei Zürich wegen Lärms kontaktiert, wie sie auf Anfrage mitteilte. Das ist ein Anstieg gegenüber den Vorjahren um knapp zehn Prozent. Mediterrane Nächte sind darum umstritten. Anwohner befürchten mehr Lärm und mehr Abfall. Dagegen führen die Befürworter ins Feld, dass Gäste einer Beiz weniger Lärm und Abfall produzierten, als wenn sich junge Leute mit einem Dosenbier aufs Trottoir setzen.

«Mir sind immer na i de Schwiiz», sagt der Italiener

Auch hier kann Thun ein Vorbild sein. Die Stadt zeigt, wie Italianità in der Schweiz mehrheitsfähig werden könnte. Die verlängerten Öffnungszeiten werden wöchentlich «im amtlichen Teil des ‹Thuner Amtsanzeigers› publiziert und können bei Problemen jederzeit abgebrochen werden», wie Polizeiinspektor Schütz betont. Zudem wacht ein zusätzlicher Ordnungsdienst über Ruhe und Ordnung. Ende Jahr findet ein «Debriefing» mit Behörden und Gastronomen statt, wo auch gleich festgelegt wird, ob die mediterranen Nächte im nächsten Jahr wieder durchgeführt werden.

In der Emmentaler Cità Burgdorf ist zudem die Musik auf den Terrassen verboten. Als Antonio Rovetto am vergangenen Samstag anlässlich eines Geburtstags doch ein paar Melodien aus dem Computer schallen liess, kam bald die Polizei und mahnte zur Ruhe. Er hofft nun, dass es keine Busse absetzt. «Wir sind halt immer noch in der Schweiz und nicht in Italien», sagt Antonio Rovetto.