Am Donnerstagabend veröffentlichte das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland das Urteil gegen den mittlerweile 18-Jährigen. Der Angeklagte wird aufgrund von schwerwiegenden psychischen Störungen von allen Punkten freigesprochen und die nächsten Jahre in einer geschlossenen Einrichtung verbringen.

Das Gericht begründet seinen Entscheid wie folgt: Bei jugendlichen Straftätern stehen Schutzmassnahmen im Vordergrund. Strafen können zusätzlich oder als einzige Rechtsfolge nur verhängt werden, wenn der Jugendliche schuldhaft gehandelt hat. Dieses ist dann gegeben, wenn der Jugendliche fähig war, erstens das Unrecht der Tat einzusehen, und zweitens auch nach dieser Einsicht zu handeln. Über die Schadensersatz- und Genugtuungsforderungen wird im Zivilprozess entschieden.

Diagnostizierte Schizophrenie

Mit dem Urteil folgte das Gericht mehrheitlich der Verteidigung: Während des Prozesses hatte diese die Schuldunfähigkeit ihres Mandanten geltend gemacht. Das psychiatrische Gutachten habe eine Schizophrenie diagnostiziert. Der junge Mann sei zum Tatzeitpunkt «urteils-, einsichts- und steuerungsunfähig» gewesen.

Dies sah der Jugendstaatsanwalt ganz anders. Er stützte sich nicht zuletzt auf Aussagen des damals 17-Jährigen nach dessen Festnahme. Mehr als einmal habe er seine Tötungsabsichten formuliert. «Ich war ein Tier. Ich wollte einfach töten», habe er einmal gesagt. Zudem habe er jeweils mit enormer Wucht mit dem Beil zugeschlagen. Es sei nur dem Zufall zu verdanken, dass niemand tödlich verletzt worden sei.

Deshalb forderte die Staatsanwaltschaft unter anderem wegen mehrfach versuchten Mordes eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und eine 500-Franken-Busse. Der psychisch schwer gestörte Beschuldigte sei in einer geschlossenen Einrichtung unterzubringen. Schon heute befindet er sich in einer Klinik.

Den Ausführungen der Anwälte folgte der Beschuldigte, ohne jegliche Emotionen zu zeigen. Dies sei Teil seiner Krankheit, sagte der Verteidiger.

Er habe keinerlei Tötungsabsicht gehabt – von versuchtem Mord könne keine Rede sein. Die anderen Tatbestände anerkenne sein Mandant.

Prozess nur teils öffentlich

Der junge Mann hatte im Oktober 2017 in Flums mehrere Menschen mit einem Beil angegriffen und teils schwer verletzt. Die Jugendanwaltschaft klagte ihn des mehrfachen versuchten Mordes, der versuchten Brandstiftung, der mehrfachen, teilweise versuchten einfachen Körperverletzung und weiterer Delikte an.

Die Medien waren nur zum ersten Teil der Verhandlung vor dem Jugendgericht zugelassen, in dem es um die Tat ging. Alles, was die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten betraf, wurde anschliessend unter Ausschluss der Medien besprochen.

Der Beschuldigte war nach seiner Verhaftung in Untersuchungshaft genommen worden. Am 23. März 2018 wurde er vorsorglich in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung untergebracht.

Rekonstruktion des Tatgeschehens durch die Staatsanwaltschaft

22. Oktober 2017, 20 Uhr - Brandstiftung

Der heute 18-jährige Lette wird verdächtigt, bei seinem Wohnort einen Holzstapel in Brand gesetzt zu haben. Das Feuer konnte vor Eintreffen der örtlichen Feuerwehr gelöscht werden.

Nach 20 Uhr - Angriff auf Ehepaar mit Kind
Der Angeklagte soll in Tötungsabsicht mit einem Beil ein Ehepaar attackiert haben, das mit seinem Kind im Kinderwagen unterwegs war. Der damals 35-jährige Mann und die damals 30-jährige Frau wurden dabei schwer verletzt und mussten im Spital operiert werden. Während der Attacke stürzte das damals achtmonatige Kleinkind aus dem Kinderwagen und musste ebenfalls ins Spital gebracht werden.
Ebenfalls kurz nach 20 Uhr - Angriff auf weiteres Paar
Während der Attacke auf das Ehepaar versuchte ein damals 72-jähriger Mann, welcher mit seiner Ehefrau mit dem Auto beim Postplatz vorbeifuhr, den Beschuldigten dazu zu bringen, von der Frau abzulassen. Der Beschuldigte steht in Verdacht, in der Folge den Mann mit dem Beil angegriffen und dessen Tod in Kauf genommen zu haben. Der Mann erlitt Schnittverletzungen an der Hand.
Zwischen 20 Uhr und 21 Uhr - Angriff auf Frau und Autounfall

Nach den ersten zwei Attacken begab sich der Angeklagte zur Ehefrau des Mannes, deren Auto er entwenden wollte. Nach einem Wortgefecht mit der damals 59-jährigen Frau schlug der Beschuldigte mit dem Beil auf sie ein und fügte ihr am Unterarm eine Rissquetschwunde zu. Danach entwendete der Beschuldigte das Auto und fuhr vom Postplatz in Flums in Richtung Garnischastrasse. Dort verlor er die Kontrolle über das Fahrzeug und prallte in einen Gartenzaun.

Nach 21 Uhr - Angriff auf eine Frau in der Tankstelle

Nachdem der Beschuldigte vergeblich versuchte, sich mit einem unverschlossenen Fahrzeug nach Lettland abzusetzen, begab er sich zu Fuss zur Agrola-Tankstelle in Flums. Er attackierte dort mutmasslich in Tötungsabsicht eine damals 44-jährige Frau mit einer Schere und verletzte sie, bevor sie fliehen konnte, im Gesicht. Er tat dies, um ihr Fahrzeug zu entwenden, was ihm aufgrund des fehlenden Fahrzeugschlüssels aber nicht gelang.

Zwischen 21 Uhr und 21.30 Uhr - Angriff auf schwangere Frau

Der Beschuldigte begab sich nach der Attacke auf die 44-Jährige zum nächsten parkierten Fahrzeug, in dem eine damals 27-jährige Frau sass, welche im achten Monat schwanger war. Er versuchte, die Fahrertüre ihres Autos zu öffnen. Eine damals 21-jährige Frau eilte zur Hilfe und wurde darauf vom Beschuldigten mit dem Beil attackiert. Dabei nahm der Beschuldigte mutmasslich deren Tod in Kauf. Sie erlitt dabei Verletzungen an der Hand. Zwischenzeitlich konnte die 27-jährige Frau aus ihrem Auto fliehen.

Kurz vor 21.30 Uhr - Zweiter Unfall und Verhaftung durch Kantonspolizei

Der Beschuldigte setzte sich ins Fahrzeug und fuhr in die Fassade des Tankstellenshops, weil er den Rückwärtsgang nicht einlegen konnte. Danach wurde er von der Kantonspolizei St.Gallen verhaftet.