Gastkommentar

Bei SRF sind Verwalter an der Macht – aber es bräuchte auch ein kreatives Chaos am Leutschenbach

Bei SRF kommt es zu rund 120 Entlassungen.

Bei SRF kommt es zu rund 120 Entlassungen.

Die Maxime «Content is King» gilt im weltweiten Bewegtbild-Wettbewerb nach wie vor als wichtigster Erfolgsfaktor. Bei SRF scheint diese Erkenntnis abhandengekommen zu sein, schreibt Kurt Schaad in seinem Gastkommentar.

Es war so etwas wie ein Betriebsunfall. Ausser dem Programmdirektor wollte beim Schweizer Fernsehen Ende der Siebzigerjahre niemand ein Vorabendmagazin. Die Abteilungsleiter wurden aber dazu verdonnert. Sie nahmen an, dass das Projekt nach drei Monaten eingestellt wird. Aber nach drei Monaten war die Sendung mit dem Namen «Karussell» beim Publikum angekommen. Das Team war ein wilder Haufen, bei dem im Kampf um die besten Programmideen die Fetzen flogen.

«Karussell» war so etwas wie das Forschungs- und Entwicklungslabor des Schweizer Fernsehens, ausgestattet mit viel Innovationspotenzial. Allerdings nahm niemand das Wort Innovation in den Mund. Man machte einfach. Und man machte auch Fehler – nicht wenige, aber meistens nur einmal. Aus diesem Labor kam die weltweit erste Reality-TV Sendung, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Die nach wie vor im In- und Ausland erfolgreichen TV-Serien «Bauer sucht Frau» und «Bauer, ledig, sucht ...» haben ihren Ursprung in der «Karussell»-Serie «Bauer sucht Bäuerin».

So sehr das Publikum die unkonventionelle Machart der Sendung liebte, so ungeliebt war sie innerhalb des Fernsehhauses. Neid und Missgunst liessen nicht zu, dass der Innovationsgeist auch in andere Programmvorhaben einfliessen konnte. Heute sind die kreativen Wilden offenbar beinahe ausgestorben – oder sie haben den Sender verlassen.

Ein Fernsehsender wie SRF braucht sowohl Programmverwalter wie auch das kreative Chaos, aus dem neue Ideen entstehen können. Es ist eine Führungsaufgabe, beide Bereiche nebeneinander wirken zu lassen und zu schauen, dass ein gegenseitiger Austausch gewährleistet ist. Heute scheinen die Programmverwalter die Macht übernommen zu haben. Kreative Ideen werden ausgebremst, weil alle Entscheidungen mehrfach abgesichert sind. Das wiederum fördert eine Angstkultur. In erster Linie sollen Fehler vermieden werden.

Die Maxime «Content is King» gilt im weltweiten Bewegtbild-Wettbewerb aber nach wie vor als wichtigster Erfolgsfaktor. Bei SRF scheint diese Erkenntnis abhandengekommen zu sein. Es werden neue Strukturen kreiert, Organigramme erarbeitet, und irgendwann stellt man sich die Frage, wo die Inhalte sind.

Wenn man meint, die Inhalte des Wirtschaftsmagazins «Eco» durch eine Talksendung gleichwertig ersetzen zu können, fehlt es an handwerklichem Grundverständnis. Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass Wirtschaftsthemen vermehrt auch in den sozialen Medien abgehandelt werden sollen. Wirtschaft über TikTok zu verbreiten, ist ein durchaus reizvoller Gedanke. Den jungen Wilden mit dem Know-how für soziale Medien und den Fernsehjournalisten mit Wirtschaftskompetenz zusammenzuführen, ist eine anspruchsvolle Führungsaufgabe. Es reicht nicht, zu sagen, dass man es machen wolle.

Dass man, getrieben durch die Digitalisierung, die junge Generation erreichen will, ist nachvollziehbar. Die Jungen zu erreichen und die Alten weiterhin zu bedienen, ist ein Spagat. Auch hier sind neue Inhalte noch nicht zu erkennen. Klar kommuniziert wurde nur, welche Sendungen, die auf die ältere Stammkundschaft ausgerichtet sind, gestrichen werden. Dabei wäre zu berücksichtigen, dass die Alten die einzige Zielgruppe sind, die gegenwärtig massiv wächst. Die Gefahr, den Goodwill der Alten zu verlieren und die Jungen dann doch nicht zu erreichen, ist gross.

Durch die Digitalisierung verschwimmen die Grenzen gegenüber anderen Medienunternehmen. Auch diese sind im Internet präsent. Auch diese nutzen inzwischen das Bewegtbild. Und so findet man sich in einer Konkurrenzsituation, bei der die Spiesse nicht gleich lang sind.

SRF beansprucht die Marktführerschaft, obwohl es, genau betrachtet, kein Marktteilnehmer ist. 75 bis 80 Prozent der Einnahmen kommen automatisch in die Kasse. Bei den restlichen 20 bis 25 Prozent, den Einnahmen aus Werbung und Sponsoring, fängt das Problem an. Hier betrachtet sich SRF als Wettbewerbsteilnehmer und bekämpft dementsprechend seine Konkurrenten mit Produkten, die mit Gebührengeldern finanziert sind. Man könnte das als simulierte Marktwirtschaft bezeichnen. Ein unlösbares Problem in einem kleinen Markt. Lösbar ist es nur, wenn SRF die Wettbewerbshaltung in eine Kooperationshaltung umwandelt. Wenn man aber nicht genau weiss, wer man ist und durch was man sich inhaltlich von anderen unterscheidet, kann man nicht über Kooperationen nachdenken. Wenn man darüber nachdenkt, was private Medien nicht können oder sich nicht leisten können, ist man auf dem Weg, sich inhaltlich besser zu positionieren.

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