Coronavirus
Bei jedem positiven Test ein SMS: Der oberste Kantonsarzt verfolgt die Corona-Zahlen in seinem Kanton in Echtzeit

Die Coronakrise hat die Kantonsärzte ins Rampenlicht gezerrt, allen voran Rudolf Hauri, den obersten der Schweiz. Er tut, was er kann, lässt sich sogar über jeden einzelnen Fall im Kanton Zug informieren. Doch ist das genug?

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Der oberste Kantonsarzt, Rudolf Hauri, im Contact-Tracing-Center in Zug.

Der oberste Kantonsarzt, Rudolf Hauri, im Contact-Tracing-Center in Zug.

Dominik Wunderli

Rudolf Hauri, den alle nur Ruedi nennen, hat in all den Jahren schon so vieles gesehen, dass es nicht leicht ist, ihn noch zu überraschen. Mit einem aber hat er im Leben nicht gerechnet: Dass er eines Tages noch zur Nation sprechen wird. Und das nicht einmal, nicht zweimal, sondern immer wieder. Von einem Podium in der Nähe des Bundeshauses. Im Kampf gegen eine Pandemie, die das Land während Monaten in Atem hält. Und auch ein bisschen ermüdet.

Doch genau so ist es gekommen. Auch an diesem Dienstagmittag sitzt Hauri hinter einem der Mikrofone im Bauch des Bundes-Medienzentrums. Es ist vor allem die Bühne der Bundesräte, aber weil Corona alle interessiert, sitzt jetzt auch Hauri hier. Auf seinem Smartphone hat er notiert, was er sagen will.

Man kann die Botschaft etwa so zusammenfassen: Es sieht zwar gerade etwas besser aus. Aber es ist noch lange nicht vorbei. Besonders beschäftigt Hauri, dass sich die Leute gerade nicht mehr testen lassen. «Scheuen sie den Test nicht», sagt er einmal; die Newsportale tickern den Satz ins Land hinaus. Hauri, der Mann, der die Schweiz ermahnt.

In jedem der 26 Kantone gibt es eine Kantonsärztin oder einen Kantonsarzt; manchenorts sind es sogar zwei, weil sie sich das Amt teilen. In normalen Zeiten erteilen sie den Ärzten eine Berufsausübungsbewilligung und schauen ihnen danach auf die Finger. Sie koordinieren die Suchtprävention und die Impfprogramme, kämpfen gegen Noroviren oder Tuberkulose. Sie sind wichtige Leute, aber es ist nicht so, dass man sie kennen würde; die Kantonsärzte bleiben im Hintergrund, und in aller Regel ist es ihnen dort ganz wohl.

Eigentlich nur ein Präsident ad interim

Doch jetzt hat die Coronakrise sie ins Rampenlicht gezerrt. Das gilt besonders, seit die Kantone im Sommer im Kampf gegen Corona den Lead übernommen haben. Alle wollen seither etwas von den Kantonsärzten, und am allermeisten trifft das auf Rudolf Hauri zu, der seit 2002 in Zug dieses Amt innehat. Seit 2017 ist er Präsident der nationalen Vereinigung. Und also: der oberste Kantonsarzt der Schweiz. Eigentlich wollte er den Posten im letzten Herbst abgeben, er hatte ihn für zwei Jahre interimsmässig übernommen. Doch dann klappte es mit der Nachfolge nicht wie geplant. Und Hauri blieb für zwei weitere Jahre. «Wenn ich da nur schon gewusst hätte, was auf mich zukommt», sagt er. Dann lacht er in seine Maske, aber er tut das nicht auf eine bittere Art.

Hauri trägt Kurzarmhemden, die ihm etwas zu gross sind, und auch Ende November darüber nur ein Sakko. Den weissen Bart hat er akkurat gestutzt, das Haar sorgfältig geföhnt. Man sieht ihn selten ohne sein Smartphone. Er nennt es sein Führungsinstrument. Seit März ist es auch sein Corona-Seismograph: Sobald ein positiver Test aus seinem Kanton beim Bund gemeldet wird, erhält Hauri ein SMS. Er könnte diese Funktion ausschalten, aber das hat er nicht gemacht, «ich muss doch wissen, was sich tut, und zwar jederzeit», sagt er.

Seit das Virus auftauchte, hatte er zwei Wochenende frei

Seit alles anfing, hat er zwei Wochenenden frei gemacht, sonst arbeitet er, meist von acht Uhr morgens bis Mitternacht. Es geht dann: um die Auslastung der Spitäler. Um das Contact Tracing. Um die vielen Fragen der Ärzte, der Medien, aus dem Volk. Um die Tests. Und neuerdings: Um das Impfen. Hauri gibt alles im Kampf gegen Corona, sei Monaten schon. Doch ist es genug?

Bevor Hauri an diesem Dienstag in den Zug nach Bern gestiegen ist, schaute er noch im kaufmännischen Bildungszentrum vorbei. Ein moderner Bau, die Fassade aus Glas. Im zweiten Stock zwei Klassenzimmer, die gerade nicht gebraucht werden. Dort jagt die Contact-Tracing-Abteilung neuerdings das Virus. Menschen mit Headsets, die vor ihrem Bildschirm sitzen und Telefonlisten abarbeiten. «Dann dürfen sie ab morgen wieder raus», sagt eine Frau; der Mann am anderen Ende der Leitung ist damit aus der Quarantäne entlassen.

Kantonsarzt Rudolf Hauri auf Visite bei den Contact Tracern.

Kantonsarzt Rudolf Hauri auf Visite bei den Contact Tracern.

Dominik Wunderli

Die Abteilungsleiterin sitzt dort, wo sonst die Lehrerin Platz nehmen würde. Sie meldet, dass alles in Ordnung sei, «wir sind wieder tagesaktuell». Noch vor ein paar Wochen war das anders. Als die Fallzahlen Anfang Oktober explodierten, kamen die Zuger Contact Tracer an den Anschlag. Konnten nicht mehr alle infizierten Personen anrufen, um sie in Isolation zu versetzen. Ganz zu schweigen davon, ihre engen Kontaktpersonen abzufragen und diese aufzufordern, daheim zu bleiben. Und so die Verbreitung des Virus einzudämmen.

Hat auch der oberste Kantonsarzt im Sommer geschlafen?

Das Contact Tracing, das letzte Auffangnetz im Kampf gegen die Pandemie, wurde plötzlich auch in Zug löchrig. Im Kanton des obersten Kantonsarztes. Dem Kanton, von dem es stets hiess, dass er vorbildlich aufgestellt sei. In aller Eile musste Hauri umdisponieren. Er schuf eine Covid-19-Abteilung. Warum so spät? Haben auch sie im Sommer zu wenig gemacht, Herr Hauri? Die Dynamik Anfang Oktober, antwortet er, habe auch ihn überrascht, «das muss ich zugeben».

Was man aber nicht vergessen dürfe: das Contact Tracing habe seine Grenzen, sei nicht unbegrenzt skalierbar, auch wenn das die Epidemiologen gerne so hätten. «Wir können in den Kantonen nicht hunderte Leute in Reserve haben», sagt Hauri. Das Contact Tracing sei nur eines von vielen Instrumenten, um die Pandemie in Schach zu halten. «Es geht hier darum, nachzuputzen, wenn es doch noch Fälle gibt. Aber man darf das Putzen nicht vergessen.» Wobei man auch sagen muss, dass die Kantonsärzte sich das Nachputzen zuweilen selbst schwer machen: So haben sie es nicht einmal geschafft, sich auf ein gemeinsames Computerprogramm zur Verwaltung der Corona-Fälle zu einigen.

Man kann Hauris Satz mit dem Putzen als Kritik an jenen lesen, die die Entscheidungen fällen. Und das sind nicht die Kantonsärzte. Es sind zwar sie, die in den Kantonen an der Front stehen. Aber zu sagen haben sie wenig. Rudolf Hauri hat sich gefreut, dass sein Smartphone gerade weniger Ansteckungen meldet als noch vor ein paar Wochen. Aber er hat auch gemerkt, dass es seit einigen Tagen vorbei ist mit dem Rückgang, es eine Art Plateau gibt.

Schon vier Kantonsärzte gaben dieses Jahr auf

Am Montag, als er im wöchentlichen Lagerapport des Kantons Zug sass, warnte er davor, dass die epidemiologische Lage in seinem Kanton nach wie vor bedrohlich sei. Doch was die Regierung damit macht, liegt nicht in seinen Händen, nicht einmal allein in jenen seines Chefs, Gesundheitsdirektor Martin Pfister. Und erst recht gilt das dafür, was der Bundesrat in Bern für das ganze Land beschliesst. Die Kantonsärzte müssen die Krise managen, aber die Instrumente dafür drücken ihnen andere in die Hand. So gesehen haben sie gerade einen der kompliziertesten Jobs von allen.

Rudolf Hauri sagt, dass das stimme, «und natürlich: ich hätte manchmal anders entschieden». Dann schiebt er nach, dass sein Verhältnis zur Politik gut sei. Es sind Sätze, die zu Hauri passen. Er ist keiner, der sich so leicht aus der Reserve locken lässt. Und auch keiner, der schnell aus der Ruhe gerät.

Im Corona-Jahr mussten schon vier Kantone einen neuen Kantonsarzt suchen, weil dem Amtsinhaber irgendwann alles zu viel wurde. Hauri dagegen sagt von sich, er möge Probleme, und er hat sich in seinem Leben eigentlich stets mit ihnen auseinandergesetzt. Schon als Bub weiss er, dass Polizist und Arzt werden will. Als er später herausfindet, dass es den Beruf des Rechtsmediziners gibt, ist sein Ziel klar. Und er arbeitet zielstrebig daraufhin: Matura in Zug, Medizinstudium in Zürich.

Nach dem Attentat von Zug rekonstruierte Hauri 13 Stunden lang die Tat

In den 1980er-Jahren stellt ihn schliesslich das renommierte Institut für Rechtsmedizin in Zürich an. Er wird gerufen, wenn Flugzeuge abstürzen. Wenn es bei Terrorattacken wie jenen in Luxor und in New York Schweizer Opfer gibt. Als Friedrich Leibacher 2001 in Zug 14 Politiker erschiesst, steht Hauri 13 Stunden am Stück im Parlamentsgebäude, um die Tat zu rekonstruieren. Kurz zuvor hat er für sich beschlossen, dass er noch etwas anderes ausprobieren möchte. Und tritt 2002 die Stelle als Zuger Kantonsarzt an.

Letzte Woche sind im Kanton Zug sieben Personen am Coronavirus gestorben. Das sind mehr als je zuvor während der Pandemie, und es passt zur Entwicklung in der ganzen Schweiz. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl trifft die zweite Welle die Schweiz so hart wie kaum ein anderes Land in Europa. Ist es genug, Herr Hauri? Das, antwortet er, sei eine berechtigte Frage, er habe sie sich auch schon gestellt. «Und ich kann keine schlaue Antwort geben», sagt er. Er spricht von der Lage der Schweiz im Herzen Europas, von der Bevölkerungsdichte, der hohen Mobilität.

Und er sagt, dass es eine Analyse brauche, wenn das alles vorbei sei. Man müsse dann über alles nachdenken, auch darüber sich zentraler aufzustellen in der Seuchenbekämpfung. Weniger Föderalismus im Kampf gegen Pandemien, vorgeschlagen vom obersten Kantonsarzt? «Wenn man merkt, dass das Auto in die Jahre gekommen ist, sich nicht mehr eignet, dann muss man es ersetzen», antwortet Hauri.

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