IV-Rente
Behinderten droht Rentenkürzung um bis zu 30 Prozent

Setzen sich die Vorschläge des Bundesrats in der Differenzbereinigung zwischen National- und Ständerat durch, droht IV-Rentnern eine massive Kürzung der Bezüge. Eine Betroffene erzählt.

Karen Schärer
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Arbeitsunfähig wegen Sehbehinderung: Reicht das künftig für eine 100-prozentige IV-Rente?

Arbeitsunfähig wegen Sehbehinderung: Reicht das künftig für eine 100-prozentige IV-Rente?

Keystone

Auf dem Esstisch von Nora Tschopp* steht eine Vase mit ein paar Stängeln gelber Freesien. Der Farbtupfer in der Stube der hochgradig sehbehinderten Frau irritiert, bis sie auf die Frage, was für sie denn Luxus bedeute, die Vase heranzieht und an den Blumen riecht.

«Seit kurzem leiste ich mir jede Woche einen Blumenstrauss», sagt sie. Angesichts des bescheidenen Sträusschens ein finanziell gesehen kleiner Luxus – und doch sinnbildlich für die Haltung und Situation der Musikerin.

Nach Beendigung ihrer Ausbildung beantragte Tschopp vor rund 15 Jahren eine IV-Rente. Heute kommt sie mit ihrer Rente, der Hilflosenentschädigung, den Ergänzungsleistungen und Einkünften aus Konzertauftritten nur knapp über das Existenzminimum hinaus.

Und nun droht der nahezu blinden Frau, die seit ihrer Jugend zudem an einer chronischen Krankheit leidet, eine massive Rentenkürzung: Setzen sich die Vorschläge des Bundesrats in der Differenzbereinigung zwischen National- und Ständerat durch, hat Tschopp künftig 300 bis 400 Franken pro Monat weniger im Portemonnaie.

Schwelle für ganze Rente erhöhen

Noch im Dezember freuten sich die Behindertenorganisationen: Der Nationalrat hatte überraschend einem Vorstoss des behinderten Nationalrats Christian Lohr (CVP/TG) zugestimmt und beschlossen, eine volle IV-Rente auch in Zukunft ab einem Invaliditätsgrad von 70 Prozent zu gewähren.

Damit stellte sich der Nationalrat gegen den Willen von Bundesrat und Ständerat: Diese wollen in Zukunft eine ganze Rente erst ab einem Invaliditätsgrad von 80 Prozent zugestehen. Kürzlich hat nun die zuständige Kommission des Ständerats entschieden, am Rentensystem des Bundesrats festzuhalten. Folgt der Ständerat morgen Dienstag der Kommission, geht das Geschäft zurück in den Nationalrat.

Für die Behindertenorganisationen wäre dieses Anheben der Schwelle mit ein Grund, das Referendum gegen die IV-Revision 6b zu ergreifen. Sie verurteilen es als «Sparangriff auf schwerstbehinderte Menschen». Konkret: Im neuen linearen Rentenmodell gemäss Bundesratsvorschlag erhält Nora Tschopp, der die IV-Stelle eine Arbeitsunfähigkeit von 70 Prozent attestiert hat, nur noch 70 Prozent einer vollen Rente.

Heute erhält sie eine ganze Rente. Sie müsste damit eine Kürzung um 30 Prozent hinnehmen.

Sparen bei Bio-Produkten

Wo sie sparen könnte? Die seltenen Ferien ausschliesslich in der Nähe verbringen. Beim Einkaufen auf das Bio-Label verzichten. Für Tschopp steht fest, dass die Mittel, die ihr möglicherweise gekürzt werden, von einer anderen Stelle überwiesen werden müssten, damit sie nicht unter das Existenzminimum fällt. «Schlimmstenfalls müsste ich zur Sozialhilfe. Das strebe ich aber nicht an», sagt sie.

Mit dem neuen linearen Rentenmodell werde die Beurteilung des IV-Grades künftig eine wichtigere Rolle spielen, ist Tschopp überzeugt. Sie selbst hat jahrelang auf den schriftlichen Überprüfungen der Arbeitsunfähigkeit durch die kantonale IV-Stelle angegeben, ihr Gesundheitszustand sei unverändert. Das wird sie nächstes Mal nicht mehr machen. «Lange wollte ich es vor mir selbst nicht zugeben, doch mein Gesundheitszustand ist deutlich schlechter geworden.»

Operationen schränken ihre Leistungsfähigkeit dauerhaft ein; das Bewältigen ihres Alltags mit minimalem Augenlicht verlangt höchste Konzentration. «Ich muss mir zum Beispiel konstant merken, wo ich was hinstelle. Je älter ich werde, desto mehr Energie braucht diese Hirnleistung», sagt sie.

Musik ist für Nora Tschopp der Gegenpol zu Krankheit und Behinderung. «Ich setze alles daran, weiter als Musikerin tätig sein zu können, denn da ist meine ganze Seele drin», sagt sie.

*Name geändert

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