Romand
Bedroht der Röstigraben die Einheit des Landes?

Romands und Deutschschweizer tun sich schwer mit der Sprache des anderen. Diesseits und jenseits des Röstigrabens sorgen die Landessprachen wieder einmal für rote Köpfe. Einige Politiker sehen gar die Einheit des Landes bedroht.

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Schwizerdütsch für Romands

Schwizerdütsch für Romands

Keystone

Moritz Kaufmann

Die neuste Sprachdebatte in der Romandie hat längst auch die Deutschschweiz erfasst. Auslöser war Antonio Hodgers, Genfer Nationalrat der Grünen, der für ein Jahr nach Bern umgesiedelt ist, um sein Deutsch zu verbessern. In der «NZZ» und in «Le Temps» beklagte er sich, dass ihm seine neu gewonnenen Deutschkenntnisse nichts nützen würden, weil Deutschschweizer mit Romands lieber Dialekt statt Hochdeutsch redeten. Antonio Hodgers warnt gar vor Verhältnissen wie in Belgien, wo der Argwohn zwischen den französischsprachigen Wallonen und den niederländisch geprägten Flamen zu einer dauerhaften Regierungskrise geführt hat.

Lieber Englisch als Französisch

Ganz unschuldig daran ist die Deutschschweiz nicht. Begriffe wie «Frühenglisch» an den Schulen schüren in der Romandie die Angst, durch sprachliche Ausgrenzung an den Rand gedrängt zu werden. Zuletzt sorgte der Vorschlag der Zürcher Bildungsdirektorin Regine Aeppli, Französisch beim Übertritt ans Gymnasium nicht mehr zu prüfen, für einen Aufschrei. Auf Anfrage erklärt Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbands, dass damit der hohe Stellenwert des Schulfachs Französisch an Zürcher Schulen nicht geschwächt werden soll. Es habe sich lediglich gezeigt, dass eine Prüfung in Französisch nichts aussage über die Tauglichkeit eines Schülers fürs Gymnasium. Allerdings fügt sie an, dass Französisch bei den Schülern längst nicht so beliebt sei wie etwa Englisch.

Wie man die eidgenössische Sprachvielfalt nutzen kann, zeigt etwa die Kantonsschule in Frauenfeld. Dort hat man vor zehn Jahren mit einem Gymnasium in Yverdon ein Schüleraustauschprojekt lanciert. Jedes Jahr wechseln etwa zwölf Schüler im zweitletzten Schuljahr ans jeweilige Partnergymnasium, um die Sprache zu lernen. Allerdings sagt Prorektorin Heidi Fuchs, die das Projekt betreut: «Wir sehen das als Begabtenförderung. Beim Englisch finden wir jedoch, dass wir alle Schüler fördern müssen.»

Der Freiburger CVP-Nationalrat Dominique de Buman stellt denn auch ein Auseinanderdriften der Landesteile fest. Es sei jedoch nicht nur ein Problem der Deutschschweiz. So würden insbesondere auch die Kantone Genf und Waadt mehr Wert auf Englisch denn auf die Landessprachen legen. De Buman, der auch den Sprachförderverein Helvetia Latina präsidiert, will nicht, dass sich Deutschschweizer und Romands künftig nur noch auf Englisch unterhalten. «Es ist egal, wenn man Fehler macht», findet er, «aber man muss sich bemühen, die Partnersprache zu reden.»

Problem früher weniger auffällig

Ganz so dramatisch sieht der Linguistikprofessor Iwar Werlen von der Uni Bern die Situation nicht. Auf der individuellen Ebene würden Schweizer aus verschiedenen Sprachregionen schnell einen Weg finden, um miteinander zu kommunizieren. Im Grunde genommen habe die Schweiz aber schon immer ein Verständigungsproblem gehabt.

Dieses sei früher einfach weniger aufgefallen, weil die Leute weniger mobil waren und somit weniger miteinander zu tun hatten. Im Übrigen sei Deutsch in der Romandie das unbeliebteste Schulfach. Es orientiere sich stark am Hochdeutschen in Deutschland und dieses sei in der Deutschschweiz ja gleichermassen unbeliebt. Zumindest in dieser Hinsicht versteht man sich also im ganzen Land.

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