Herr Zemp, ist der Druck auf Lehrer vonseiten der Eltern in den letzten Jahren stark gestiegen?

Beat Zemp: Eindeutig, das höre ich von allen Seiten und über alle Kantone hinweg. Eltern streiten sich heute schneller mit Lehrpersonen als noch vor zehn Jahren. Wenn ihnen etwas nicht passt, reklamieren sie.

Was sind die Folgen?

Man muss heute viel genauer dokumentieren, wie der Leistungsstand jedes Kindes ist. Eine Prüfung wird nicht einfach korrigiert und zurückgegeben, sondern man kopiert sie und legt sie ab. Wenn eine Bewertung angefochten wird, muss schliesslich alles gut dokumentiert sein. Das führt zu deutlich mehr administrativem Aufwand.

Es ist doch gut, wenn sich Eltern um die Leistung der Kinder sorgen.

Natürlich, dafür habe ich auch volles Verständnis, schliesslich geht es um die Schulkarriere ihres Nachwuchses. Eltern wollen wissen, wie eine Note zustande gekommen ist oder warum man einen Übertritt ans Gymnasium nicht empfiehlt. Weniger Verständnis habe ich allerdings, wenn erzieherische Massnahmen angefochten werden, sei es beim Verhalten in der Pause, Umgang mit dem Handy oder bei der Erreichbarkeit von Lehrpersonen und Schulleitern. Wir müssen den Schulbetrieb aufrechterhalten und können nicht auf alle Sonderwünsche eingehen.

Welches sind die Streitpunkte?

Oft geht es um Übertrittsentscheide an weiterführende Schulen, aber auch um einzelne Prüfungen oder Teilnahme an Klassenlagern und am Schwimmunterricht.

Eine Studie kommt zum Schluss, dass Lehrer in der Schweiz im internationalen Vergleich einen tiefen Status geniessen. Hat der Respekt abgenommen?

Ich bin seit 35 Jahren Lehrer und empfinde das persönlich nicht so. Doch gerade Entscheidungen von jungen Lehrpersonen werden von überkritischen Eltern hinterfragt oder nicht akzeptiert, auch wenn sie völlig korrekt sind. Das kann belastend sein. Vor dem ersten Elternabend haben viele Berufsneulinge schlaflose Nächte.

Sind Eltern ein häufiger Kündigungsgrund für Lehrer?

Wir machen regelmässig Umfragen zur Berufszufriedenheit. Ein entscheidender Faktor für einen Verdruss sind nörgelnde Eltern, die alles infrage stellen. Man kennt sie auch unter dem Begriff der Helikoptereltern. Sie überwachen jeden Schritt ihrer Kinder. Trotzdem sind mir diese Eltern immer noch lieber als jene, die sich gar nicht um den schulischen Erfolg ihrer Kinder kümmern.

Klingt, als machten Eltern in Ihren Augen vieles falsch.

Nein, dabei handelt es sich glücklicherweise um eine kleine Minderheit. Es gibt viele «critical friends», also Eltern, die kritisch hinschauen, aber grundsätzlich hinter dem öffentlichen Bildungssystem stehen. Sie hinterfragen Entscheide, äussern dabei aber konstruktive Kritik.

Im Kanton Zürich gab es dieses Jahr so viele Anfechtungen wegen des Übertritts ins Gymnasium wie noch nie. Wie erklären Sie sich die Entwicklung?

Ich kenne die Details nicht. In Zürich ist allerdings die Aufnahmeprüfung alleine entscheidend für den Übertritt ans Gymnasium. Vielleicht ist das ein Grund, denn es entscheidet die Leistung an einem einzigen Tag, mit allen Vor- und Nachteilen. Ich persönlich befürworte eine Kombination aus Prüfung, Vornoten und Empfehlungen der Lehrpersonen.

Der Kanton Freiburg hat die Rekursmöglichkeiten eingeschränkt. Erzieherische Massnahmen, die Ablehnung von Urlaubsgesuchen oder Noten, die nicht entscheidend sind, können Eltern nicht mehr anfechten. Eine gute Idee?

Das ist sicher eine Möglichkeit, die Flut von Rekursen einzudämmen. Allerdings muss es immer die Option für Einsprachen geben, wenn es um Übertritte und Abschlussprüfungen geht. Das ist ein wichtiges Gegenmittel zur Macht der Schule.

Welche zusätzlichen Massnahmen schlagen Sie vor?

Wir brauchen in den Kantonen unabhängige Ombudsstellen, an die sich Eltern wenden können, wenn Sie sich ungerecht behandelt fühlen. So könnten Konflikt frühzeitig gelöst und eine Eskalation verhindert werden.

Wie sollen Pädagogische Hochschulen in der Ausbildung neuer Lehrer mit den Erwartungshaltungen der Eltern umgehen?

Ein Pflichtmodul «Elterngespräch» macht in meinen Augen Sinn. Ich begrüsse es sehr, dass viele Pädagogische Hochschulen mittlerweile ein starkes Augenmerk auf die Elterngespräche legen und die angehenden Lehrer gut auf diese Situation vorbereitet werden. Auch dadurch lassen sich viele Situationen frühzeitig entschärfen.