Jede Sekunde geht in der Schweiz ein Quadratmeter Grünfläche verloren. Mit dieser Rechnung warben die Initianten der Zersiedelungs-Initiative, über die am 10. Februar abgestimmt wird, am Dienstag für ihr Anliegen. Dieselbe Rechnung findet sich auf der Website des Schweizer Bauernverbandes. Die eindrücklichen Zahlen zum Bodenverbrauch zeigten, dass «dringender Handlungsbedarf» bestehe, heisst es dort weiter. Auf den ersten Blick kämpfen die Jungen Grünen und der Bauernverband also für dasselbe Ziel: nämlich dafür, den Kulturlandverschleiss zu stoppen. Und trotzdem lehnt der Bauernverband die Zersiedelungs-Initiative ab.

Dies vor allem wegen der von den Initianten vorgeschlagenen Verschärfungen für Bauten ausserhalb der Bauzonen. Dazu zählen auch Landwirtschaftsgebäude. Zulässig wären grundsätzlich nur noch Bauten und Anlagen für die bodenabhängige Landwirtschaft. Will heissen: Ställe dürften nur noch gebaut werden, wenn die darin lebenden Tiere mit Futter vom Hof versorgt werden.

Bauernverbandspräsident Markus Ritter, der im Rheintal einen Milchwirtschaftsbetrieb führt, sagt: «Für meinen Hof würde sich im Moment nicht viel ändern. Ein Geflügelstall im Toggenburg wäre aber nicht mehr bewilligungsfähig, weil die für das Futter nötigen Ackerflächen dort nicht vorhanden sind.» Der St. Galler CVP-Nationalrat spricht von einem «inakzeptablen Verbot jeglicher bodenunabhängiger Produktion».

Hinter der Initiative steht hingegen die Kleinbauern-Vereinigung, die sich für eine standortgerechte und ökologische Landwirtschaft einsetzt. Vorstandsmitglied Markus Schwegler sagt: «Die Schweizer Landwirtschaft bewegt sich immer stärker hin zu einer industriellen Produktion. Die Betriebe entkoppeln sich von ihrem Boden, sind angewiesen auf Futtermittelimporte.» Eine nachhaltige Lebensmittelproduktion sei hingegen zwingend bodengebunden, so Schwegler.

Ende der Hors-sol-Produktion

Die Zersiedelungs-Initiative betrifft neben der Tierhaltung auch den Pflanzenbau. Geht es nach den Initianten, wären Gewächshäuser nur noch möglich, wenn die darin wachsenden Pflanzen im Boden verwurzelt sind. Bauten für die sogenannte Hors-sol-Produktion wären grundsätzlich nicht mehr zulässig. Bei Hors-sol werden Tomaten oder Erdbeeren nicht in die Erde, sondern in Substrate wie beispielsweise Steinwolle gepflanzt. Laut Markus Waber vom Verband der Schweizer Gemüseproduzenten wird heute der «grössere Teil der Fruchtgemüse wie Tomaten, Gurken oder Peperoni via Hors-sol angebaut». Anders als von den Initianten dargestellt, würde ein Ja im Februar gemäss den Gemüseproduzenten auch Gewächshäuser betreffen, in denen die Pflanzen im Boden verwurzelt sind. Seit einem Bundesgerichtsentscheid von 2013 würden nämlich alle Kulturen als bodenunabhängig gelten, die vom Setzen beziehungsweise von der Saat bis zur Ernte im geschützten Anbau wachsen. «Der Verband sieht deshalb die ganze künftige Entwicklung der Gewächshausproduktion bedroht», sagt Waber.

Für Bauernverbandspräsident Ritter ist die Initiative deshalb «zu extrem, bei aller Sympathie für das Grundanliegen». Das Volksbegehren würde gemäss Ritter die Entwicklungsmöglichkeiten der Schweizer Landwirtschaft viel zu stark einschränken und Innovationen verhindern.

Lokaler Anbau als Ziel

Markus Schwegler von der Kleinbauern-Vereinigung hat wenig Verständnis für diese Argumentation. Die Initiative leiste einen Beitrag zur Ernährungssicherheit – die ja gemäss dem Wunsch des Bauernverbandes im Jahr 2017 in der Bundesverfassung verankert worden sei.

Das Parlament in Bern hätte bei einem Ja zur Zersiedelungs-Initiative ausserdem beträchtlichen Spielraum bei der Umsetzung. Im Initiativtext heisst es im Zusammenhang mit den vorgeschlagenen Hürden für Landwirtschaftsbauten: «Das Gesetz kann Ausnahmen vorsehen.» Im Fall einer Annahme könnten gemäss den Initianten für die bodenunabhängige Gemüseproduktion sogenannte Speziallandwirtschaftszonen definiert werden. Dies ermögliche eine lokale Pflanzenproduktion und verhindere gleichzeitig, «dass ganze Landstriche mit Gewächshäusern überdeckt werden».