Obst- und Gemüseanbau

Bauern spritzen Pestizide – weil in die Läden nur makelloses Obst und Gemüse soll

Apfel ist nicht gleich Apfel: Auf die kleinen Details kommts an.

Apfel ist nicht gleich Apfel: Auf die kleinen Details kommts an.

Die Händler schreiben den Produzenten genau vor, welche Produkte erwünscht sind. Die teilweise abstrusen Normen führen dazu, dass die Landwirte zur Giftspritze greifen.

Frisch, rot und saftig liegen die Äpfel in den Regalen des Detailhandels: wie geklonte Superstars. Makellos auch der Broccoli, die Karotten und die Salatgurken. Der Kunde wird verführt. Was er nicht weiss: Die Produkte wurden mehrfach mit Schädlingsbekämpfungsmitteln bespritzt, um sie zu den Superstars zu machen, die vor ihm in der Ladentheke liegen. 2000 Tonnen Pestizide werden jährlich auf Felder und Bäume ausgetragen, wo sie Mensch und Natur gefährden.

Der Grund: Für Obst und Gemüse gelten strenge Qualitätsnormen. Händler wie Migros und Coop schreiben den Bauern genau vor, welche Produkte erwünscht sind – die Grösse, die Farbe und das Gewicht. Einen vernünftigen Preis erhält er nur für makellose Ware.

Ertrag mehr als halbiert

Alleine für Äpfel füllen die Vorschriften ganze 19 Seiten: Bedingung für einen Apfel der Klasse 1 etwa ist, dass er keine Dellen aufweist, die grösser sind als 1 Quadratzentimeter. Schorfflecken dürfen nicht einmal eine Grösse von 0,25 Quadratzentimetern übersteigen – ein Flecklein, das von Auge kaum erkennbar ist. Bezeichnenderweise kommt das Wort «Geschmack» auf den 19 Seiten nur einmal vor. Dabei geht es aber nicht um den eigentlichen Geschmack, sondern, dass Äpfel frei sein müssen von fremdem Geschmack.

Obstbauer Ralph Gilg aus dem thurgauischen Fruthwilen erklärte gegenüber SRF, was das Streben nach Perfektion für ihn bedeutet: «Das Flecklein bedeutet, dass ich den Apfel nicht mehr als Klasse 1 verkaufen kann. Der Apfel rutscht in der Sortierung in die Klasse 2.» Mit der Konsequenz, dass er nicht einmal mehr die Hälfte für sein Obst bekomme und dadurch ausser Stande sei, kostendeckend zu produzieren. Der Einsatz von Pestiziden ist für die Produzenten also wirtschaftlich überlebenswichtig. Würden die Bauern auf Pestizide verzichten, rechnet Michel Gygax, Präsident der kantonalen Fachstellen für Pflanzenschutz, entstünden im Obstbau Ertragsausfälle von 30 bis 70 Prozent.

Sind Migros und Coop mit ihren übertriebenen Qualitätsansprüchen also wesentliche Treiber des Pestizid-Einsatzes? Man erarbeite die Qualitätsnormen gemeinsam mit dem Verband für Früchte, Gemüse und Kartoffelhandel Swisscofel, lassen die Grossverteiler ausrichten. Und: «Wir stellen fest, dass Kunden optisch makelloses Gemüse und Obst klar bevorzugen», sagt Coop-Mediensprecherin Andrea Bergmann. Man richte sich nach der Kundennachfrage.

Für Andreas Bosshard, Geschäftsführer von Vision Landwirtschaft, ist diese Logik zu simpel: «Natürlich wählt der Kunde das gerade gewachsene Rüebli, wenn er die Wahl hat». Der Kaufentscheid fiele jedoch völlig anders aus, wenn transparent gemacht würde, wie viel und welche Pestizide beim einzelnen Produkt zum Einsatz gekommen wären. Der Experte ist sich sicher: «Die Händler haben das Potenzial, den Kunden aufzuklären, noch längst nicht ausgeschöpft.»

Ünique kommt gut an

In der Öffentlichkeit wird das Thema Pestizide kontrovers diskutiert. So steht der Unkrautvertilger Glyphosat in Verdacht, krebserregend zu sein. Das ist auch Migros und Coop nicht entgangen. Sie vergrössern ihr Bio-Sortiment oder setzen auf neue Linien wie «M-Budget» oder «Ünique», unter denen sie von der Norm abweichende Ware tolerieren und günstiger verkaufen. Ünique käme beim Kunden gut an, sagt Bergmann. «Wir haben im letzten Jahr über 900 Tonnen Gemüse und Früchte abgesetzt.» Die Frage, ob Coop das Sortiment künftig ausbauen oder gar zur Norm erklären will, wollte die Sprecherin jedoch nicht beantworten. Klar ist: Ein Apfel mit einer unschönen Delle schmeckt nicht weniger gut als sein kosmetisch einwandfreies Pendant. Und so versuchen Landwirte immer öfter, ihre Produkte direkt an den Kunden abzusetzen.

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