Freihandel

Bauer Sahli ist egal, was die Politik macht: Er hat keine Angst vor offenen Grenzen

Auf seinem Hof in Uettligen (BE) geht Fritz Sahli neue Wege – und zwar einige. Er fürchtet weder volatile Preise noch offene Grenzen.

Bei Bise sind die Hühner lieber im Stall. Nur ein paar Dutzend der rund 800 Legehennen nutzen an diesem Nachmittag den weiten Auslauf, der ihnen auf dem Hof Schüpfenried von Bauer Fritz Sahli in Uettligen BE zur Verfügung steht. Entsprechend dicht gedrängt scharren sie im Stall und gackern. Auch 20 Hähne wohnen im mobilen Unterstand.

Der Vorteil: Sobald die Hühner die Wiese abgegrast haben, zieht der Bauer den mehrere Tonnen schweren Stall mit zwei Traktoren ein paar Meter weiter. Und schon ist die Wiese wieder frisch. Ein Solar-Panel vor dem Stall produziert Strom, um die Hühner mit Wasser und Futter zu versorgen und die Eier auf einem Fliessband in ein Vorzimmer zu transportieren.

Neben den mehr als 750 Eiern pro Tag verkauft Sahli auch Kartoffeln, Rüebli, Rind- und Schweinefleisch, Dinkel und Roggen sowie Strom und Wärme aus der eigenen Produktion. Doch es sind nicht seine verschiedenen Standbeine, die dazu führen, dass er optimistisch in die Zukunft blickt. Er fürchtet weder volatile Preise noch offene Grenzen. Es ist seine Überzeugung, dass sich mit Qualität, mit tierfreundlicher Haltung, weiterhin Geld verdienen lässt. «Agrarbetriebe auf der ganzen Welt produzieren heute nicht mehr Lebensmittel, sondern Rohstoffe, literweise Milch zum Beispiel. Den Rohstoff Milch gibt es auf dem Markt für 30 Cent pro Liter zu kaufen. Die Preise sind gegeben, also muss der Bauer sein Einkommen über die Menge herausholen. In der Schweiz ist das unmöglich.» Nur für Wiesenmilch erhalte der Bauer einen halbwegs anständigen Preis. «Wer will da noch melken?»

Qualität geht vor Menge

Bloss: Auch die reine Mutterkuhhaltung rentiere in der Schweiz nicht. Ein Verlustgeschäft, sagt Sahli. Denn die Aufwendungen an Zeit und Futter seien zu hoch. Deshalb setzt er auf Qualität vor Menge. Drei seiner eigenen Mutterkühe stehen im Stall und kauen am Heu, eine hat eben die Gruppe verlassen und bewegt sich Richtung Wiese. Der Stall ist offen. Seine 80 Kühe und Rinder fressen Gras und Heu. «Wenn sie Milch nur für die Kälber produzieren müssen, brauchen sie kein Kraftfutter.»

Trotz den vielen Tieren auf dem Hof – Sahli hat neben Kühen, Rindern und Schweinen auch Bienen, 3 Esel und 20 Geissen – betreibt Sahli hauptsächlich Ackerbau. Er bewirtschaftet 20 Hektaren Getreidefläche; auf drei davon baut er Kartoffeln und Gemüse an, pflegt Wald und Grün- und Ackerflächen in einem Umfang, der ungefähr fünfzig Fussballfeldern entspricht.

Vorteil Agglo

Fritz Sahli trägt kein Klumpenrisiko wie etwa ein Milchbauer. Dafür muss er seine Ware selbst vermarkten und absetzen. Schon vor 20 Jahren, als Bio noch wenig populär war, baute er sich ein Netzwerk von Läden und Restaurants auf, die seine Ware verkaufen. Die Nähe zur Stadt Bern, die nur zehn Autominuten entfernt ist, sei ein Vorteil. Ein zahlungskräftiges Publikum, das umweltbewusst isst. Bio eben.

Sahli ist überzeugt, dass sein Modell zwar nicht für alle, aber für viele Betriebe funktionieren würde. Nur was bedeutet es, wenn die Bauern nur noch auf Qualität setzen? Können sich in der Konsequenz bald nur noch reiche Leute Fleisch leisten? «Wer sagt denn, dass wir jeden Tag Fleisch essen müssen?», fragt Sahli. «Lieber ein Mal die Woche, dafür gutes Fleisch.»

Und was, wenn nun die Zölle herabgesetzt werden und mehr ausländisches Fleisch auf den Markt kommt? «Mir ist das egal, wenn die Grenzen sich öffnen. Auf die Politik will ich mich sowieso nicht verlassen.» Was ihn hingegen ärgert, ist die Inkonsequenz. «Wenn wir den Markt öffnen, dann auch für Dienstleistungsberufe, für Geometer und Notare.» Die Schweizer profitierten von viel höheren Löhnen, seien aber nicht bereit, etwas mehr für ihr Essen auszugeben. «Ein Bauer in Deutschland hat unter Umständen eine bessere Existenz, weil er seinen Mitarbeitern viel tiefere Löhne zahlen muss», sagt Sahli.

Zudem sollen die Bauern mehr machen dürfen, die Regeln seien zu streng. Er habe Glück gehabt, sagt Sahli. Da sein Hof nicht in einer reinen Landwirtschafts-, sondern in einer Sonderzone liegt, konnte er bauen. Ein Hofsaal wird für Seminare und Firmenanlässe vermietet, die Hofgastronomie verpflegt die Gäste. Im Stöckli wohnen junge Leute mit Lernschwierigkeiten. Das Sozialprojekt führt ein ehemaliger Mitarbeiter Sahlis. Der Strasse zugewandt ist ein grosszügiges Hofcafé samt Laden.

Er wolle nicht klagen, sein Hof erwirtschafte rund eine Million Franken Umsatz. Doch viel bleibe ihm nicht. Er nennt seinen Hof ein KMU und verweist auf die Löhne, die er zahlen muss. Die tiergerechte und ökologische Landwirtschaft fördert auch der Bund, Sahli erhält 100 000 Franken Direktzahlungen. Trotz hoher Verschuldung kann er weiter investieren.

Fritz Sahli sagt, er könne auch ohne das Geld des Bundes leben. Sein Hof funktioniert relativ autonom. Die Felder düngt er mit eigenem Mist, den er mit Kompost anreichert. Den Strom von den Solar-Panels auf den Dächern verkauft er, für Elektroautos hat er eine Tankstelle eingerichtet. Nur für seine Hühner und Schweine kauft er 40 Tonnen Futter zu.

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