Care Farming
Bauer Briker bringt den Jugendlichen die Regeln bei

Interessiert Bergbauernfamilie Briker-Herren aus dem Kanton Uri hat schon rund 70 Jugendliche bei sich aufgenommen. Die einen brauchen ein Time-out von ihrem Alltag, die anderen verbüssen eine Jugendstrafe.

Karen Schärer
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Auf der Trogenalp bei Familie Briker-Herren gewinnen Jugendliche in schwierigen Situationen wieder Boden unter den Füssen. Chris Iseli

Auf der Trogenalp bei Familie Briker-Herren gewinnen Jugendliche in schwierigen Situationen wieder Boden unter den Füssen. Chris Iseli

Der Regen verstärkt das Bild noch: Das Haus von Briker Armin und seiner Familie auf der Trogenalp 1500 Meter über Meer ist ein Zufluchtsort. Hier ist es warm; hier sitzt man gemeinsam am Küchentisch. Hier gibt es keine Ablenkung: Wer mit dem Mobiltelefon Kontakt zur Aussenwelt sucht, muss einige Schritte zum Strässchen hinuntergehen. Statt einer Flut an Informationen und Reizen gibt es hier das Rauschen der Wasserfälle. Ohne Möglichkeit, alle paar Minuten die Statusmeldungen der Kollegen abzurufen, hebt sich der Blick zu den imposanten Bergflanken, die ringsum aufragen.

Genau diesen Effekt streben Vormundschaftsbehörden, Jugendanwaltschaft oder andere zuweisende Stellen an, wenn sie Jugendliche via Caritas-Bergeinsatz, eine Abteilung von Caritas Schweiz, bei Bergbauern platzieren: Die Jugendlichen sollen sich in einer komplett anderen Lebenssituation wiederfinden und zur Ruhe kommen.

Eine junge Frau in engen Jeans steht vor der Alphütte und raucht. Sie leistet einen zweiwöchigen Arbeitseinsatz im Rahmen einer Strafmassnahme. Drinnen in der Küche, wo die Decke ebenso tief hängt wie die Regenwolken draussen, serviert Tanja Briker-Herren Kaffee im Glas. Die 34-jährige, gebürtige Bernerin und gelernte Pflegefachfrau ist seit fast zehn Jahren im Kanton Uri zu Hause. Die Familie lebt von Oktober bis Mai beim Dorf Unterschächen an der Klausenstrasse, von Juni bis September 500 Höhenmeter weiter oben auf der Trogenalp.

60 bis 70 Jugendliche aufgenommen

Seit 2007 haben Brikers geschätzte 60 bis 70 Jugendliche in ihre Familie aufgenommen. Manche bleiben nur eine Woche, andere gut drei Monate. «Wir sind hier am Ende der Welt», sagt Tanja Briker. «Die Jugendlichen bringen ihre Welt in unsere Stube hinein.» Es sei spannend, sich mit der heutigen Jugend auseinanderzusetzen, begründet Armin Briker die Bereitschaft, fremde Menschen aufzunehmen.

Ein Schuss Exotik ist dabei garantiert: Auf die Alp kommen viele Jugendliche mit Migrationshintergrund. Besonders schwierige Situationen habe es nicht gegeben, sind sich die Eheleute einig. Wenige Arbeitseinsätze mussten abgebrochen werden. Verstosse jemand gegen die Familienregeln – etwa, sich ohne zu fragen aus dem Kühlschrank zu bedienen – sprechen Brikers den Regelbruch sofort an. Manche Jugendliche sind bei den Kindern Marco (7), Luis (4) und Silvio (2) beliebt, gegen andere rebellieren sie. Für Brikers gehört all dies dazu.

Die «Burschen» halten sich während ihrer Zeit bei den Bergbauern eher an den 36-jährigen Familienvater. Sie helfen bei der Arbeit im Stall, auf den Wiesen, beim Käsen. Die jungen Frauen sind eher an Tanja Brikers Seite anzutreffen, gehen ihr im Haushalt zur Hand oder spielen mit den Buben.

Time-out für die Jungen

Die Gründe, weshalb die jungen Menschen in die Berge geschickt werden, sind vielfältig. Die einen sind straffällig geworden: Sie haben Zigaretten, Parfüm oder Kleider gestohlen, sind ohne Ausweis oder angetrunken Auto gefahren, sind eingebrochen oder gewalttätig geworden.

Andere, so erklärt es Käthi Holzgang von der Caritas am Telefon, kommen aus einer Problemsituation. Sie seien meist nicht der Ursprung des Problems, doch komme dieses zuerst bei den Jugendlichen zum Vorschein. Das kann bedeuten: Der Jugendliche schwänzt die Schule, verweigert sich, sitzt die ganze Nacht vor dem Computer, hat keine geordnete Tagesstruktur mehr. Ein Time-out kann eine geeignete Massnahme sein.

«Hier kommen sie schnell in einen normalen Rhythmus. Bedingt durch unsere Kühe und Schweine haben wir einen sehr strukturierten, immer gleichen Tagesablauf», sagt Tanja Briker. Anders als bei der Strafmassnahme steht die körperliche Arbeit beim Time-out weniger im Vordergrund. Hier geht es stark um Beziehungsarbeit und um das Erreichen vorgängig festgesetzter Ziele. Die einen sollen Tagesstrukturen wiedergewinnen, andere sollen das Gefühl wiederfinden, Boden unter den Füssen zu haben, selbstständig oder arbeitsfähig zu sein.

«Es war mir eine Lehre.»

Armin Briker schmunzelt und erzählt, wie manche straffällig gewordenen Burschen zu ihm sagen: «Es war mir eine Lehre.» Nie mehr wollen sie einen Stall misten. Die junge Frau, die nach ihrer Rauchpause an die Wärme getreten ist, sagt: «Es ist so schön und still hier. Ich habe viel über den Scheiss nachgedacht, den ich gemacht habe.»

Ob die jungen Menschen den Bergbauern nicht ein einseitiges Bild der «heutigen Jugend» vermitteln? «Manchmal fragen wir uns schon, wo das hinführt», sagt Armin Briker. Doch bei vielen sähen sie, dass sie gut erzogen und hilfsbereit seien. «Wir sind überzeugt, dass viele den Rank finden.» Ob das tatsächlich so ist, wissen Brikers nicht, denn sie bleiben mit den temporären Familienmitgliedern nicht in Kontakt. «Wir geben unser Bestes, während sie hier sind. Wenn sie abreisen, müssen wir einen Strich ziehen, denn wir können nicht alles beeinflussen», sagt Tanja Briker.

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