Ernährungs-Serie
Bauer Bigler: «Das Handy ist längst mein wichtigstes Arbeitsinstrument»

Der Berner Bauer Rudolf Bigler setzt radikaler als andere auf technologischen Fortschritt. In seinem Stall stehen Fütterungs- und Melkroboter, die ihm unentwegt Daten auf sein Handy liefern.

Dennis Bühler
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Bauer Rudolf Bigler im Stall bei seinen Kühen: «Das Handy ist mein wichtigstes Arbeitsinstrument.»

Bauer Rudolf Bigler im Stall bei seinen Kühen: «Das Handy ist mein wichtigstes Arbeitsinstrument.»

Sandra Ardizzone

Kuh Nummer 19 betritt den Melkroboter und macht sich sofort über den Futtertrog her, während ein Laserstrahl die Position ihrer Zitzen eruiert. Dann heften sich vier Zitzenbecher an das Euter, und die Milch beginnt zu fliessen. 24,1 Liter werden dem 798 Kilogramm schweren Tier abgemolken, bevor es Platz macht für die nächste Kuh, die ungeduldig vor dem Automaten wartet. Obwohl sein Betrieb auf Effizienz getrimmt ist, nennt Landwirt Rudolf Bigler Kuh Nummer 19 lieber Cécile. «Unmittelbar nach den zwei Kindern und meiner Frau kommen die Kühe», sagt er. «So selbstverständlich, wie jedes Tier einen eigenen Charakter hat, hat jedes einen eigenen Namen.»

Roboter liefert viele Daten

Seine Hochachtung vor der Leistung der Tiere zeigt sich während des Rundgangs über seinen Hof wenig später ein zweites Mal. Die 13-jährige Kelly – Kuh Nummer 3 – habe in ihrem Leben mehr als 115'000 Liter Milch gegeben, erzählt Bigler stolz. Auch die älteste Kuh auf dem mit 70 Hektaren überdurchschnittlich grossen Hof im bernischen Moosseedorf hat sich bestens an den Melkroboter gewöhnt, kennt doch auch sie nichts anderes: Vor anderthalb Jahrzehnten bereits begann Bigler die Milchwirtschaft zu automatisieren – als einer der ersten Landwirte der Schweiz.

Ernährungs-Serie: Von der Saat bis Zum Teller

Im September stimmen wir über die Ernährungssicherheit ab. Das nimmt die «Nordwestschweiz» zum Anlass, das Thema Ernährung in einer Serie aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten.

- Teil 1: Was Schweizer essen und wie viel sie dafür ausgeben

- Teil 2: Selbstversorgung

- Teil 3: Agrar-Imperium Fenaco: Die unsichtbare Hand, die uns füttert

Der Melkroboter liefert nicht nur frische Milch, sondern auch unzählige Daten. So erhebt er etwa das Gewicht der Kuh, die Leitfähigkeit ihrer Zitzen und Temperatur und allfällige Farbveränderungen der gemolkenen Milch. Mithilfe eines elektronischen Chips, den jede Kuh an einem Halsband trägt, identifiziert die Maschine das Tier. Auf dem Computermonitor in der eigens eingerichteten «Schaltzentrale», einem kleinen Raum gleich neben dem Melkstand, kann Bigler die Performance jedes Tieres live mitverfolgen.

Roboter füttern und putzen

In Moosseedorf leistet nicht nur der Melkroboter «Lely Astronaut», sondern auch sein Bruder «Lely Vector» wertvolle Dienste: Pausenlos schiebt sich der fast drei Meter in die Höhe ragende feuerrote Fütterungsroboter zwischen dem Kuhstall und der angrenzenden Scheune hin und her, wo Bigler Heu und anderes Futter gelagert hat. Gierig fressen sich die 120 Holstein-Rinder der Spur entlang, die der Roboter im Stall hinterlässt. Dank eines emsig umherschwirrenden Entmistungsroboters tun sie das auf sauberem Untergrund.

Die 120 Muttersauen und die jährlich mehr als 2000 Ferkel, die auf dem Hof gemästet werden, werden ebenfalls automatisch gefüttert: Bigler braucht bloss das Rezept zu programmieren, dann mischt es die computergesteuerte Anlage zusammen und schüttet es ohne menschliches Zutun in die Tröge.

Unaufhaltsamer Strukturwandel

Eigentlich sei er gar kein Technikfreak, sagt Bigler. «Doch ich habe früh erkannt, dass auf der Strecke bleibt, wer nicht mit der Zeit geht.» 330 000 Franken gab er vor drei Jahren aus, um zwei Melkroboter der dritten Generation aus den Niederlanden zu importieren. Viel Geld. Bigler aber ist überzeugt, dass nur digitalisierte und automatisierte Betriebe eine Überlebenschance haben. Speziell in der Milchproduktion, die stärker als jeder andere Landwirtschaftsbereich internationaler Konkurrenz ausgesetzt sei und unter tiefen Preisen leide.

Der Strukturwandel schreitet unaufhaltbar voran: Etliche Bauern geben ihre Betriebe auf, die verbleibenden werden grösser. «Vor 30 Jahren gab es in Moosseedorf 17 Milchproduzenten, heute sind wir zu zweit», sagt Bigler. Während unseres Besuchs lädt ein Bauer aus der Region ein Dutzend Kälber auf dem Hof ab. Einer mehr, der sich aus der Milch- und Fleischproduktion zurückzieht.

Horrorszenario Stromausfall

Bigler, als Bauernsohn auf diesem Hof aufgewachsen, ist in den vergangenen Jahren vom herkömmlichen Landwirt zum Datenmanager mutiert. «Das Handy ist längst mein wichtigstes Arbeitsinstrument», sagt der 57-Jährige. Seit Jahren hat er es nicht mehr ausgeschaltet, nichts fürchtet er mehr als einen Stromausfall oder einen defekten Akku. Keine Woche vergeht, ohne dass Bigler nachts nicht mindestens einmal von einem Piepton aus dem Schlaf gerissen würde, weil eine App ein technisches Problem einer Maschine meldet oder auf eine kranke oder sich aus anderen Gründen auffällig verhaltende Kuh hinwiese. «Körperlich ist das Bauernleben weniger anstrengend als früher», sagt er. «Weniger stressig aber ist es deswegen nicht geworden.»

Rund einen Drittel ihrer Arbeitszeit wenden Rudolf Bigler, seine 26-jährige Tochter Manuela und sein 22-jähriger Sohn Simon inzwischen für die Wartung der Geräte und Reparaturarbeiten sowie die Kontrolle der unzähligen anfallenden Daten auf. Tendenz steigend.

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