Montagsinterview
Basler Wirtschaftsprofessor Frey: «Nobelpreisträger sind in vielen Fragen ahnungslos»

Der Basler Wirtschaftsprofessor Bruno S. Frey sieht ein Problem in der medialen Überhöhung von Nobelpreisträgern, wie sie mitunter durch das jährliche Schaulaufen der Weltstars in Lindau am Bodensee befeuert wird.

Daniel Zulauf
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«Vor allem junge Ökonomen müssenUntersuchungen anstellen, die nicht unbedingt von allgemeiner Relevanz sind», kritisiert Bruno S. Frey.CHRISTIAN SCHNUR/Key

«Vor allem junge Ökonomen müssenUntersuchungen anstellen, die nicht unbedingt von allgemeiner Relevanz sind», kritisiert Bruno S. Frey.CHRISTIAN SCHNUR/Key

KEYSTONE

Er ist einer der renommiertesten immer noch aktiven Wirtschaftswissenschafter der Schweiz. Entsprechend taucht Bruno S. Frey auch auf internationalen Tagungen immer wieder auf. Der Basler ist aber nicht nur ein Wissenschafter im Elfenbeinturm, sondern wendet als politischer Ökonom die Theorie auch auf alltägliche Gegebenheiten ausserhalb des Wirtschaftssektors an. Zum Beispiel publizierte er zur Ökonomie der Politik oder des Glücks. Womit Frey auch einen kritischen Blick auf seine eigene Disziplin wirft. So geschehen beispielsweise auch letzte Woche am Bodensee, wo sich Nobelpreisträger aus aller Welt zur jährlichen Lindautagung trafen. Bruno S. Frey ist inzwischen zwar 76 Jahre alt. Und dennoch äusserst aktiv und auch kurzfristig und unkompliziert verfügbar für ein Montagsinterview.

Herr Frey, die Promotoren der Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften preisen den Austausch der Forscher über Länder und Grenzen hinweg. Nicht selten werden die Ökonomen aber auch politisch sehr konkret, zum Beispiel indem amerikanische Nobelpreisträger mit Empfehlungen für europäische Regierungen aufwarten. Ist das legitim?

Bruno S. Frey: Gegen gute Ratschläge kann man keine Einwände haben. Aber ich finde, gerade in der aktuellen Situation sollten sich die amerikanischen Ökonomen vor allem um die Wirtschaftspolitik im eigenen Land kümmern. Es gibt einige Ökonomen, die gerne überall in der Welt verkünden, was andere Länder besser tun oder lassen sollten. Zurzeit hätten die USA die Ratschläge ihrer Spitzenökonomen aber selber besonders nötig.

Gibt es eine Dominanz von amerikanischen Ökonomen in der Welt?

Ja, diese gibt es absolut. Die starke amerikanische Dominanz in den Wirtschaftswissenschaften kommt daher, dass die fünf wichtigsten wirtschaftswissenschaftlichen Publikationen alle amerikanisch sind, und jeder Ökonom, der weltweit gehört werden will, muss seine Forschung in einer dieser Publikationen veröffentlicht haben. Aus diesen Publikationen kommt das ganze Prestige, und junge Ökonomen, die Professuren anstreben, werden auf dieser Grundlage auf die Lehrstühle berufen. Aus diesem Grund gibt es viele europäische Ökonomen, die mehr über das Federal Reserve als über die Notenbank im eigenen Land oder die Europäische Zentralbank wissen.

Vor drei Jahren fragte Bundeskanzlerin Merkel in Lindau offenbar einigermassen frustriert: «Wie nützlich sind die Wirtschaftswissenschaften – wie sind die Wirtschaftswissenschaften nützlich?» – Wie lautet HEUTE Ihre Antwort?

Ich war dort und die von Ihnen zitierte Aussage von Frau Merkel war nur ein Nebensatz, der von der Presse sehr aufgebauscht worden war. Frau Merkel äusserte sich nicht so kritisch über die Ökonomen, wie die damalige mediale Diskussion suggerieren wollte. Ich finde, die Volkswirtschaftslehre kann und soll einen wichtigen Beitrag zur Gestaltung der Politik leisten, aber ich möchte gerne nochmals betonen, dass sich die Wissenschaft auch gezielt mit den Problemen auf unserem Kontinent befassen und nicht meinen sollte, dass man auf beiden Seiten des Atlantiks immer mit den gleichen Rezepten zu Erfolg kommen kann.

Meint das jemand?

Sicher. Nehmen Sie nur das Beispiel der geringen Arbeitslosigkeit in der Schweiz. Das ist ein aussergewöhnliches Phänomen, und die Ergründung dessen Ursachen wäre für die Wissenschaft sehr bedeutend. Aber es gibt nur wenige amerikanische Ökonomen, die von dieser Situation überhaupt Kenntnis haben. Es würde auch einem Nobelpreisträge gut anstehen, wenn er sich einmal der Frage annähme, was die Schweiz denn anders und vielleicht besser macht als andere Länder. Meine eigene Forschung zeigt auch, dass die Menschen in der Schweiz wesentlich glücklicher sind als in den Vereinigten Staaten von Amerika.

EZB-Präsident Mario Draghi sagte vergangene Woche in Lindau, dass fast alles, was die ökonomische Wissenschaft produziert, eine politische Wirkung entfalte. Sollten wir uns darüber freuen oder eher davor fürchten?

Ich würde sagen, wir können uns freuen – aber natürlich nicht uneingeschränkt. Immerhin, vergleicht man den gesellschaftlichen Nutzen der Volkswirtschaftslehre mit jenem anderer Disziplinen, so sind wir meiner Meinung nach doch gut aufgestellt.

Als der österreichische Ökonom Friedrich von Hayek 1974 den Nobelpreis erhielt, sagte er, es sei eigentlich keine gute Idee, Ökonomen mit dieser Auszeichnung zu beehren. Ein einzelner Ökonom könne sich diese Ehre gar nicht verdienen, und überdies erhalte er damit zu viel politischen Einfluss. Hatte Hayek recht?

Ja, ich stimme Hayek zu. Viele Nobelpreisträger in der Ökonomie haben die Auszeichnung für eine ziemlich spezielle Forschung erhalten. Dessen ungeachtet werden sie danach aber zu allen Themen in der Wirtschaft und in der Gesellschaft befragt. In vielen dieser Fragen sind sie dann natürlich ziemlich ahnungslos, sehen sich aber trotzdem gezwungen, Aussagen zu machen.

Sie wurden selber schon mehrfach als möglicher Kandidat für den Nobelpreis genannt. Wie würden Sie mit einer solchen Ehrung umgehen?

Ich würde mich natürlich riesig freuen, weil es bei allen Einschränkungen eine sehr grosse Auszeichnung bleibt, die jeder Ökonom haben möchte. Meine Forschung ist allerdings viel breiter als jene anderer Ökonomen. Deshalb erachte ich meine Chancen, den Preis zu gewinnen, als sehr klein.

Es gibt die Kritik, dass die Ökonomie in der Spezialisierung zu weit gegangen ist. Was denken Sie darüber?

Ich teile diese Kritik. Vor allem junge Ökonomen, die ihre Forschung in den renommiertesten Fachzeitschriften publizieren möchten, müssen sehr spezielle und konkrete Untersuchungen anstellen, die nicht unbedingt von allgemeiner Relevanz sind. Das hat zu einer enormen Spezialisierung bei jungen Ökonomen geführt, die ich auch mit Blick auf die Lehre an den Universitäten für problematisch halte.

Sie haben kürzlich ein Buch herausgegeben mit 71 ökonomischen Ideen zum Vergessen. Welche Ideen sollten wir auf keinen Fall vergessen?

Das sind die grundlegenden Erkenntnisse zum Beispiel, dass nicht nur Zusammenarbeit, sondern auch Wettbewerb etwas Gutes ist. Wichtig sind auch die institutionellen Bedingungen und die Erkenntnis, dass das Individuum entscheidend ist.

Vor 200 Jahren hat David Ricardo in seinen «Priniciples of Political Economy and Taxation» den Beweis erbracht, dass Handel über die Grenzen hinweg immer zu einer Mehrung des Wohlstandes führt. Warum reicht diese Erkenntnis nicht mehr aus, um Protektionismus zu verhindern?

Der türkische Ökonom Dani Rodrik, der in Harvard lehrt, sagt, Demokratie und Freihandel seien unvereinbar miteinander. Freihandel schafft zwar Wohlstand, bringt aber immer auch Verlierer hervor. Diese wehren sich in einer Demokratie und nöti- gen der Politik Einschränkungen des Freihandels ab. Das Phänomen beobachtet man ja sehr aktuell in den USA. Der Freihandel steht zwar unter Druck, aber als allgemeines Prinzip bleibt die Idee grossartig.

Sie haben erwähnt, dass die Schweizer glücklicher sind als die Amerikaner. In dem Buch über ökonomische Ideen zum Vergessen findet man einen Aufsatz vom Ökonomen Richard Easterlin, der besagt, dass Wirtschaftswachstum die Menschen nicht glücklicher macht. Stimmen Sie zu?

Easterlins Aussage ist umstritten. Ich selber vertrete die Auffassung, dass Wirtschaftswachstum für viele Ländern und auch bei uns für die unteren Einkommensschichten sehr wichtig ist. In den vergangenen Jahrzehnten konnte die Armut in der Welt gewaltig vermindert werden dadurch, dass Indien und China das Wachstum erfolgreich gefördert haben. Diese Errungenschaft sollte man nicht kleinreden.

Was kann man in Lindau lernen?

Die Tagung ist ein Gewinn in verschiedener Hinsicht. Es treffen sich dort viele Ökonomen, die sich gegenseitig noch gar nicht kennen. Auch viele junge Ökonomen werden eingeladen, und diese erleben dort, wie die oft ziemlich angejahrten Nobelpreisträger teilweise reichlich veraltete Theorien vortragen. Die jungen Ökonomen lernen, dass Theorien einen Lebenszyklus und ein Ablaufdatum haben und dass man sich immer neuer, aktueller Fragen annehmen muss. Zum Beispiel sollte sich die Wirtschaftswissenschaft dringend des Flüchtlingsproblems annehmen. Es braucht vernünftige Lösungen, die wenig mit alten Theorien zu tun haben, weil es das Problem in dieser Form früher gar nicht gegeben hat.

Aktionärsrechte: Wo man uns mitreden lassen sollte

Die Wissenschaft lebt, wenn sie in der Lage ist, sich zu erneuern. Dass dies immer noch möglich ist, wird an grossen Forschungstagungen wie jener in Lindau bisweilen auch für ein breiteres Publikum offensichtlich. Vergangene Woche rüttelte Oliver Hart in Lindau am Denkmal des amerikanischen Ökonomen Milton Friedman, indem er dessen Theorien zum Shareholder Value infrage stellte. Friedman argumentierte vor fast 50 Jahren, Manager sollten Firmen in Übereinstimmung mit Gesetz und Sitten ausschliesslich auf Gewinnmaximierung trimmen und ethische Entscheidungen den Individuen und den Regierungen überlassen. Zwar steht Friedmans These schon lange in der Kritik und vielerorts erschallt der Ruf nach Verwaltungsräten, die willig und fähig sind, mit ihren Unternehmen die Interessen aller Anspruchsgruppen zu berücksichtigen.

Doch kann man diese Forderungen nur an Publikumsgesellschaften richten, deren Aktien an der Börse kotiert sind? Man sollte, findet Hart. Mit Forscherkollege Luigi Zingales akzeptiert er zwar Friedmans Prämisse, dass sich die Manager ganz auf die Interessen der Aktionäre konzentrieren sollten. Aber die zwei Ökonomen vertreten die Meinung, dass dies deutlich über die Maximierung der finanziellen Rendite hinausgeht. Zwar könne ein Investor auch mit dem Geld seiner Dividende Gutes tun, aber er kann damit nicht das Geschäftsgebaren von Unternehmen verändern. Das sollten Unternehmen deshalb selber tun, indem sie nicht nur den Börsenwert, sondern im Interesse ihrer Aktionäre allgemeiner die Steigerung des Wohls ihrer Eigentümer anstreben.

Doch Firmen haben eine natürliche Tendenz, die sozialen Präferenzen ihrer Eigentümer zu ignorieren, weil diese einen Verzicht auf Umsatz beinhalten können. Deshalb sei es nötig, dass die Manager durch Abstimmungsentscheide der Eigentümer geleitet und daran gehindert werden, ihre Politik am kleinsten gemeinsamen Nenner aller Eigentümer – dem Geldnutzen – auszurichten. Zwar halten viele Individuen selber gar keine Aktien, aber über die Pensionskassensysteme und andere kollektive Vermögensanlagen gehören die Unternehmen letztlich doch dem allgemeinen Publikum. (dz)