Interview
Basler Kantonsarzt: «Ich warne davor, den Leuten zu viel Angst zu machen»

Basel-Stadt mausert sich in Sachen Pandemiebewältigung zum Vorzeigekanton. Kantonsarzt Thomas Steffen erklärt, was die Basler besser machen als der Rest und warum die Schweiz noch einen langen Weg vor sich hat.

Dennis Frasch
Merken
Drucken
Teilen
Kantonsarzt Thomas Steffen an einer Pressekonferenz des Bundes zur Coronasituation.

Kantonsarzt Thomas Steffen an einer Pressekonferenz des Bundes zur Coronasituation.

Anthony Anex/Keystone

Herr Steffen, der Kanton Basel-Stadt hat die tiefste 7-Tage-Inzidenz der Schweiz, die tiefste Positivitätsrate und es wird am drittmeisten getestet. Was macht Basel-Stadt besser als alle anderen?

Thomas Steffen: Erstmal vorweg: Ich bin kein Freund von eigenen Lobpreisungen. Wir sind alle immer noch ein gutes Stück von einer akzeptablen Lage entfernt.

Trotzdem scheint Ihr Kanton einiges besser zu machen als andere.

Ich denke, das lässt sich auf fünf Gründe herunterbrechen, welche Basel-Stadt besonders helfen. Zuallererst ist da die strukturelle Dimension: Wir sind ein Stadtkanton mit einer hohen Bevölkerungsdichte. Das ist aus epidemiologischer Sicht natürlich ein Nachteil, jedoch überwiegen die Vorteile eines Kantons, dessen Gesundheits-, Gemeinde und Kantonsfunktion unter einen Hut fallen.

Wenn man als Kantonsarzt in einem grösseren, flächigeren Kanton Entscheide durchsetzen muss, dann ist das viel schwieriger. Da muss dann zum Beispiel erstmal die jeweiligen Gemeindepräsidenten kontaktieren. Kurzum: Der Weg von den Entscheidungsträgern bis zu denjenigen, die ausführen, ist wesentlich kürzer.

Was sind die anderen Gründe?

Der zweite Grund betrifft Massnahmen, die hier relativ früh verabschiedet worden sind. Auch wird in Basel mehr getestet und unser Contact Tracing funktioniert sehr basisnahe. Zu guter Letzt wird in Basel sehr klar und offen kommuniziert, das darf nicht unterschätzt werden.

Welche Rolle spielt die Tatsache, dass die Kantonsregierung mehr oder weniger aus demselben politischen Lager kommt?

Ich kann mich tatsächlich an keine Sitzung mit Vertreterinnern und Vertreter aus der Politik erinnern, die «politische» Züge angenommen hat. Es wurde immer sehr sachbezogen diskutiert, immer mit dem Ziel, den gemeinsamen Feind zu bekämpfen.

In einer Krise wie dieser kann es sehr schädlich sein, wenn man in klassische politische Schemen verfällt.

Wäre Basel-Stadt ein Land, so stünde es mit 5,5 Impfungen pro 100 Personen auf dem weltweit fünften Platz. Andere Kantone liegen weit dahinter. Auch hier wieder: Was macht Basel-Stadt besser?

Wir haben früh mit der Planung begonnen. Das war im September. Auch haben wir mit allen möglichen Szenarien gerechnet. Also ebenfalls mit Impfstoffen, die bei minus 70 Grad gelagert werden müssen. Wir haben auch eine eigene elektronische Datenverarbeitung aufgebaut. Letztlich waren wir gut vorbereitet und weniger überrascht von der frühen Impfstoffzulassung.

Was würden Sie anderen Kantonen raten, die mit der Pandemiebekämpfung hadern?

Ich habe anderen Kantonen sicher nicht zu raten. Mir fällt aber auf, dass in der Schweiz in den letzten zwei, drei Jahrzehnten viel Wissen verloren gegangen ist, das man zum Beispiel während der spanischen Grippe aufgebaut hat. So haben nicht mehr alle Kantone ein geschlossenes schulärztliches System. Dieses erweist sich bei uns jedoch als äusserst nützlich: Wir haben Ärzte, die sehr gut vernetzt sind mit den Schulen und so einen schnellen Informationsaustausch garantieren. Bei der Nachverfolgung der neuen Virusmutationen hilft das extrem.

Ein weiteres Beispiel: Früher gab es zum Teil Bezirksärzte, die die Aufgaben der Kantonsärzte in ihren jeweiligen Ortschaften übernahmen. All das schafft vor allem etwas, das in einer Pandemie eminent wichtig ist: Zeit. Entscheidungen können schneller basisnahe umgesetzt werden.

Also plädieren Sie für eine Wiedereinführung von geschlossenen Gesundheitssystemen.

Genau. Es braucht ein flächendeckendes System für den bevölkerungsbezogenen Gesundheitsschutz. Das kann zum Beispiel auch in Form von mandatierten Grundversorgern geschehen, die schnell Eingreifen können, wenn es nötig ist.

Sie haben die Schulen angesprochen: Momentan wird ja wieder heiss diskutiert, ob man die Schulen schliessen sollte. Wie stehen Sie dazu?

Ich bin weiterhin der Meinung, dass man hier zurückhaltend sein sollte. In Basel-Stadt haben wir nun den Weg eingeschlagen, viel mehr zu testen. Bei Symptomen auch die unter 12-Jährigen. Ebenfalls wurde die Quarantäne erweitert. Mit der neuen Virusmutation wage ich jedoch nicht zu prognostizieren, wie es in einem Monat um diese Frage steht.

Sie haben gegenüber dem «Tagesanzeiger» gesagt, dass man aufgrund der Virusmutation nicht in Alarmismus verfallen sollte. Wie meinen Sie das?

Die jetzigen Massnahmen finde ich völlig in Ordnung und sehr wichtig, sie haben das Potential, auch gegen die neuen Virusvarianten entscheidend zu helfen. Dass man die Menschen auf die Gefahr aufmerksam macht und davor warnt, ist auch in Ordnung. Ich warne jedoch davor, den Menschen zu sehr Angst zu machen. Das kann dazu führen, dass die Gesellschaft irgendwann die Massnahmen nicht mehr mittragen will und die Gefahr einfach ausblendet.

Wie sollte man dann kommunizieren?

Stellen Sie sich vor, man ist auf einem Schiff mitten in einem Sturm. Wenn der Kapitän meine Angst auch noch widerspiegelt, dann habe ich erst recht Angst.

Der Kapitän sollte einem das Gefühl geben, dass er weiss, wie man das Schiff in sichere Gewässer führt.

Angenommen, das Schiff findet wieder zurück in sichere Gewässer und die Fallzahlen sinken auf ein Niveau, das Contact Tracing wieder möglich macht. Werden wir die Kontaktverfolgung dieses Mal auf die Reihe kriegen?

Das ist schwer zu hoffen. Wir haben auf diesem Gebiet zu lange auf Individualmedizin gesetzt und geglaubt, das löse alle Probleme. Es braucht jedoch auch eine bevölkerungsbezogene Medizin. Wenn wir dereinst diese Welle überstanden haben, müssen wir das Contact Tracing effizient beibehalten.

Denn es ist gut möglich, dass uns das Coronavirus noch Jahre begleiten wird in Form von kleineren, lokalen Ausbrüchen. Dann ist es matchentscheidend, dass das Contact Tracing auch funktioniert. Und eigentlich ist es ja nichts Neues: Bei der Tuberkulosebekämpfung setzt man seit Jahrzehnten auf Umgebungsuntersuchung. Wenn unsere Ahnen das vor 100 Jahren geschafft haben, dann können wir das auch.