Strike for Future
Basisdemokratisch wie einst die Hippies: «Es gibt keine Hierarchie, wir sind offen für alle»

Die Bewegung «Strike for Future» ist extrem unübersichtlich. Wie organisiert sie sich?

Sabine Kuster
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Die dezentrale Organisation ist gewollt: Es gibt kein Präsidium, keinen Vorstand, kein Zentralkomitee.

Die dezentrale Organisation ist gewollt: Es gibt kein Präsidium, keinen Vorstand, kein Zentralkomitee.

Keystone

Gestern wurde nachgeholt, was vor einem Jahr der Pandemie zum Opfer fiel: Proteste der Klimajugend zusammen mit Gewerkschaften. In fast jeder Stadt gab es Aktionen. Was nach einer landesweiten Organisation tönt, ist in Wahrheit ein Flickwerk, über das nicht einmal die jungen Leute aus der Kommunikationsgruppe die Übersicht haben. Jeden Tag ist jemand anders fürs Medientelefon verantwortlich.

Wir erreichen Luca Schäfer, 17, der sagt, die dezentrale Organisation sei gewollt: Es gibt kein Präsidium, keinen Vorstand, kein Zentralkomitee. An den zahlreich stattfindenden Treffen nehmen mal nur drei, mal dreissig Personen teil, per Zoom oder vor Ort, zum Beispiel in Bern. «Es ist basisdemokratisch, es gibt keine Hierarchie, wir sind offen für alle», sagt Luca Schäfer, und man wähnt sich in die 70er-Jahre zurückversetzt. Am Ende einer Sitzung werden die «To Dos» gesammelt und Personen zugeteilt, oder die Teilnehmer tragen sich selber ein. Es gibt für alles eine Gruppe, fürs Manifest oder die Kommunikation, aber kein Organisationskomitee.

140 Lokalgruppen – «Das Ziel ist, alle Bevölkerungsschichten reinzubringen»

Was sich ein Erwachsener im Berufsleben, längst an Sitzungen, Protokolle und Hierarchien gewohnt, schwer vorstellen kann, scheint zu funktionieren. Zumindest agiert die «Strike4Future» schon seit zwei Jahren so. Die Website ist professionell, im Campaigning sind sie Profis. Zwar ist die Fluktuation hoch, sagt Luca Schäfer, aber Personalmangel habe man noch nie gehabt: Ständig kommen Neue, und auch alte Mitglieder kehren zurück. Er selbst war letzten Frühling dabei und legte bis vor zwei Monaten eine Pause ein. Das Alter liege zwischen 16 und 25 Jahren, doch das wolle man ändern: «Das Ziel ist, alle Bevölkerungsschichten reinzubringen, denn die Klimaerwärmung ist nicht nur unser Problem», sagt Luca.

Im letzten Jahr sind rund 140 Lokalgruppen entstanden, die auf Gemeinde- und Quartierebene aktiv sind. «So machen auch ältere Personen mit, die an ihrem Einfluss auf die Politik zweifeln. Sie werden ermutigt, dass sie doch etwas verändern können», sagt Luca Schäfer. «Mit diesem Optimismus können wir viel mehr erreichen.» Bäume pflanzen, Bienenhotels bauen, Solaranlagen aufstellen nennt er als Beispiele.

Was ist mit der Beeinflussung der Politik? «Wir suchen die Nähe der Politiker nicht», sagt Luca, «seit Jahren ändert sich nichts, wir haben genug davon. Stattdessen soll sich die Bevölkerung zusammenschliessen für eine ökologisch tragfähige Gesellschaft.»

Nicht nur die Gewerkschaften, auch andere soziale Organisationen und NGO sollen nun involviert werden. «Denn sozial benachteiligte Personen sind automatisch besonders betroffen vom Klimawandel und tragen gleichzeitig am wenigsten dazu bei.»