Debatte
Bärfuss: «Sehe bei Köppel nichts Intellektuelles, nur Ideologie»

Lukas Bärfuss äussert sich nach seinem kritischen Essay über die Schweiz erstmals ausführlich. Er sagt, dass die SVP "rechtsextrem" sei und was der Auslöser für den Text gewesen ist.

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Lukas Bärfuss in Krakau, wo er auf Lesereise ist. «Koala» wurde in 15 Sprachen übersetzt, auch auf Polnisch.

Lukas Bärfuss in Krakau, wo er auf Lesereise ist. «Koala» wurde in 15 Sprachen übersetzt, auch auf Polnisch.

Patrik Müller

Mit seinem Schweiz-Essay in der FAZ sorgte er für Aufsehen. Jetzt, nach den Wahlen, äussert sich Schriftsteller Lukas Bärfuss in der Zeitung "Schweiz am Sonntag" ausführlich zum Wahlresultat. «Es wird Zeit, dass wir die Dinge beim Namen nennen», sagt er. "Wer das Asylrecht aufheben will, ist rechtsextrem. Wer die Europäische Menschenrechtskonvention kündigen will, ist rechtsextrem. Wer mit nazistischen Symbolen Wahlwerbung macht, ist rechtsextrem. Das alles trifft auf die SVP zu", sagt Bärfuss im Interview mit der "Schweiz am Sonntag" (hier gehts zum ganzen Interview).

Den Erfolg der SVP führt er primär auf deren "unbegrenzte Mittel" zurück, die Blocher beisteuere. "Die SVP hat in zwanzig Jahren ihren Wähleranteil von 10 auf fast 30 Prozent steigern können, indem sie Angst schürt. Angst vor dem Fremden und Angst vor Europa. Beunruhigend ist die Verbindung des Extremismus mit unbegrenzten finanziellen Mitteln." Bärfuss erwartet darum von den anderen Parteien, dass sie endlich ein Parteienfinanzierungsgesetz auf den Weg bringen, welche die Geldströme offenlegt.

Dichter, Denker, Familienvater

Lukas Bärfuss, 1971 in Thun geboren, ist Autor mehrerer Romane (u. a. «Hundert Tage», 2008, «Koala», 2014) und Theaterstücke («Die sexuellen Neurosen unserer Eltern», «Der Bus»). Von 2009 bis 2013 war er ausserdem als Dramaturg am Schauspielhaus Zürich tätig. Jüngst hat sich Bärfuss als Kritiker der Schweiz hervorgetan und wurde deshalb bereits als «neuer Max Frisch» bezeichnet. Für Aufsehen sorgte vergangene Woche sein Essay «Die Schweiz ist des Wahnsinns» in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Er erhielt u. a. den Berliner Literaturpreis (2013) und den Schweizer Buchpreis (2014). Bärfuss lebt mit seiner Frau und den drei Kindern in Zürich.

Er äussert auch Kritik an der direkten Demokratie: "Seit dem Nein zum EWR 1992 wird sie von rechts sakralisiert. Direkt ist diese Demokratie schon lange nicht mehr." Mit Propaganda werde den Bürgern weisgemacht, wir würden über Problemlösungen abstimmen – und er erwähnt dabei die Minarett- und Masseneinwanderungsinitiative. "Aus ideologischen Gründen ist eine politische Diskussion über die direkte Demokratie verboten." Er fordert unter anderem die Einführung des Ausländerstimmrechts, sonst nähere sich die Schweiz einem "Apartheids-Staat", wenn "eine Gruppe von Menschen konsequent von der politischen Beteiligung ausgeschlossen ist".

Und von den Medien erwartet er, dass sie dem Extremismus auf den Grund gehen. Laut Bärfuss ist es kein Zufall, dass im Wahlvideo der SVP die Zahl 88 zu sehen ist - "ein unzweideutiges Nazi-Symbol".

Auch am bestgewählten Nationalrat des Landes, "Weltwoche"-Verleger Roger Köppel, lässt er kein gutes Haar: "Ich sehe da nichts Intellektuelles. Ich sehe nur Ideologie. Keine eigenständige Idee, keinen kreativen Gedanken, keinen Ansatz einer Lösung. Nichts."

Zudem verrät er, was ihn dazu getrieben hat, überhaupt den Essay zu schreiben, der letzte Woche in der "FAZ" erschienen ist: Die Kulturzeitschrift "Du" hat der Kunstsammlung von Christoph Blocher ein ganzes Heft gewidmet. "Und nebenbei hat er gleich noch die Kulturzeitschrift Du gekauft", so sein gehässiger Kommentar dazu.

Ein Max Frisch der Gegenwart wolle er aber nicht sein: "Mich haben andere Denker mehr geprägt: Lessing, Heine, Schopenhauer, Walter Benjamin, Simone Weil." Zudem sehe er sich nicht als Schweiz-Kritiker, antwortet er den Netzbeschmutzer-Vorwürfen. Ihm gehe es um das Zusammenleben in instabilen Zeiten wie diesen, welche durch Geld Menschen korrumpierbar mache. Er verweist dabei auf die Weimarer Republik, in der reiche Industrielle Adolf Hitler finanziell den Aufstieg ermöglichten. Oder an Berlusconis Italien. "In solchen Verhältnissen möchte ich nicht leben." Dagegen schreibe er an. (az/fam)