«Sommermärchen»-Prozess

Bange Frage in Bellenz: Hat deutscher Angeklagter das ganze Gericht mit Corona angesteckt?

Am Mittwoch war er noch guter Dinge: Wolfgang Niersbach, ehemaliger Funktionär des Deutschen Fussball-Bundes DFB. Wenn es dumm lief, hat er danach aber das ganze Gericht angesteckt.

Am Mittwoch war er noch guter Dinge: Wolfgang Niersbach, ehemaliger Funktionär des Deutschen Fussball-Bundes DFB. Wenn es dumm lief, hat er danach aber das ganze Gericht angesteckt.

Der am Mittwoch angereiste Wolfgang Niersbach, Angeklagter im Fussball-Prozess, begab sich gestern wegen Corona-Verdacht in Quarantäne. Der «Sommermärchen»-Prozess ist wieder unterbrochen.

Die Entwicklung um den «Sommermärchen»-Prozess in Bellinzona wird immer absurder. Erst um halb vier am Donnerstag nahm das Bundesstrafgericht die Verhandlung wieder auf. Bereits nach etwa sieben Minuten war der Spuk vorbei. Präsidentin Sylvia Frei schloss die Verhandlung bis auf weiteres. Der Prozess wird frühestens am Montag weitergehen, wie eine Nachfrage am Rand des Prozesses bei Anwälten ergab.

Als Grund für die Verschiebung gab die Präsidentin an, dass der Beschuldigte Wolfgang Niersbach abwesend sei. Diese Abwesenheit hatte einen pikanten Hintergrund: Der ehemalige Funktionär des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) hatte sich am Donnerstag Mittag in selbstverordnete Quarantäne begeben, wie Frei mitteilte. Corona-Verdacht.

Der Grund: Die Schule von Niersbachs Stiefsohn, das Jüdische Gymnasium in München, wurde gestern wegen eines Corona-Verdachtsfalls geschlossen. Niersbach, der erst am Vortag in der Schweiz angereist war, habe kurz vor Mittag davon erfahren, sagte sein Schweizer Anwalt, und sich daraufhin in Quarantäne begeben.

Niersbach wohnt mit seiner Lebensgefährtin und deren Sohn zusammen. Weil sie bis am Dienstag engen Kontakt gehabt hätten, liege eine Übertragung auf der Hand, sofern sein Stiefsohn angesteckt sei. Wenn Niersbach angesteckt ist, dann ist damit zu rechnen, dass er den Virus am Prozess verbreitet hat. Möglicherweise bis hin zum Spruchkörper. Niersbach will jetzt jedenfalls zwei Wochen in Quarantäne bleiben.

Absurdes Theater am Bundesstrafgericht. Die Sache ist besonders darum pikant, weil der Prozess in den letzten Tagen voll im Zeichen von Corona-Virus stand. Die Anwälte der vier Beschuldigten drangen immer wieder darauf, die Verhandlung wegen der Corona-Gefahr zu verschieben.

Das Gericht hatte kein Einsehen, es wollte den Prozess unbedingt durchziehen. Obwohl der Kanton Tessin den Corona-Notstand ausgerufen hat. Der Hintergrund dafür liegt auf der Hand: Die Vorwürfe verjähren bereits gegen Ende April.

Weiter geht es jetzt frühestens am Montag. Auch die Anwälte der vier Beschuldigten wissen derzeit nicht viel mehr. Ihnen wurde gesagt, das Gericht berate morgen Freitag über die zahlreichen Anträge der Verteidigung und das weitere Vorgehen. Vermutlich erfahren die Anwälte morgen mehr. Die Befragung von Zeugen, namentlich Sepp Blatter, Günter Netzer und Franz Beckenbauer, hatte das Gericht bereits am Vortag auf frühestens nächste Woche verschoben.

In Bellinzona stehen seit Anfang Woche vier um die 70 Jahre alte Männer vor Gericht. Die drei Altfunktionäre des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) Horst Schmidt, Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach. Sowie der Schweizer Urs Linsi, ehemaliger Generalsekretär der Fifa.

Dem ehemaligen DFB-Personal wird vorgeworfen, 2005 zusammen mit Linsi 10 Millionen Franken aus der DFB-Kasse an den Unternehmer Robert Louis-Dreyfus via Fifa und unter Linsis Mithilfe geschleust zu haben. Damit wurde, aus nicht bekannten Gründen und laut Anklage unrechtmässig, eine Schuld von Franz Beckenbauer aus dem Jahr 2002 getilgt. Dies alles geschah im Vorfeld und im Zusammenhang mit der Fussball-WM 2006 in Deutschland, die als «Sommermärchen» in die Geschichte einging.

Linsi: «Ich will endlich Gerechtigkeit»

Während Zwanziger und Schmidt aus gesundheitlichen Gründen nicht am Prozess erschienen, ist Linsi seit Montag vor Ort. An der neusten Entwicklung hat er keine Freude, wie er klar macht. «Ich will endlich Gerechtigkeit», sagt er. Er sei jetzt jahrelang durch den Dreck gezogen worden und sei überzeugt, dass er freigesprochen werde, habe er sich doch nichts vorzuwerfen.

Er hoffe, dass der Prozess durchgezogen und vor Verjährung ein Urteil ergehe. Er werde jedenfalls in Bellinzona bleiben, so lange der Prozess laufe. Auch wenn sich die Corona-Gefahr noch verschärft.

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