Zum kleinen Fahrplanwechsel am kommenden 9. Juni werden neu im Stundentakt direkte S-Bahnen von Bellinzona via Lugano bis zum Interkontinentalflughafen Mailand-Malpensa verkehren (S50). Damit geht der lang gehegte Wunsch der Tessiner in Erfüllung, von Lugano ohne Umsteigen den wichtigen Flughafen erreichen zu können. Allerdings dauert die Fahrt zum rund 70 Kilometer entfernten Airport 1 Stunde und 46 Minuten. «Das ist nicht attraktiv», moniert die Tessiner Sektion des Fahrgastverbandes Pro Bahn.

Eigentlich hätten diese Direktzüge auch ein Meilenstein für eine Fernverbindung zwischen dem Tessin und der Westschweiz sein sollen. Denn der Stopp in Gallarate, eine Haltestelle nach Varese, ermöglicht einen Umstieg auf die Simplon-Linie. Über diese Linie wird der Fernverkehr zwischen Mailand und Genf/ Bern via Domodossola abgewickelt. Allerdings zeigt ein Blick in den Fahrplan, dass dies nur gerade bei zwei Relationen pro Tag möglich sein wird: Bei einer Abfahrt um 6.05 Uhr (mit zusätzlichem Umsteigen in Brig nach Lausanne) und 18.05 Uhr in Lugano. Die Fahrzeit von Lugano nach Lausanne via Gallarate beträgt dann 4 Stunden und 37 Minuten.

Als die grenzüberschreitende Bahnverbindung Mendrisio–Stabio–Varese (FMV) geplant und gebaut wurde, tönte es ganz anders. So schrieben die SBB nach einer Verwaltungsratssitzung im Mai 2007, in welcher das Vorprojekt FMV abgesegnet wurde: «Die Bahnfahrt zwischen Lausanne und Lugano dauert künftig via Simplon und Gallarate nur noch 3 Stunden 15 Minuten statt 5 Stunden 20 Minuten.» Was aus heutiger Sicht aber besonders verwundert, ist folgende Einschätzung: «Die SBB rechnen für die neue Bahnverbindung mit einem Nachfragepotenzial von jährlich über drei Millionen Personenfahrten.»

Die neue Bahnlinie (rot markiert) hätte Mendrisio und Varese verbinden sollen.

Die neue Bahnlinie (rot markiert) hätte Mendrisio und Varese verbinden sollen.

SBB rudern zurück

Der Ex-Chef von SBB-Infrastruktur, Philippe Gauderon, hatte stets den internationalen Aspekt dieser Strecke unterstrichen, auch wenn die vorgesehene Reisezeit schon bald auf gut 4 Stunden korrigiert wurde. Die am 8. Januar 2018 durchgehend und mit jahrelanger Verspätung in Betrieb genommene FMV war neben der Durchmesserlinie Zürich (DML) und der Linie Cornavin–Eaux-Vives–Annemasse (CEVA) im Raum Genf ein Bestandteil von drei wichtigen SBB-Agglomerationsprojekten, deren Bedeutung über die jeweilige Region hinausreicht. Im Falle der FMV bedeutete dies, dass sie neben dem Regionalverkehr, vor allem für Grenzgänger, und dem Anschluss an Mailand-Malpensa eben auch als wichtige Relation zwischen Süd- und Westschweiz eingestuft wurde. Dies lässt sich in den Kreditbotschaften nachlesen, welche etwa der Kanton Tessin zur Finanzierung dieser Linie publiziert hat. Mehr als 130 Millionen Franken flossen von Schweizer Seite in die neue Schienenverbindung.

Auf Anfrage erklärt SBB-Sprecherin Roberta Trevisan, dass sich das Gesamtbild des Fernverkehrs zwischen der Süd- und Westschweiz durch die beiden Basistunnels – der Gotthard-Basistunnel ist seit Dezember 2016 in Betrieb, der Ceneri-Basistunnel wird Ende 2020 in Betrieb genommen – verändert habe. Die Reisezeit zwischen Lugano und Lausanne werde ab Ende 2020 auf rein helvetischem Weg (via Luzern) 4 Stunden und 14 Minuten betragen. Daraus folge: «Da ab 2020 entgegen den ursprünglichen Planungen nur noch ab dem Mendrisiotto ein Fahrzeitgewinn zwischen Tessin und der Westschweiz über Gallarate resultiert, schätzen die SBB das Nachfragepotenzial für diese Verbindung heute als eher tief ein.»

Dass die Verbindung vom Tessin in die Westschweiz via Simplon keine Rolle mehr spielt, hängt indes auch damit zusammen, dass Trenitalia für die EC nur einen einzigen Halt zwischen Domodossola und Mailand vorsehe. Und da ist ihnen Stresa wichtiger als Gallarate. «Das Ziel wurde jedenfalls verfehlt», sagt Remigio Ratti, Verkehrsexperte und emeritierter Professor für Regionalökonomie an der Universität Lausanne. Seiner Meinung nach hätte man mit Italien bessere Anschlüsse aushandeln können. Das ist nun nicht der Fall. Bei der einzigen Verbindung von Lugano nach Lausanne mit nur einmaligem Umsteigen müssen Fahrgäste in Gallarate geschlagene 40 Minuten warten.