Was die «NZZ am Sonntag» enthüllt hat, ist eines der törichteren Projekte der Verwaltung: Im Auftrag der Regierung schickt das Bundesamt für Verkehr (BAV) eine Liste mit wenig rentablen Bahnlinien in die Konsultation. Betroffen sind 175 der 300 Schweizer Regionalstrecken. Nun wird geprüft, diese auf Busbetrieb umzustellen.

Wer täglich mit Zug oder Auto zu Stosszeiten zur Arbeit fahren muss, der weiss: Bahnen und Strassen sind übervoll. Busse statt Züge wären nicht nur weniger bequem, sie würden vielerorts im Verkehr stecken bleiben. Deshalb staunt, wer die BAV-Liste studiert: Da erscheinen S-Bahn-Linien wie Basel-Laufen-Delémont und Langenthal-Olten-Lenzburg-Baden, die soeben teuer sanierte Schmalspurbahn Aarau-Menziken, praktisch alle Regionallinien im Kanton Solothurn, inklusive dem «Bipperlisi», dessen Erweiterung nach Oensingen just gestern eingeweiht wurde. Dann touristisch bedeutsame Strecken wie Landquart-Klosters-Davos - und sogar die Vitznau-Rigi-Bahn; wie ein Bus die Rigi erklimmen soll, erwähnt der Bericht nicht.

Listen mit gefährdeten Bahnlinien tauchen in regelmässigen Abständen auf. 2003 titelte der «Blick»: «55 Bahnlinien droht das Aus» - passiert ist nichts. Denn solche Listen haben taktische Gründe: Ein Aufschrei geht durchs Land, jeder Politiker, der jemals wiedergewählt werden möchte, empört sich - was gibt es Emotionaleres als eine Bahnlinie? - und das Thema ist vom Tisch. BAV-Direktor Peter Füglistaler sagte zur Aufregung gegenüber «Le Matin» befriedigt: «Das zeigt einmal mehr die Verbundenheit der Schweizer mit ihrem Bahnnetz. Wir profitieren von einem exzellenten Angebot im ganzen Land. Das hat seinen Preis.»

Notwendig wäre es jedoch, ernsthaft über die Kosten des Regionalverkehrs zu reden, statt Schaum zu schlagen. Der Regionalverkehr in der Schweiz kostet rund 3,5 Milliarden Franken pro Jahr. Fast die Hälfte davon, 1,7 Milliarden Franken, zahlen Bund und Kantone. Dazu kommen die anstehenden milliardenteuren Bahninvestitionen, die auch dem Regionalverkehr dienen. Zweifel sind erlaubt, ob sich dieses Angebot dauerhaft finanzieren lässt. Diskussionen über grossflächige Stilllegungen jedoch fruchten nichts: Wo ein Bus mehr Sinn macht, ist die Bahn längst verschwunden.

Überprüft werden sollte vielmehr das Angebot, das in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut wurde. Auch in Randzeiten, wenn Züge fast leer herumfahren: neue Halbstundentakte am Wochenende (etwa von Baden nach Koblenz), neue Viertelstundentakte (etwa von Dietikon nach Bremgarten) - kein Wunder, dass da die Kosten stärker steigen als die Einnahmen und die Rentabilität sinkt. Hier haben die öV-Planer zum Teil überbordet. Wir leisten uns zu Randzeiten und an Wochenenden einen Luxus, der für ein attraktives Angebot nicht nötig wäre, sondern dieses wegen der Kostenfolgen gefährdet.

In diesem Bereich gibt es Sparpotenzial. Zusätzlich könnte das BAV einen eher symbolischen Sparbeitrag leisten: in dem es künftig auf sinnlose Listen verzichtet.