Kritik an SBB

Bahnchaos im Mittelland: Krähe oder TGV – wer ist wirklich Schuld?

Die aktuelle Ausgabe der «Schweizer Eisenbahn-Revue» wirft den SBB vor, Falschinformationen zum TGV-Unfall vom 20. September bei Aarau veröffentlicht zu haben. Die SBB wehren sich gegen diesen Vorwurf.

Am 20. September wurde eine Fahrleitung zwischen Aarau und Olten durch einen TGV-Lyria-Zug beschädigt und heruntergerissen. So lautete das offizielle Statement der SBB, das am gleichen Abend veröffentlicht wurde. Für Eisenbahnexperte Walter von Andrian ist diese Mitteilung falsch. Der Chefredaktor der «Schweizer Eisenbahn-Revue» wirft den SBB in der aktuellen Ausgabe vor, falsche Informationen zu diesem Vorfall verbreitet zu haben.

Der Ansicht der «Eisenbahn-Revue» nach ist der Zug der französischen Staatsbahnen nicht der Schuldige am Unglück. Der interne Untersuchungsbericht der SBB stützt diesen Sachverhalt. Neben der Unfallstelle wurde nämlich eine tote Krähe gefunden.

Diese hatte sich laut internem Bericht in den Fahrleitungen verheddert und einen kurzen elektrischen Spannungsabfall erzeugt. Durch diesen wurde die Fahrleitung so in Mitleidenschaft gezogen, dass der nach einigen Minuten vorbeifahrende TGV diese gleich ganz mitriss und nach rund 400 Metern stehen blieb.

Tatsache ist, dass der TGV nur mit dem hinteren Stromabnehmer lief. Hätte dieser die Fahrleitung wirklich selber runtergerissen, wäre es wohl kaum möglich gewesen, dass diese einen Schaden an der Frontscheibe anrichtet. Hauptverursacherin des Defekts dürfte dementsprechend die Krähe gewesen sein.

Damit konfrontiert, sprechen die SBB von einer bereits vor dem Unfall existierenden Vorschädigung der Fahrleitung, gibt die Schuld aber teils nach wie vor dem TGV.

Laut Mediensprecher Christian Ginsig kann man sich zur Ursache nicht weiter äussern, bis der Bericht der schweizerischen Unfalluntersuchungsstelle vorliegt: «Wir spekulieren nicht darüber, ob die gefundene Krähe eine Mitschuld an dem Unfall hatte. Es ist aber möglich.»

Für die SBB sind sowohl Vogel als auch Zug verantwortlich für den Unfall. Zur Verteidigung des TGV könnte laut Ginsig eine solcher Schaden auch von einem Zug der SBB und nicht per se von einem ausländischen Zug verursacht werden.

Berichtigung seitens SBB fehlte

Für Eisenbahnexperte von Andrian ist aber klar: Die SBB hätten die Sache berichtigen müssen. «Die SBB wollten bislang einfach nicht zugeben, was genau los ist. Sie rückten insbesondere nicht von der Fehlaussage ab, dass der TGV schuld am Unfall ist.»

Ihn stört in erster Linie, dass die SBB bis heute nicht bestätigten, dass der TGV nicht der Verursacher des Unglücks war und als Sündenbock dienen sollte. Das weist Mediensprecher Ginsig klar zurück: «Das ist reine Spekulation.»

Was ebenfalls eigenartig erscheint, ist der Umstand, dass die SBB erst Stunden nach dem Unfall einen ausgebildeten Lokomotivführer fanden, der den TGV steuern kann, um den Zug abzuschleppen. Ginsig erwähnt in diesem Zusammenhang den Sicherheitsaspekt, der gegenüber den Verspätungen Vorrang hatte. Während dieser Zeit war die Strecke Olten–Aarau erst gar nicht, anschliessend bis 18 Uhr nur einspurig befahrbar.

Folgenschwerer Zwischenfall

Der Vorfall vom 20. September wirkte sich auf weite Teile des Schweizer Bahnverkehrs aus. Die Schadenssumme kann noch nicht beziffert werden. Fakt ist, dass am TGV erheblicher Sachschaden entstanden ist. Tausende Personen strandeten aufgrund von Zugsausfällen an verschiedenen Bahnhöfen. Die rund 300 Personen, die im TGV warteten, konnten nach rund einer Stunde mit einem Ersatzzug evakuiert werden.

Volle Klarheit über den Unfallhergang wird erst der Bericht der schweizerischen Unfallverhütungsstelle liefern. Dieser erscheint in einigen Monaten.

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