«Baden hat es verdient, in der Welt wahrgenommen zu werden»

Zur Person: Geri Müller ist 50 Jahre alt und gehört der Grünen Partei an. Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Baden. Müller ist Vizeammann und Stadtrat von Baden, ist Nationalrat und war 2008/09 Präsident der Aussenpolitischen Kommission, in der er die Libyen-Affäre begleitet hat. Das Foto entstand gestern in seinem Büro in Baden. (sha)

Geri Müller

Zur Person: Geri Müller ist 50 Jahre alt und gehört der Grünen Partei an. Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Baden. Müller ist Vizeammann und Stadtrat von Baden, ist Nationalrat und war 2008/09 Präsident der Aussenpolitischen Kommission, in der er die Libyen-Affäre begleitet hat. Das Foto entstand gestern in seinem Büro in Baden. (sha)

Geri Müller erzählt im Interview mit der AZ über seine Erfahrungen in der APK, wie er diese Zeit gemeistert hat und wie er der möglichen Fusion Baden und Neuenhof entgegensieht.

Silvan Hartmann

Geri Müller ist Stadtrat, Nationalrat und ehemaliger Präsident der Aussenpolitischen Kommission zugleich. Kein Wunder, kommt er unpünktlich zum Interviewtermin. Im Büro des viel beschäftigten Mannes liegen denn auch viele Unterlagen. Mit Pflanzen und eigenen Bildern hat er es sich an der Bahnhofstrasse in Baden gemütlich eingerichtet.

Am Mittwoch hat US-Botschafter Donald Beyer die Stadt Baden besucht - auf Ihre Einladung. Viele Badener haben gestaunt.
Geri Müller: Sicher? Ist das wahr?

Natürlich. Ist es für Sie auch überraschend, dass Sie den US-Botschafter holen konnten?
Müller: Es ist sicherlich eine spezielle Sache, wenn die Botschafter ihre Residenzstadt verlassen. Auf der anderen Seite habe ich ein gutes Beziehungsnetz, weil ich zwei Jahren in der Aussenpolitischen Kommission war, und hatte deshalb auch relativ viel zu tun mit Amerika.

Warum ist Beyer primär gekommen? Weil er Sie kennt oder weil er sich für Baden interessiert?
Müller: Donald Beyer ist seit August im letzten Jahr in der Schweiz und hatte mich für ein Antrittsgespräch auf die Botschaft eingeladen. Ich hatte in den letzten zwei Jahren viel Besuch von Botschaftern in Baden. Ich habe dann immer gesagt, dass wir auch in Baden zusammensitzen könnten. Warum mal nicht etwas Neues?

Und wer hat dieses Angebot bereits angenommen?
Müller: In Baden war schon eine Delegation von Taiwan, Bosnien-Herzegowina oder Pakistan. Aber auch die Deutschen waren schon hier.

Sie haben mit Donald Beyer die ABB und die Berufsfachschule besucht. Warum?
Müller: Ich weiss, dass in den USA in der Berufsausbildung Probleme bestehen, vor allem auf dem nichtuniversitären Weg. Da macht es Sinn, etwas zu zeigen, wovon sie eventuell profitieren könnten. Und auf der anderen Seite können wir auch gute Stücke aus der Schweiz zeigen. Die Berufsbildung ist zweifellos ein Filetstück der Schweiz, auf das man stolz sein kann.

Und warum die ABB?
Müller: Wir haben nicht nur die ABB besucht, die KMU Swiss hat sich auch präsentiert. Das war mir besonders wichtig. Man darf nicht vergessen, dass die Kleinunternehmen in der Schweiz mehr Arbeitsplätze anbieten als die Grossunternehmen. Zudem wollte ich ihm aufzeigen, wie die kleine Schweiz funktioniert und warum sie weltweit wirtschaftlich doch so erfolgreich ist.

Und das ist gelungen?
Müller: Er war sehr beeindruckt. Er hatte gedacht, dass bei der ABB alles in Baden stationiert ist. Er wusste nicht, dass es andere Standorte gibt.

Ein normaler Stadtbesuch dauert höchstens zwei Stunden. Beyer nahm sich dafür vier Stunden Zeit. Sind Sie zufrieden mit dem Besuchstag?
Müller: Ja, absolut. Ich weiss, dass die Botschafter unglaublich viel beschäftigt sind und je unbedeutender das Land ist, desto weniger Zeit nehmen sie sich auch. In einer Stunde können Sie nur einen kleinen Aspekt ansprechen, und das mache ich nicht gerne. Donald Beyer ist ein sehr unkomplizierter Mensch. Ich bin mir sicher, er hat das Schweizer Schulsystem nun begriffen und ist beeindruckt.

Und was hat es gebracht? Es ist doch eher unrealistisch, dass die USA Anpassungen im Schulsystem machen, aufgrund eines US-Botschafters, der nun das Schweizer Bildungssystem kennt?
Müller: Ja, natürlich. Aber es ist nicht meine Aufgabe, das US-Bildungssystem zu reformieren. In den letzten Jahren hat sich dort einiges zum Positiven entwickelt. Wenn man innovativ sein will, ist es wichtig, verschiedene Systeme zu kennen, und das herauszunehmen, was man bei sich selbst verändern könnte. Aber trotz allem: Ich habe schon gehört, dass Leute in Amerika Kontakt aufgenommen haben mit unseren Berufsbildungsfachleuten, weil sie eine tiefere Beratung über unser System wünschten.

Und umgekehrt. Was wird der Besuch eines US-Botschafters der Stadt Baden längerfristig bringen?
Müller: Ich bin froh, dass Sie fragen. Längerfristig ist es für kleine Schweizer Städte wichtig, aufzuzeigen, dass sie Sinn machen. Wenn man im Ausland ist und sagt, dass man aus der Schweiz kommt, kennt man gerade mal Zürich und Genf. Baden hat es verdient, auf der Welt wahrgenommen zu werden. Beyer war beeindruckt von der Geschichte Badens. Denn die historischen Spuren sind noch immer ablesbar. Aber wichtig ist, dass er Baden nur mal gehört hat, kennt und weiss, dass es die Stadt gibt.

Hat es wegen des Besuchs von Donald Beyer eine erhöhte Polizeipräsenz im Aargau oder auch nur in Baden gegeben?
Müller: Überhaupt nicht. Mich hat das ehrlich gesagt überrascht. Ich hatte schon Gäste, bei denen wir das Restaurant vorgängig durchsuchen mussten. Aber wir haben natürlich die US-Botschaft gefragt. Sie wünschte aber keine erhöhte Präsenz.

Und Donald Beyer hat sich trotzdem sicher gefühlt in Baden?
Müller: Ja, er hat mir gesagt, dass er sich stets wohl gefühlt hat.

Sie haben am Mittwoch gesagt, dass Sie auch zukünftig Botschafter einladen wollen. Haben Sie schon Vorstellungen, welcher Botschafter es als Nächstes sein soll?
Müller: Schon ja, aber diesen Namen kann ich Ihnen nicht sagen.

Ein Vertreter aus Europa?
Müller: Nahe zu Europa.

Was heisst nahe? Ist für Sie Libyen nahe?
Müller: (lacht) Der ist nicht in der Schweiz. Aber dem würde der Badener Geist vielleicht gut tun.

Apropos Libyen: Sie standen im letzten Jahr als Präsident der Aussenpolitischen Kommission oft im Kreuzfeuer. Nun haben Sie es aufgrund der üblichen Amtsdauer abgeben müssen. Mal ehrlich, Sie dürften glücklich sein.
Müller: Wenn ich es familiär anschaue, bin ich glücklich. Es war auch für die Familie eine Herausforderung. Es ist nicht einfach, permanent in den Medien zu sein und darauf immer wieder angesprochen zu werden - vor allem auch die Kinder. Das war eine grosse Belastung. Dieses Amt, in dem System, wie es die Schweiz führt, ist mit dieser Belastung längerfristig nicht machbar.

Sie haben es trotzdem geschafft. Wie haben Sie das alles unter einen Hut gebracht?
Müller: Es ging viel Zeit auf das Schlafkonto. Aber auch die Familie kam zu kurz. Und vergessen darf man den Stadtrat Baden nicht, der stets zu mir hielt. Ohne diese Unterstützung wäre es überhaupt nicht möglich gewesen. Natürlich war auch eine akribische Planung gefragt und auch eine unglaubliche Neugierde und Lust, Problemlösungen zu bewältigen.

Was nehmen Sie für positive Erfahrungen mit?
Müller: Das ist auf der einen Seite der Konflikt im Kaukasus, mit dem ich mich intensiv auseinandergesetzt habe. Als Armenien und die Türkei den Vertrag unterzeichneten, war das fast wie eine Erlösung - ein Highlight, dabei gewesen zu sein. Auf der anderen Seite sind das allgemein die Momente, bei denen man näher dran ist - etwa auf einer Reise mit dem Bundespräsidenten. Das sind Momente, die ein Parlamentarier sonst nicht erlebt.

Sie haben bei der Aussenpolitischen Kommission die wirklichen Probleme dieser Welt hautnah erlebt. Bleibt Ihnen nun im Stadtrat nicht oftmals ein müdes Lächeln, weil es keine echten Probleme sind?
Müller: Das Problem ist immer adaptiert auf die Situation, in der man sich gerade befindet. Aber es ist schon so, gewisse Leute auf der Welt würden uns im Stadtrat nicht verstehen, weil sie beispielsweise das Problem haben, wie man sich das Essen von morgen beschafft. Die Schweiz hat auf einer komplett anderen Ebene Probleme zu lösen, aber sie sind auch ernst zu nehmen.

Kommen wir auf die kommunale Ebene. Wie sehen Sie einer Fusion Baden-Neuenhof entgegen? Für Sie als Stadtrat mit dem Ressort Bildung dürfte diese mit Mehraufwand verbunden sein.
Müller: Heute noch nicht. Nach dem Volksentscheid im Juni werde ich dann gefordert sein, detaillierte Fragen zu beantworten. Aber natürlich: Ich musste jetzt schon viel Kommunikation leisten mit anderen Gemeinden. Ich bin bereit für diese Aufgabe und freue mich auch.

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