Schweiz

Autostreit am Fusse des Matterhorns: Im Walliser Ferienort hängt der Dorfsegen schief

Ein alter Zwist sorgt im noblen Ferienort für rote Köpfe.

Ein alter Zwist sorgt im noblen Ferienort für rote Köpfe.

In Zermatt ist ein Jahrzehnte alter Zwist neu entbrannt. Ein Gruppe Ortsansässiger fordert lauthals, dass Touristen künftig mit dem Auto bis ins Dorf fahren können. Der Präsidentin passt das gar nicht. Es ist ein Kampf um Millionenbeträge – und die Identität der Gemeinde.

Alle Wege führen nach Rom – aber nur einer nach Zermatt. Wer heute in die Walliser Ski-Metropole reisen will, ist auf die Verbindung der Matterhorn Gotthard Bahn (MGB) angewiesen. Öv-Kunden nehmen den Zug ab Visp, motorisierte Kunden parkieren ihr Auto in der Garage im Zermatter Vorort Täsch, und steigen für die letzte Etappe ebenfalls auf die Schienen um.

Nur Einwohnern, Lieferwagen und Pendlern, wie zum Beispiel Saisonniers, die in den Hotels arbeiten, ist es seit 1978 erlaubt, die Strasse bis nach Zermatt zu benützen. Allerdings benötigen sie dafür eine Bewilligung für 56 Franken pro Jahr. Dafür gibt es in Zermatt rund 2500 Parkplätze, die allesamt unterirdisch sind. Schliesslich ist das Dorf für seine Autofreiheit weltweit bekannt.

Doch der Dorfsegen hängt derzeit schief. Vor einigen Wochen - noch vor dem Ausbruch der Corona-Krise in der Schweiz (siehe Box) - sorgte eine Gruppe, die sich IG Zufahrt Zermatt nennt, mit einem Artikel im «Walliser Boten» dafür, dass ein jahrzehntealter Zwist neu aufgerollt wurde. Ihre Kernforderung: Die Strasse nach Zermatt soll wintersicher ausgebaut werden, langfristig für die Öffentlichkeit zugänglich sein, und vor Zermatt sollen bis zu 2000 zusätzliche Parkplätze entstehen. Damit haben sie sich mit der Gemeindepräsidentin angelegt, die sich gegen eine Öffnung der Strasse wehrt.

Die tödliche Lawinen-Katastrophe von 1985

CH Media ging dem Disput auf die Spur, und traf beide Parteien vor Ort. In den Gesprächen wird schnell klar, dass die Fronten verhärtet sind: «An den Haaren herbeigezogen!», «Das ist lächerlich!», «Das sagen sie immer!». Ein konstruktiver Dialog scheint momentan unmöglich.

Florian Julen, Mitbesitzer des Hotels La Couronne im Zentrum von Zermatt, und der Treuhänder Karl Eggen stehen der IG Zufahrt Zermatt vor. In einem Sitzungszimmer von Julens Hotel im Dorfzentrum legen die beiden Herren ihre Standpunkte dar und kommen auf die komplexe Vorgeschichte zu sprechen. Die Strasse gibt es schon lange. Zwar wurde sie in den vergangenen Jahren stetig ausgebaut, doch ist sie nach wie vor an einigen Stellen schmal und einspurig. Und: An zwei neuralgischen Abschnitten fehlen Lawinen-Galerien, obwohl 1985 ein Reisecar von einer Lawine erfasst wurde und 11 Menschen ums Leben kamen.

«Wenn es viel schneit, bleibt die Strasse heute zu», sagt der 56-jährige Julen. So geschehen vor zwei Jahren. Mehrere Tage lang war das Dorf wegen Schneegestöbers von der Umwelt abgeschnitten. Auch die Bahn konnte nicht fahren. «Für viele Gäste war die Situation unzumutbar. Sie verpassten ihren Rückflug und mussten zwei, drei Tage einfach hier bleiben», sagt Julen. Die meisten blieben ruhig, «aber manche verloren die Fassung. Solche Szenen passen nicht zu unserem guten Ruf!»

Die IG wolle Zermatt autofrei halten, sagt Kollege Eggen. «Aber um eine wirtschaftliche Entwicklung zu garantieren, muss es für die Touristen möglich sein, bis vor die Tore des Dorfes mit ihrem Auto anreisen zu können.» Julen pflichtet dem 66-Jährigen bei: «Heute empfinden viele Gäste die Anreise als zu kompliziert.»

Für die Gemeindepräsidentin ist klar: «Das sind Höirini!»

Auf der anderen Seite des Flusses, nur 200 Meter entfernt von Julens Hotel und neben der Dorfkirche, steht das Gemeindehaus. Präsidentin Romy Biner-Hauser empfängt in ihrem Büro und stellt gleich zu Beginn klar: «Zwischen der IG und mir herrscht Einigkeit, dass die Strasse besser vor Naturgefahren geschützt werden muss. Aber eine Öffnung für die Öffentlichkeit erachte ich als praktisch unmöglich.» Dass Julen und seine Kollegen das Thema in die Medien gebracht haben, passt ihr nicht. «Sie zeigen viel Engagement, aber sie sind auch Höirini!», sagt sie auf Walliserdeutsch und meint damit Polemiker.

Doch selbst der Ausbau einer wintersicheren Strasse ist nicht so einfach. Grund ist ein Abkommen aus dem Jahr 2005, als das Parkhaus in Täsch gebaut wurde mit 30 Millionen Franken der öffentlichen Hand. Der Kanton, der Bund und die private Matterhorn Gotthard Bahn vereinbarten damals, dass die Strasse für die nächsten 25 Jahre – also bis 2030 – nicht ausgebaut werden darf. Die IG bezeichnet dieses Abkommen gestützt auf ein juristisches Gutachten als illegal. Und nun befürchten sie eine Wiederholung der Geschichte.

Anlass für ihre Angst ist der «Bahn-Ausbauschritt 2035» des Bundesrates, der in den kommenden Jahren 11,9 Milliarden Franken in die Eisenbahn-Infrastruktur investieren will. Auch Zermatt profitiert von diesem staatlichen Honigtopf. 320 Millionen Franken fliessen ins Bergdorf für den Bau eines neuen Bahntunnels zwischen Täsch und Zermatt, um die Erreichbarkeit zu gewährleisten.

Romy Biner-Hauser, Gemeindepräsidentin von Zermatt, will keine Autos, die direkt vor dem Dorfeinang parkieren.

Romy Biner-Hauser, Gemeindepräsidentin von Zermatt, will keine Autos, die direkt vor dem Dorfeinang parkieren.

Allerdings hat es in der Bundesratsbotschaft eine Passage, die bei der Eggen und Julen böse Erinnerungen hervorruft: «Zur Sicherung der Investition wird vereinbart, dass die Einschränkung der Strassennutzung gemäss heute weitergeführt wird und dass sie Strassenverhältnisse nicht verbessert werden.» Heisst: Die Millionen gibt es nur, falls bei der Strasse im Status Quo verharrt. Keine Verbreiterung, keine Wintersicherung, und definitiv keine Öffnung für ein grösseres Publikum. Ein ähnlicher Deal also, wie er bereits 2005 abgeschlossen wurde.

Als eine Mehrheit für die Öffnung der Strasse war

Gemeindepräsidentin Biner-Hauser ist über diesen Passus ebenfalls nicht erfreut. «Ich bin dagegen, dass die Entwicklung der Strasse und der Bahn miteinander verknüpft werden.» Die Gemeinde sei mit dem Kanton und dem Bund derzeit in konstruktiven Gesprächen und sie rechne damit, dass man die unterschriebene Vereinbarung im Frühsommer präsentieren könne, so, dass die Ausbaupläne für Strasse und Bahn voneinander entkoppelt sind.

Diese Prognose reicht Eggen und Julen nicht: «Wir verlangen, dass der Bevölkerung reiner Wein eingeschenkt wird.» Die Finanzierungsvereinbarung soll den Zermattern vor der Unterschrift präsentiert werden, damit sie darüber abstimmen könnten. «Es kann doch nicht sein, dass wir dazu unser Votum nicht abgeben können und die Gemeinde wohlmöglich entgegen dem Volkswillen diesen Deal eingeht.» Sie verweisen auf eine Abstimmung von 2005, bei der sich 53 Prozent für eine Öffnung der Strasse ausgesprochen hatten. Das Votum war allerdings nur konsultativ, also nicht rechtlich bindend.

Biner-Hauser will auf die Forderung nicht eingehen. «Die Vereinbarung wird dann präsentiert, wenn sie unterzeichnet ist.» Was den Ausbau der Strassensicherheit anbelangt, sei sie zuversichtlich, dass man mit Bund und Kanton eine Lösung finde. Mehr könne sie derzeit nicht sagen, fügt dann an: «Ich habe gewisse Zweifel, ob sich die Bevölkerung auch heute noch für eine Öffnung der Strasse aussprechen würde.» Doch es sei nun mal eine Kantonsstrasse. «Die Gemeinde kann hier nicht mitbestimmen.» Zermatt gelte als autofreier Kurort für viele als Vorbild. «Vertreter aus aller Welt kommen zu uns, um zu erfahren, wie wir Verkehr und Logistik mit den Elektro-Wagen im Dorf und die autofreie Zufahrt handhaben.»

Das lukrative Geschäft mit Parkplätzen

Würde man nun die Strasse für alle öffnen und gleich vor den Toren Zermatts ein Parkhaus bauen, sofern dies aufgrund der eingeschränkten Platzverhältnisse überhaupt möglich wäre, widerspräche dies der Identität des Dorfes, sagt die CVP-Politikerin. Dies würde ausserdem dazu führen, dass die Parkplätze wohl massiv teurer würden und nur noch an Gäste vermietet würden, nicht mehr an die Einheimischen.

Fakt ist: Hunderte neue Parkplätze wären ein lukratives Geschäft für die privaten Grundstückbesitzer, namentlich die Zermatter Burgergemeinde. Sie vertritt rund 30 alteingesessene Familien wie die Julens. Florian Julen räumt weiter ein, dass die autoliebenden Westschweizer Touristen eine wichtige Klientel für sein Hotel sind. Man habe aber nicht vor, den Einheimischen ihre Parkplätze wegzunehmen. «Die neue Garage wäre eine Ergänzung, und für die Einheimischen müsste die Politik eine bestimmte Anzahl Plätze garantieren.» Und Reisecars sollen weiterhin in Täsch parkieren.

Eggen und Julen betonen, sie wollten das Dorf selber auch autofrei halten, nur die Zufahrt per Auto solle ermöglich werden. Sie hegen den Verdacht, dass mit dem geplanten Finanzierungsdeal die Monopolstellung der privaten Matterhorn-Gotthard-Bahn gesichert werden soll. Ein Zugbillet für die 12 minütige Fahrt von Täsch nach Zermatt kostet 8.20 Franken. Im Verwaltungsrat der Bahn sass bis zu ihrer Bundesratswahl 2018 Viola Amherd – auf sie folgte ihre engste Vertraute Brigitte Hauser-Süess. Vor der Wahl in die Exekutive war Amherd zudem Jahre lang in der nationalrätlichen Verkehrskommission, welche den «Bahn-Ausbauschritt 2035» mitausarbeitete.

Prominenz gibt es auch beim Aktionariat der Bahn. Die beiden grössten Einzelaktionäre der Gesellschaft sind die Brüder Balthasar und Dieter Meier. Letzterer wurde als Musiker des Pop-Duos «Yello» in den 80-Jahren mit dem Lied «The Race» (Deutsch: Das Rennen) reich und weltberühmt.

Das Rennen um die Zukunft von Zermatt; es entscheidet sich in den kommenden Monaten.

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