Ausweisung trotz Note 6: Keiner versteht das

Der Entscheid, dass Olivier Cayo, Asylbewerber aus Aarau, ausgewiesen werden soll, macht fassungslos. Viele wünschen ihm, dass er das Studium in der Schweiz absolvieren kann.

Daniel Vizentini und Irena Jurinak

Der Fall von Olivier Cayo löst viel Solidarität aus. Freunde und Bekannte sprechen sich für ihn aus. Der 22-jährige Asylbewerber von der Elfenbeinküste bekam am Freitag den negativen Entscheid vom Bundesverwaltungsgericht und soll in zwei Wochen ausgewiesen werden. Seine letzte Chance ist nun ein Härtefallgesuch.

Erich Obrist ist Mitglied im Stiftungsrat Pro Argovia, welche die besten Maturarbeiten ausgezeichnet. Er war zudem Cayos Lehrer für Bildnerisches Gestalten an der Kanti. «Olivier ist sehr interessiert, hilfsbereit und offen für Neues. Der Ausweisungsentscheid ist wie ein Schnitt in seinem Leben. Als würde einem der Boden weggezogen», sagt er. «Er hat hier eine Basis geschaffen und sich integriert. Seine guten Leistungen an der Kanti geben auch gute Prognosen für sein Studium. Ich wünsche mir, dass das Bundesamt für Migration eine Lösung findet. Es wäre toll, wenn er das Studium machen könnte.»

Ein Beispiel für gelungene Integration

Auch Andreas Hunziker, ehemaliger Lehrer für Spanisch und Deutsch für Austauschstudierende, ist fassungslos. «Solche intelligenten Leute werden später aus dem Ausland in die Schweiz geholt. Jetzt haben wir einen hier und stellen ihn weg.»

Theatermacher Hannes Leo Meier aus Aarau lernte Olivier Cayo während der Arbeit am Stück «Klänge der Heimat» kennen. «Olivier war eine unglaubliche Bereicherung für unser Theater. Er wirkte mit als Schauspieler und Musiker und hat eine Qualität in die Produktion eingebracht, die viel mit seiner Persönlichkeit zu tun hat. Für mich ist er ein Beispiel für gelungene Integration.» Meier erregt Kritik an das Verfahren: «Um sinnvoll zu handeln, sind Zeitpunkt der Aussprechung und Termin der Ausschaffung zu nahe beieinander.»

Eine gute Freundin des Asylbewerbers, Cinzia Catania (21), spielte mit ihm im Stück «Klänge der Heimat». «Olivier ist eine sehr offene Person, extrem kontaktfreudig, interessiert und sehr aktiv. Er ist eine inspirierende Person, die immer viel erzählt.» In der gemeinsamen Zeit im Theater zeigte er ihr afrikanische Musik und Essen, und Cinzia zeigte ihm Dinge von hier. Mit dem Austausch entstand eine Freundschaft. «Ich war sehr überrascht, als er mir den Ausweisungsentscheid mitteilte. Ich finde es nicht fair und kenne niemanden, der sich so rasch integriert hat.»

Entscheid ist völlig unverständlich

Auch Melanie Kipfer, eine Schulfreundin, setzt sich für Olivier Cayo ein. «Ich habe Olivier vor vier Jahren kennen gelernt, als er in unsere Klasse kam. Er hat sich sehr gut und schnell integriert. Als wir in der zweiten Klasse einen Sozialeinsatz im Berner Oberland absolvierten, gehörte er zu jenen, die kräftig anpackten, ohne sich von Wind und Wetter abhalten zu lassen.» Man habe gemerkt, dass er sich sehr für die Schweiz interessiere, schreibt sie. «Olivier ist immer zu allen fair geblieben, neutraler als mancher Schweizer.»

Unverständlich findet den Entscheid auch Ivica Petrusic, SP-Grossrat und Mitglied der Organisation Secondos Plus. «Es kann nicht sein, dass wir von Ausländern Integration fordern und dann jemanden, der sich bemüht hat und sich hier etwas aufgebaut hat, wegschicken, sobald er gut integriert ist. Die Begründung des Bundesverwaltungsgerichtes, er habe sich so gut integriert, dass er das in seinem Heimatland auch könne, ist zum Schreien.»

Viele Leser haben kein Verständnis

Auch unzählige Leser haben für den Entscheid, dass Olivier Cayo ausgewiesen werden soll, kein Verständnis. Fritz Steiner aus Birrhard unterrichtete in den Jahren 2009 und 2010 Deutsch für Interessierte aus dem Asylantenheim in Birr. Der Kurs wurde von der reformierten Kirche und dem Leiter des Heimes angeregt.

«Ich habe in dieser Zeit viele hochanständige, motivierte Studenten unterrichtet, aber auch faule, unzuverlässige Leute kennen gelernt. Für das Asylverfahren spielt aber offensichtlich der Mensch, der sich hinter dem Asylgesuch verbirgt, keine Rolle.» Zuverlässigkeit, Fleiss, Engagement, also typisch schweizerische Werte, würden nichts zählen. «Einige meiner besten Leute wurden morgens um 5 Uhr aus den Betten geholt und ausgeschafft.»

Der eigentliche Skandal, der sich hinter der Geschichte verberge und sich tagtäglich in Hunderten von Fällen wiederhole, sei ein anderer: «Es darf einfach nicht sein, dass unser Asylverfahren jahrelang dauert und man Menschen in jenem Moment zurückschickt, in dem sie sich hier eingelebt haben. Es müsste möglich sein, das Verfahren in drei Monaten durchzuziehen. Das schiene mir weit weniger brutal als die gegenwärtige Praxis.»

Viele Leser wünschen, dass Olivier Cayo zumindest das Studium in der Schweiz machen kann: «Ich habe riesengrosse Bewunderung für einen jungen Mann, der sich nicht unterkriegen liess. Nach so viel Eigeninitiative und Durchhaltewillen hat er es wirklich verdient, sein Studium hier beenden zu können.»

Es gibt auch kritische Stimmen

Es gibt auch Leser, welche den Fall anders sehen: «Wie wäre es, wenn mal jemand ‹Danke› sagen würde, dass er hier eine Chance bekommen hat? Anstatt wohlgebildet in seine Heimat zurückzukehren, wird noch mehr verlangt.» Andere sprechen sich für eine Ablehnung des Gesuches aus: «Das ist ein Paradebeispiel von Wirtschaftsflüchtling!

Man könnte darüber diskutieren, ob er ein Studium abschliessen darf, aber nachher gehört diese Person wieder zurück in ihr Herkunftsland. Genau solch gut ausgebildete Personen braucht doch dieses Land! Er soll dort helfen, dass es den Menschen besser geht, und da haben wir mit der Ermöglichung seiner Ausbildung unseren Anteil getan!», schrieb ein Leser.

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