Die französische Polizei eskortierte Hani Ramadan am Samstag von Colmar nach Basel. Grund für die Ausweisung: Frankreich hat den Leiter des islamischen Zentrums in Genf mit einem Aufenthaltsverbot belegt. «Hani Ramadan ist aus der Vergangenheit bekannt für ein Verhalten und Äusserungen, die eine schwere Bedrohung für die öffentliche Ordnung auf französischem Boden darstellen», heisst es in der Mitteilung des Innenministeriums. Das Communiqué begründet das Verbot nicht weiter.

Hani Ramadan, der Enkel von Hassan al-Banna, dem Gründer der ägyptischen Muslimbruderschaft, will juristisch gegen das Aufenthaltsverbot vorgehen. Gewisse Äusserungen, die ihm vorgeworfen werden, seien schlicht falsch, sagt er am Telefon. Später schickt er ein fünfseitiges Dokument nach. Er nennt die Verfügung ungerecht und schludrig. Sie sei fehlerhaft und gebe seine Ansichten verkürzt wieder.

Von Steinigung und Euros

So werde er mit einer Aussage zitiert, dass echte Musliminnen sich integral verschleiern müssten. Das habe er nie gesagt. Seine Frau und seine Töchter würden einen Schleier tragen, aber Gesicht und Hände zeigen, schreibt Ramadan. Weiter wirft ihm das französische Innenministerium frauendiskriminierende Aussagen vor. Als Beispiel werden seine umstrittenen Aussagen zur Steinigung genannt. 2002 rechtfertigte der promovierte Geisteswissenschafter diese Strafe in einem Beitrag für die französische Zeitung «Le Monde». Die von der Scharia vorgesehene Steinigung für Ehebrecher sei zwar selbst für Muslime schwer zu ertragen. Doch sie sei nicht nur eine Strafe, sondern auch eine Form der «Reinigung». Gestern hielt Ramadan fest, dass es im Beitrag nie spezifisch um die Steinigung der Frau ging (die Aussage also nicht Frauen diskriminiere) und betonte nicht zum ersten Mal den abschreckenden Charakter dieser Strafe.

Der Text in «Le Monde», in dem er zudem Aids als eine Strafe Gottes beschrieb, brachte dem Französischlehrer 2002 die Kündigung – wegen Verletzung der Treuepflicht des Beamten und der Laizität des Staates. Die Entlassung durch den Genfer Staatsrat endete in einem langen Rechtsstreit.

Schliesslich holt den Imam mit dem Einreiseverbot auch eine Diskussion aus dem letzten Sommer wieder ein. Damals geriet er wegen eines Vortrages an einer Genfer Schule in die Schlagzeilen. Die Lehrerin, die ihn eingeladen hatte, wurde von der Schulbehörde gerügt – Ramadans öffentliche Positionen seien nicht vereinbar mit den Werten und dem Auftrag der öffentlichen Schule. Die Mutter einer Schülerin hatte gesagt, Ramadan habe bei seinem Auftritt verschleierte Frauen mit geschützten Perlen in einer Muschel verglichen und die unverschleierten mit Euro-Münzen, die von einer Hand zur nächsten weitergereicht würden. Ramadan wehrt sich gegen diese Darstellung. Verschleierte Frauen seien nicht zwingend ein Ausbund von Tugendhaftigkeit, so wenig wie unverschleierte Frauen zwingend Dämonen seien. Die Moderne schütze jedoch das Schamgefühl nicht mehr, dieser essenzielle Wert, der am Beginn der Menschlichkeit steht.

Gericht hob Massnahme auf

Die französischen Behörden erheben eine Reihe weiterer Vorwürfe. Sie erliessen bereits 1997 ein erstes Einreiseverbot, weil der umstrittene Imam eine «Bedrohung für die öffentliche Ordnung» sei. Das Innenministerium hielt zwar explizit fest, dass Ramadan keine Sympathien habe für islamische Gruppierungen, die Gewalt billigen. Doch angesichts des Erstarkens von fundamentalistischen Gruppierungen in Frankreich und der intellektuellen Ausstrahlung Ramadans sah man das Einreiseverbot als richtig an. Die Behörden schrieben, sie müssten besonders wachsam sein gegenüber allem Verhalten, das der Ausbreitung von extremistischen Thesen in Frankreich diene. 2001 hob das Verwaltungsgericht in Lyon die Massnahme auf. 

Hani Ramadan trete engagiert ein für eine rigide Anwendung des Islams, sagt der Genfer SP-Nationalrat Carlo Sommaruga. Doch Ramadan sei kein Extremist, er stehe der muslimischen Bruderschaft nahe, die sich für den politischen Weg entschieden habe. «Die Ausweisung hat mich erstaunt», sagt Sommaruga. Sie sei wohl Ausdruck des verkrampften französischen Präsidentschaftswahlkampfs.